Die Luftikusse des Winters

Wenn es den Warmduschern kalt um den Hintern wird, laufen wir Lufthungrigen zur höchsten Form auf. Cabrios und Roadster sind schon im Sommer klass, aber im Winter eine Offenbarung, weshalb diese auch so heißt.

10.01.2017 Autorevue Magazin

Was uns nicht umbringt, macht uns stark und glücklich
Cicero, 106 bis 43 v. Chr.

I. Viktor oder Die Freundschaft

Viktor ist eine Seele von Freund. Schon seit der Kindheit, was selten ist. Beziehungen enden oft früh an Ermüdungsbruch. Oder an eifersüchtigen Ehefrauen, die Männerfreundschaften mehr fürchten als die Rothaarige von nebenan. Viktor und ich haben darin Glück. Unsere Damen sind froh, wenn sie uns für ein paar Stunden im Wirtshaus oder im Ferrari wissen und ihre Ruh haben.

Gewiss profitieren wir auch davon, dass wir einander selten sehen. „What’s rare is beautiful“, sagt der Engländer. Viktor kommt nur über Weihnachten auf Besuch. Er hat sich’s früh in Kroatien gemütlich gemacht, fast dauerverwöhnt von Sonne und Meer. Es ist ihm herzlich gegönnt, allerdings mit einem Nachteil verbunden: Vor lauter Wetter-Verwöhnung und Müßiggang ist er schon ganz entkernt.

Das brutal-resche Alpenländische des österreichischen Berg & Talmenschen kam ihm abhanden. Ihn eine verweichlichte Zicke zu nennen, ist kaum übertrieben. Die nachfolgende Geschichte wird dies belegen. Zugleich ist sie für jene Irregeleiteten, die bisher nur in Limousinen, Coupés und SUVs unterwegs waren, eine leicht fassliche Einführung in die Freuden des Offenfahrens bei Regen, Kälte, Schnee und Eis.

II. König Artus oder Wie ich beinahe einen Haberer umbrachte

Die häufigste Frage ist die ödeste: „Wie geht’s dir?“ Kaum eine Sau interessiert das wirklich. Es gibt aber Ausnahmen, darunter Viktor. Er freut sich aufrichtig, dass ich bisher immer positiv antworten konnte: „Danke der Nachfrage, es geht mir besser, als ich’s verdiene.“ Obwohl: das klingt vielleicht ein wenig so, als hätte ich nicht alle Speichen in der Felge. Insofern vielleicht gut, dass heute ein Ausnahmetag ist.

Erstmals knurre ich Viktor an: „Falsche Frage zur falschen Zeit.“ Ich erkläre ihm unwirsch, dass ich noch die Frühstücksworte meiner Holden im Kopf habe: „2016 ist fast durch“, hat sie gesagt, „und wir haben das ganze Jahr lang keine einzige Auszeichnung erhalten. Keinen Pulitzer, keinen Buchliebling, keinen Ritterschlag, keine Einladung zu Gastvorträgen in Oxford, nix. Ich sehe die Kinder schon hungern und mich ohne zobelgefütterten Kunstpelz.“

© Bild: Andreas Riedmann

Als Gegengewicht zur eigenen Erfolglosigkeit krallte ich mir ein erfolgreiches Auto: Den mit 1 Million Anbetern meistverkauften Sportwagen Mazda MX-5, Hiroshima, Japan. Dessen Karriere verlief, als gebe es keine Ebbe, nur Flut. Für die 15-tausend Neuabonnenten seit Mitte 2015 verweisen wir auf die wissenschaftliche Arbeit „Die Metamorphosen von König Mandelauge“ (Autorevue 2/2015, paginae 87-92), die in Fachkreisen als wichtigste automobil-historische Expertise seit den Tagen von Benz, Marcus, Otto und Diesel gilt.

Darin werden die ersten drei MX-5-Generationen seit 1989 skrupulös obduziert, eingeordnet und mit einem deskriptiven Kunstnamen versehen. Der Reihe nach „König Augenaufschlag“ (interner Code: NA), „König Stromlinie“ (NB) und „König Muskelprotz“ (NC).

Auch die vierte MX-5-Generation (ND), die im Vorjahr zu uns kam, war sofort erfolgreich. Sie ist gleich in Japans „Hall of Fame“ gelandet. Und wurde heuer auf der New York Auto Show zum „World Car 2016“ erhoben. Sie räumte auch alle Design-Awards ab, darunter den begehrtesten: Red Dot. Der Neue ist seinen Vorgängern zwar wesensverwandt, aber in Vielem auch anders. Ich taufe ihn auf „König Artus“. Die ersten drei Modelle weckten vorrangig Entzücken. Er zusätzlich auch den Respekt einer Autorität.

