Das gscheitere Auto

Nach dem Test Opel Zafira fragen wir uns noch mehr, weshalb trotzdem alle so ein SUV wollen. Denn eigentlich ist er ja das gescheitere Auto.

radical mag
Veröffentlicht am 24.01.2017

Andernorts wurde schon erwähnt, dass ein MPV einem SUV weiterhin und alleweil vorzuziehen ist, zuletzt im Test des Ford Galaxy. Es gilt dies unbedingt auch für den Opel Zafira, man kennt ihn seit 1999 als sowohl clever wie auch verlässlich, deshalb wurden auch schon fast drei Millionen Exemplare verkauft. Die jüngste Version mag in ihrem Neuheitswert zwar eher enttäuschend sein, doch auch das Verbesserte ist der Feind des schon Guten – und so nimmt man die Anpassungen an die Neuzeit auch bei einem Zafira gerne mit. Denn schließlich arbeitet Opel auch im Zafira weiter an der Demokratisierung all dieser HiTech-, Infotainment- und Konnektivitätssysteme, die inklusive OnStar zuhauf eingebaut sind. Davon können wir hier aber nicht weiter berichten, es fehlt uns die Phantasie, wie man OnStar denn verwenden könnte; nur so viel: das Navi lässt sich auch ohne Lektüre der Gebrauchsanweisung problemlos bedienen.

Lichtspiele im neuen Opel Zafira

Er ist schon als neu erkennbar, der neue Zafira, zumindest von vorne: das Gesicht wurde jenem der restlichen Opel-Familie angepasst und ist jetzt deutlich freundlicher (sowie: langweiliger). Selbstverständlich gibt Opel dem Liebling aller Familien alles an Licht-Höhepunkten mit auf die Straße, was Opel so zu bieten hat – und das ist ja eine ganze Menge, da gehört die GM-Tochter ja definitiv zu den führenden Herstellern. Es entsteht sogar fast ein wenig das Gefühl, dass der Wagen (also zumindest seine Front) ganz allein um die neuen Lichter herum gezeichnet wurde. Aber die sind ja schon ein Highlight – und es funktioniert auch alles bestens, die selbstabblenden Scheinwerfer können, was der Prospekt verspricht, reagieren wirklich ausgezeichnet auf entgegenkommende Fahrzeuge. Und trotzdem haben wir dann auf «manuelle» Bedienung umgeschaltet, wir möchten die Scheinwerfer halt gerne dann im Einsatz, wenn wir es selber als nötig empfinden, etwa in dunklen Dörfern oder auf engen Landstraßen. Doch das ist auch bei anderen Produkten so.

Das gscheitere Auto
© Bild: Peter Ruch

Wirklich zu loben sind einmal mehr die Opel-Sitze

Man fühlt sich auf Anhieb in den Sitzen wohl, findet sofort eine gute Position – und ermüdet auch auf langen Strecken nicht. Innen wurde der Zafira ansonsten auf Astra-Niveau gebracht, was bedeutet: klare, einfache Bedienung, viel weniger Schalter und Knöpfchen als bislang zugunsten einer besseren Übersicht, 7-Zoll-Touchscreen. Ergonomisch und haptisch ist der Zafira damit locker so gut wie der Touran, der ihm aus einigermaßen unerfindlichen Gründen in Sachen Verkaufserfolg längst davongefahren ist. Denn eigentlich bleibt der Opel ja das gescheitere Auto, flexibler, auch großzügiger in Sachen Raumangebot, mit deutlich mehr cleveren Detaillösungen. Er kann auch ein Siebensitzer sein, die hintersten beiden Sitzgelegenheiten sind weiterhin im Boden versenkbar; auf längere Strecken möchten dort aber nur kleinere Kinder sitzen müssen. Kinder mögen ihn sowieso gern, den Opel, er eignet sich gut für Kletterübungen – und ist auch von hinten her gesehen mit viel Übersicht und Licht gesegnet. Kofferraumvolumen: als Fünfsitzer schon fette 710 Liter, maximal sind es 1.860 Liter. Und die sind locker über eine tiefe Kante erreichbar; der Boden ist schön flach. Nein, wir wollen jetzt da nicht schon wieder gegen die SUV wettern, aber sie sind da (und auch beim Raumangebot) halt schon deutlich im Nachteil.

Rein in den spitzen Zafira mit seinen 200 PS

Im Test hatten wir die Top-Motorisierung des Zafira, den 1,6-Liter-Benziner, der zwangsbelüftet 200 PS leistet und ein maximales Drehmoment von 300 Nm zwischen 1.700 und 4.700/min auf die Vorderräder abdrückt. Damit ist der Opel ausgesprochen souverän motorisiert, da rennt er auf der deutschen Autobahn über 200 km/h als ganz angenehme Reisegeschwindigkeit. Erfreulich ist zudem, dass das manuelle 6-Gang-Getriebe, das zu diesem kräftigen Antrieb geliefert wird, bei weitem nicht mehr so hakelig ist wie frühere Opel-Rührwerke. Dieser böseste Zafira rennt maximal 220 km/h schnell und in 8,8 Sekunden auf 100 – Fahrleistungen, wie sie einst ein Zafira OPC vorweisen konnte. Nicht übermäßig begeistert hat uns allerdings der Verbrauch, der mit 7,2 Litern in der Norm schon recht hoch angegeben wird, im Test dann aber bei 8,5 Litern lag. Herausragend ist das nicht, allerdings sei dem Zafira zugestanden, dass wir ihn nicht wirklich geschont haben.

Das gscheitere Auto
© Bild: Peter Ruch

Denn für einen Minivan ist der Zafira erfreulich fahraktiv

Zwar ist die Abstimmung des Fahrwerks ein schöner Kompromiss mit Betonung auf Komfort – der aber auch einer etwas flotteren Kurvenfahrt nicht entgegensteht. Trotz hohem Aufbau spürt man kaum Wankbewegungen, der Opel gibt dem Piloten ein gutes Gefühl; ja, Fahrwerk, das können sie in Rüsselsheim. Die Lenkung ist präzis, die Bremsen kennen auch bei hohen Geschwindigkeiten keine Probleme, wie eine eher grobe Fahrt nach und von Frankfurt aufzeigte (denn Überhol-Prestige hat er keines, der Zafira). Eine Spur mehr Härte würde der Opel aber gut noch ertragen.

Der Preis des neuen Opel Zafira in Österreich

Der Einstiegspreis für den erneuerten Zafira liegt bei 26.090 Euro (1,4-Liter-Benziner, 120 PS); unseren Testwagen, den 1.6 Turbo Benziner mit 200 PS gibt’s in der Ausstattungsvariante Innovation ab 31.990 Euro. Das erscheint uns als sehr vernünftiger Preis, denn der Zafira bietet wirklich viel Auto, viel Flexibilität, viel Raum – wäre er ein deutlich weniger praktisches SUV, würde er viel mehr kosten. Es verbleibt uns auch deswegen rätselhaft, warum nicht mehr Familien solch einen Mini-Van, solch einen Zafira zum Mitglied machen.

Vielen Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-mag.com