Mercedes-AMG S 63 4matic Cabrio: Hut ab!

Wenn nur noch klimatisierte Sicherheitsgurte fehlen: Das S-Klasse-Cabrio in AMG-Verschärfung lebt im Luxus der übersteigerten Art, und natürlich ist es ausreichend motorisiert, wie man so sagt (wenn man untertreiben möchte).

Autorevue Magazin
Veröffentlicht am 16.01.2017

Dies hier ist ein Mercedes, der aber nicht in der Mercedes-Liga spielt. Einerseits. Denn das S-Klasse-Cabrio legt sich nicht mit seinesgleichen an. Seinesgleichen nämlich, wenn deutsche Luxuscabrios von ähnlicher Machart gemeint sind, gibt es nicht. In der Disziplin, die wir jetzt einmal global Lebensart nennen wollen, heißen die Gegner dieses Autos Rolls-Royce und Bentley.

Andererseits aber weist das S-Klasse-Cabrio weit darüber hinaus, denn es ist technologisch an die vorderste aller vordersten Fronten gedrungen, und das kann man zum Beispiel von einem Bentley nicht immer sagen. Eigentlich nie.

Mercedes-AMG S 63 4matic Cabrio: Hut ab!
© Bild: Jürgen Skarwan
Es gibt viel zu genießen, nicht zuletzt diesen Traum von Armaturenbrett und das helle Leder, so fein wohnen wir nicht einmal im Urlaub. Jeder Blick nach draußen eine Enttäuschung, weil nirgends ist es so schön wie im Auto.

Und dann ist gegenständlicher Fall ja kein normales S-Klasse-Cabrio, sondern die sozusagen militärische Variante von AMG. Der große Unterschied zum S 500, der einzigen Variante für den zivilen Gebrauch, liegt im Motor, wie es denn auch sinnvoll ist. In beiden Fällen V8, hier aber mit fünfeinhalb Litern Hubraum statt ein wenig über viereinhalb. Mehr Leistung, mehr Drehmoment (585 statt 455, 900 statt 700). Außerdem wurde der AMG-Motor nicht von anonymen Etappen am Fließband gefertigt, sondern von Herrn G. de Guiseppe (ein Glückstreffer. Es gäbe etwa auch einen Andreas Bauerle oder einen Jens Zeitke), dem man täglich ein bis zweimal eine Schachtel mit Einzelteilen hinstellt, die er dann fertig zusammenschraubt. Zuletzt montiert er sein Namensschild auf den Motor, wobei die Präposition „de“ auf eine Zugehörigkeit zum Adel hinweist. Wie der Motor, so der Herr.

Mercedes-AMG S 63 4matic Cabrio: Hut ab!
© Bild: Jürgen Skarwan

Dann haben wir natürlich AMG-spezifische Einstellungen in drei Stufen fürs Fahrerlebnis, also Luftfahrwerk, Lenkung, Gasannahme bis hin zur Wegnahme des ESP.

Rennstreckentauglichkeit oder Ähnliches wird man aber auch bei äußerster Ausreizung nicht herstellen können. Das Auto wiegt 2200 Kilo, und das große Cabriolet von Daimler-Benz darf, auch wenn es der Behandlung von AMG unterzogen wurde, ein gewisses Maß an Komfort nicht unterschreiten. Athletisch-asketisches Fahrverhalten würde von der Kundschaft schlecht angenommen werden, zumal, wenn man bedenkt, dass der eine oder andere (bzw. der eine und der andere) das Auto nur gekauft hat, weil es so schön teuer ist und mit Nachnamen Mercedes heißt.

Mercedes-AMG S 63 4matic Cabrio: Hut ab!
© Bild: Jürgen Skarwan

Es gäbe ein noch teureres S-Klasse-Cabrio. Der Zwölfzylinder-S 65 kostet um 90.000 Euro mehr, womit auch klar wird, was denen von AMG der V12-Motor mehr wert ist als der V8: 90.000 Euro. Mit diesem Motor ist der Wagen aber bei höherem Verbrauch langsamer in der Beschleunigung, was die Entscheidung kompliziert macht, denn 3,9 Sekunden sind, beim angeregten Geplauder in der Gulfstream oder auf der 100-Meter-Yacht so nebenbei erwähnt, auch nicht nix.