© Bild: Andreas Riedmann

Mit König Artus ging ich jetzt auf Reise. Sie würde, wie sich später zeigte, von einem sommerlichen Herbst in den Winter führen. Viktor war mein Co-Pilot.

„Au fein“, rief er. „Klasser Wagen. Und so ein schöner, sonniger Altweibersommertag. Das wird sicher gemütlich.“ Ich mustere ihn mitleidig. Die kroatische Sonne muss ihm die einst feine Biker-Wetter-Nase verbrannt haben. Als 16-Jähriger war er mit seinem starken HMW-Zweisitzer-Moped unser King. Damals hätte er das heutige Wetter richtig interpretiert, das allzu grelle und gleichzeitig seifige Sonnenlicht mit schwefeligen Valeurs, die zusammenrückenden Wolken, die kleinen, zupfenden Böen.

Ich schwieg aber, wollte ihm die Vorfreude nicht rauben. Und keine Angst in ihm wecken. Zumal er abenteuerlich wie ein Weichei gekleidet war, schon jetzt bei noch warmen Temperaturen. Über einem Feinripp-Unterleiberl trug er ein Balkan-Shirt, darüber ein Lamm-Westchen, darüber eine Strickjacke mit Motiven der gefürchteten „Naiven Malerei“ seiner neuen Heimat, darüber einen Parka mit Kapuze, und als Reserve einen gummierten Mantel, der im 130-Liter-Kofferraum aufquoll und gerade noch Platz ließ für meinen Kreativ-Koffer, den ich nie aus den Augen verliere. Meine Vorsorge, falls ich mal flüchten und meine Familie im Exil ernähren muss.

© Bild: Andreas Riedmann

Eigentlich fehlt nur noch, dachte ich, dass er mir das Tschicken verbietet. Und schon sagte er: „Solang wir offen fahren, kannst du ruhig rauchen.“ Ich empfand keinen Ärger. Nur freundschaftliche Rührung, dass er glaubt, ich ließe mir dreinreden. Und glaubt, ich würde jemals das Verdeck schließen.
„Wo ist dein Gewand?“ fragt er besorgt, als ich schon den 2,0-Liter-160-PS-Vierzylinder anwerfe, denn wir fahren das Spitzenmodell „Revolution“. Ich zeige stumm auf mich. Ein schwarzes Lacoste-Polo aus dicht gewobenem Pikee. Immer noch die beste Qualität, trotz dem blöden Kroko, das man nicht entfernen kann, ohne das Gewebe zu zerstören. Hab’s versucht. Schade um die 100 Euro oder so.

Er schaut entsetzt. Also greife ich in den Spalt hinter seinem Sitz. Ziehe dort ein halbgefüttertes Knitterleinen-Sakko in Anthrazit hervor, für den Besuch feiner Restaurants, und leicht gefütterte Bike-Handschuhe aus Känguruleder für Alaska-Verhältnisse. Das ist aber kein Maßstab. Ich bin ein Hochtemperatur-Reaktor, fiel schon mit 25 ins männliche Klimakterium. Und ohne Beifahrer, um es gleich zu gestehen, liegt auch bei mir ein schweizerischer Wellensteyn-Parka im Kofferraum.

Bei Cabrio-Profis entschuldige ich mich, dass diese Story auch als Cabrio-Lehrstunde missbraucht wird. Die Amateure machen ja so viel falsch. Kein Wunder, dass die Cabrios und Roadster, die Prinzen unter den Autos, stagnieren. Einer von uns wird ein Cabrio-Handbuch schreiben müssen. Ein Wink für den prächtigen Stuttgarter Motorbuch-Verlag. Man kann ja darüber reden.

Ein Beispiel für Cabrio-Tricks ist der besagte „Spalt“. Ich arretiere alle meine Beifahrersitze mit einer Klemme vor dem Maximal-Anschlag. So schaffe ich mir einen zusätzlichen Indoor-Stauraum. Das ist ein wenig gemein zum Beifahrer. Aber nicht sehr. Der Fußraum der meisten Offenen ist ohnehin länger als die Beine.

© Bild: Andreas Riedmann

Das Ziel von Viktor und mir ist unser Kindheitsdorf  Pottschach, das jetzt ein Teil von Ternitz im Schwarzatal ist. Von Wien bis Berndorf nehmen wir die Südautobahn. Dort kenne ich alle neuralgischen Radar-Punkte, überprüfe grob die Vmax von 214 km/h. Und die 7 Sekunden von 0-100. Wie auch Hi-Speed-Stabilität, High-Speed-Innenwind und Hi-Speed-Lärm. Alles sehr gut bis exzellent. Mazda tendiert bei Daten eher zur Prospekt-Untertreibung. Die geringe Serienstreuung der Motoren (je nach Modell 126 oder 160 PS) zeugt von hoher Fertigungsgüte, auch die makellosen Spaltmaße und die Abwesenheit jedweden Roadster-Knisterns. Alles wirkt wie aus dem Vollen gefräst. Die Verkaufs-Million hat ihre Gründe.
Am Ende unserer Highway-Etappe, in Berndorf, sehe ich im Augenwinkel einen entsetzten Beifahrer. Er hat die Kapuze über die geschlossenen Augen gezogen. „Verzeih die flinke Fahrt“, sage ich reuig, „aber ich musste ein wenig arbeiten. Die Autorevue duldet keine Nachlässigkeit. Man ist dort irgendwie preußisch, weißt du?“

Bald danach, wir streben durchs Traisental, dann durchs Piestingtal, um Puchberg am Schneeberg zu gewinnen, sage ich: „Zieh bitte die Kapuze vom Kopf. So wie sie aussieht, fühlt sie sich an wie ein Waran. Nimm meine Baseball-Kappe. Meine Locken brauchen ohnehin Luft – nein, nicht so! Nicht verkehrt herum! Das macht allenfalls auf dem Fahrrad Sinn! Bei Autos wie dem MX-5 kommen die Windwirbel von hinten, fahren dir bei verkehrt aufgesetzter Kappe unter den Schirm und reißen sie weg. Stell dir die Dauerwellen-Innenrolle in der Frisur älterer Jungfrauen vor. So ist das mit dem Wind im offenen Cockpit!“

Ein Beispiel für Cabrio-Tricks ist der besagte „Spalt“. Ich arretiere alle meine Beifahrersitze mit einer Klemme vor dem Maximal-Anschlag. So schaffe ich mir einen zusätzlichen Indoor-Stauraum. Das ist ein wenig gemein zum Beifahrer. Aber nicht sehr. Der Fußraum der meisten Offenen ist ohnehin länger als die Beine.

Dann verstumme ich jäh. Ich Idiot! Wäre meine Kappe doch davongeflogen. Ich sehe sie jetzt, auf fremdem Kopf, erstmals in ihrer Scheußlichkeit. Die Kappe selbst ist okay. Das Furchtbare sind die angenähten Ohrenklappen im grellen Rot eines Pavian-Hinterns. Wenn du diese Kappe aufsetzt, gewinnt der Wiener Begriff „Arsch mit Ohren“ einen neuen symphonischen Klang. Ein Werk meiner Alten. Sie hat die Ohrwärmer ausgesucht und unlösbar angenäht, mit aufwendigen Kreuzstichen. Vordergründig, um die Lauscher des Liebsten zu schützen, hintergründig, um die Brut der gierigen, fremden Weiber fernzuhalten. Mit dieser Kappe schaut dich keine zweimal an, wälzt sich eher vor Ekel im Straßenstaub.

© Bild: Andreas Riedmann

Ich erröte beim Gedanken, dass ich diese Ohrwaschel-Kappe schon im offenen Lamborghini Gallardo trug, den es längst nimmer gibt. Zu Viktor sage ich: „Vergiss, was ich sagte. Der MX-5 ist eh fast winddicht. Setz sie ruhig verkehrt herum auf. Mit Gummiband vorn und Schirm hinten verlängert sie ideal dein männliches Gesichtsprofil, das in Kroatien noch gewonnen hat.“
Schnitt. Wir sind jetzt am Anfang unseres eigentlichen Ziels. Wir suchten die Rennstrecke unserer Moped-Jugend. Diese verlief irgendwo südlich, parallel zur B17, die damals noch „Triester Straße“ hieß. Über St. Valentin und Landschach stießen wir auf sie, knapp unter dem Forstwirtshaus. Sie würde uns jetzt bis nach Wr. Neustadt führen, durch stille Dörfer, brache Felder und die mystischen Föhrenwälder des Steinfelds. Und so wie früher ohne Verkehr und Exekutivkräfte.

Dahinter stand ein kluges, liberales Konzept. Die Bauernkinder sollten auf dieser unkomplizierten Rennbahn ungehemmte Fahrpraxis mit Mopeds gewinnen, um dann, mit schnell erteilter Spezialerlaubnis, blutjung auch die Nutzfahrzeuge der bäuerlichen Betriebe zu lenken.

Ich fahre in glücklicher Nostalgie drauf los, schwätze sogar gegen meine sonst muffige Art. Drehe die Heizung ein wenig höher und  ziehe das Knitterleinen über. Die Wortmeldungen Viktors werden seltener und kürzer und versiegen schließlich.