Der grundsätzlichen Problematik – großes Luxuscabriolet wird sportlich gemacht – entzieht sich AMG also erstens dadurch, dass das Auto, zumindest in der Comfort-Einstellung, noch immer sehr bequem ist (auch wenn das Fahrwerk ohne das vorausschauende Magnetic Ride Control-Feature auskommen muss und Bodenunebenheiten tatsächlich immer erst erkennt, wenn sie schon da sind), und zweitens mit zurückhaltender Optik: Abgesehen vom Kühlergrill, den dezenten Seitenschwellerverkleidungen, den vier eckigen Endrohren und ein paar Emblemen lässt hier nichts das Böse erkennen. Also: Auch der AMG ist ein schönes und elegantes Auto.

Mercedes-AMG S 63 4matic Cabrio: Hut ab!
© Bild: Jürgen Skarwan

Aber keine Sorge jetzt! Das fette Teil geht schon ab wie die Pest. Der Biturbo nimmt das Gas an wie ein Sauger. Es gibt auch hier die Auspufftaste für die Abgasklappenverstellung. Der S 63 kann schon laut und scharf werden, aber auch hier die Rücksichtnahme: laut und scharf, aber nicht räudig oder gar irgendwie primitiv. Und natürlich verträgt das Auto auch die schärfere Gangart, und logisch ist er härter, nervöser, sehniger als der S 500, sonst wäre ja alles umsonst gewesen. Apropos nervöser: Die Siebengangautomatik, die hier statt der neungängigen werkt, schafft nicht ganz deren Glattheit, wobei spürbare Schaltvorgänge so oder so gesehen werden können. Ist ja kein Naturgesetz, dass man Gangwechsel gar nicht mitkriegen soll.

Mercedes-AMG S 63 4matic Cabrio: Hut ab!
© Bild: Jürgen Skarwan
Die doppelte Querstrebe im Kühlergrill ist eines der ganz wenigen AMG-Insignien an diesem Auto.

Der Auftritt, den man mit einem scharfgestellten, auspuffkrachoptimierten, dachgeöffneten S 63 hinlegt, wenn man die letzte Kurve vor der Ortstafel noch mit einem grenzwertig angerissenen 160er genommen hat und dann zum Beispiel durch die noch nicht ganz ausgeschlafene Ansiedlung St. Corona am Schöpfl donnert, ist, gelinde gesagt, … nun ja. Da braucht’s den ganzen Mann. Dem Dorflauda mit dem niedergelegten Cordoba jedenfalls ist dann der Tag versaut.

Also raus aus Sport+ und rein in den Daseinszweck dieses Autos, das entspannte Gleiten fast im Leerlauf. Es gibt viel zu genießen, nicht zuletzt diesen Traum von Armaturenbrett und das helle Leder, so fein wohnen wir nicht einmal im Urlaub. Jeder Blick nach draußen eine Enttäuschung, weil nirgends ist es so schön wie im Auto. Die Klimaanlage berücksichtigt nicht nur die Sonneneinstrahlung, sondern auch die Luftfeuchtigkeit, der Airscarf beschwichtigt den empfindlichen Nacken, der Burmester-Lärm ist auch noch im Nachbarort zu hören und die Ambientebeleuchtung verbreitet in der Dämmerung wohlige Stimmung.

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© Bild: Jürgen Skarwan
Das Fett von der Wurst ist übrigens nicht durch den Pappteller gesickert.

Beruhigend wirkt sich auch die Tatsache aus, dass wir das AMG Driver’s Package gewählt haben, also freigeschaltet für Tempo 300 sind. Den dazugehörigen Fahrsicherheitskurs haben wir allerdings gespritzt. Wir wollen schließlich nicht so schnell fahren, wir wollen nur sagen, dass wir es könnten, was hiermit auch erledigt ist.

Mercedes-AMG S 63 4matic Cabrio: Hut ab!
© Bild: Jürgen Skarwan

Daten Mercedes-AMG S 63 4matic Cabrio

Preis € 238.390,– (NoVA 31 %)
Steuer jährlich € 3.538,44
Motor, Antrieb 8-Zylinder-Turbobenziner, 5461 ccm,  7-Gang-Automatik, perm. Allradantrieb.
Leistung/Drehmoment  430 kW (585 PS), 900 Nm.
Fahrleistungen  0-100 km/h in 3,9 sec, Spitze 300 km/h (AMG-Driver’s Package), Normverbrauch/CO2 10,4 l/100 km/244 g/km.
Testverbrauch 11,7 l/100 km.