Denn nun geschah das von mir Erwartete. Zunächst wurde das Sonnengelb katzengolden. Dann wich es einem Messing-Ton, den wir von wiederverwertbaren Särgen kennen. Dann einem schmutzigen Hellgrau, als würfe eine riesige Flugechse ihren Schatten auf uns.

 

Die Temperatur sank jäh um 10 Grad.
Da hörte ich von Viktor erstmals ein Winseln.
Dann ein leichtes Nieseln.
Winselwinsel.
Dann ein feiner Regen.
Winselwinselwinsel.
Dann ein Schneeregen.
Winselwinselwinselwinsel.
Dann der reine Schnee und Dauerwinseln.

 

Im Prinzip kein Problem. Mit zunehmendem Niederschlag einfach schneller und dann noch schneller fahren. So habe ich es von den Bentley-Boys der Ennstal-Classic gelernt, die auf Achse von der Insel kamen, ohne jedes Verdeck, nur mit Persennig. Einfach das Nasse übers Cockpit fliegen lassen, nur nicht stehen bleiben. Das Verdeck zu schließen, geht beim MX-5 zwar schnell, wäre aber unsportlich gewesen.

III. Der Schwartz-Wirt oder Die Rettung

Ich bin in meinem Element, singe sehr schön „On the sunny side of the street“, bis mir neue Geräusche aus Viktors Ecke doch Sorge bereiten. Er spricht wieder, aber man versteht ihn nicht. Er lallt, obwohl wir nichts getrunken haben. Ich werfe ihm einen prüfenden Blick zu und erschrecke.

Ein Bündel Elend, oder eher ein unentwirrbares Bündel Kleider, in dem nur ein heller Gesichtsfleck den Menschen darin verrät. Die Kapuze ist nun selbst über die Kappe und die Ohrenschützer gezogen, was rein ästhetisch okay ist. Eindeutig nicht okay ist Viktor. Seine Augen sind geschlossen, die Zähne klappern wie die Kastagnetten der irischen Stripperin Lola Montez. Nur zwei Wörter höre ich deutlich heraus: „K-kalt“ und „K-Kaffee“.

© Bild: Andreas Riedmann

Schnell also zur Wärme und zum Kaffee, um Viktor zu retten. Aber leichter gesagt als getan. Wir sind jetzt im großen Föhrenwald, in dem sich selbst Förster verirren, auf etwa halber Höhe der Neunkirchner Allee. Gottlob steigt frühkindliches Wissen auf und wird zum Instinkt. Ich fahre Abschneider an seltsam vertrauten Föhren-Gruppen vorbei. Das geht nur in einem offenen Roadster, der die Wipfel der Bäume so frei legt, dass ich sie wiedererkenne aus der Zeit, als wir hier mit den Mopeds zu Hause waren. Punktgenau treffe ich auf den Schwartz-Wirt, der nun schon lang ein feines Hotel-Restaurant ist. Ein legendäres Haus, eine rettende Burg. Ein von der Neunkirchner Allee mittig gefasster Diamant. Man wird ihn später einmal in Waldecks Wanderbrief würdigen.

Viktor ist jetzt aufgetaut, lächelt auch wieder, wenn auch zaghaft. Ich kaufe ihm eine Suppe, ziehe ihn bis aufs T-Shirt aus, setze ihn ins Auto, das Verdeck bummzu, die Heizung auf Vollgas, und liefere ihn eine Stunde später staubtrocken in Wien bei seiner Elfie ab.

„Er war ein Held“, sage ich zu ihr. Das wusste sie aber eh. Er war für sie nie etwas anderes. Wie ein rohes Ei trug sie ihren Neo-Kroaten ins Haus.

Ende einer Dienstfahrt.

Daten Mazda Mx-5 G160 Revolution

Preis  € 32.690,– (NoVA 13 %)
Steuer jährlich € 721,44
Motor, Antrieb R4-Zylinder-DI-Benziner (1998 ccm), 6-Gang-Getriebe, Heckantrieb.
Leistung/Drehmoment 118 kW (160 PS)/6000/min, 200 Nm/4600/min.
Fahrleistungen 0-100 km/h 7,3 sec, Spitze 214 km/h, Normverbr./CO2 8,7/5,4/6,6 l/100 km/154 g/km.
Dimensionen 2 Sitze, L/B/H 3915/1735/1220 mm, Tank 45 l, Kofferr. 130 l. Räder 205/45 R 17.
Gewichte Leergewicht 1015 kg, Zuladung 245 kg.

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