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Mercedes AMG GT C Roadster: Dezenz war gestern

Mercedes AMG GT C Roadster… und was sich die anderen denken, ist plötzlich auch ziemlich egal, die Polizei vielleicht ausgenommen. Manch Hut hält nämlich verdammt lange am Kopf, bevor er davonfliegt – was, schon 316?

15.05.2018 Online Redaktion

Ein Artikel aus der Autorevue Extra 2018Aktuelle Abo-Angeboten findet ihr hier

Er kostet mehr als 200.000 Euro, aber die meisten seiner Käuferinnen und Käufer werden nicht beim Kredithai anklopfen müssen. Wer dieses Auto wählt, kann den Kaufpreis aus der Portokassa, aus dem Geldspeicher oder vielleicht auch aus dem Traumauto-Sparschwein begleichen und die Summe nonchalant mit einem kleinen Trinkgeld nach oben abrunden, alles andere wäre würdelos. Wir wollen hier also nicht die Höhe des Kaufpreises kleinlich diskutieren, denn es kommt verdammt drauf an, ob man die Summe von unten oder von oben anschaut.

Der Höhe der Fahrfreude ist es egal, welches Fahrprogramm grad den Performance-Klappenauspuff orchestriert, weil nie etwas dezent Fiepsendes rauskommt, sondern immer das Gegenteil.

Willkommen in der schnellen Welt schweren Reichtums, da ist flockige Beschleunigung ein feiner Ausgleich, um die Gedanken auszulüften und gar nicht die Frage aufkommen zu lassen, ob 557 PS und kein Dach überhaupt zusammenpassen und, wenn ja, wie. Das ist, wie wir redaktionsintern sogleich erkannten, natürlich eine Frage der Veranlagung. Sagen wir so: Manche von uns würden das Dach bestenfalls auf der Fahrt zum Supermarkt öffnen, also auf einer Strecke, deren Länge auch die Verwendung eines Fahrrades lohnend scheinen ließe.

Mercedes-AMG GT C Roadster Test
© Bild: Andreas Riedmann

Mercedes AMG GT C Roadster

Die anderen machen das Dach im Sommer nur zu, wenn es hagelt. Sie haben den Vorteil, aus dem GT C halbwegs was rauszusehen, denn bei geschlossenem Verdeck geht das prinzipiell nur vorne, ein bissel noch seitwärts und eher nicht nach hinten. Verdeck öffnen für die Sicht rückwärts ist zwar nicht ganz zielführend, weil die Wand hinter den Sitzen auch ohne Verdeck sehr hoch ist, aber es erleichtert den Ausblick entscheidend. Es erleichtert aber aus Gründen gesteigerter Kopffreiheit auch das Tragen eines sommerlichen Hutes, der die Intensität der aufs Haupt brennenden Sonnenstrahlen abmildert, wiewohl dieser Hut gar nicht nötig wäre, ließe man das Dach zu.

Man sieht spätestens hier, dass der Erwerb eines Mercedes-AMG GT C Roadster auf ein Hochplateau sonniger Luxusprobleme führt. Überbordendes Mitleid mit der Käuferschicht muss dennoch nicht sein. Wir sehen sie in einer Lebensphase angelangt, in der der Reichtum gesichert ist, die Firma und das Leben alleine zufriedenstellend dahinzischen, man sich in der Früh nimmer in einen Anzug zwängen muss, sondern locker und mit dezenter Selbstironie bekleidet zur Spritztour startet. Doch: Der AMG verträgt Badeschlapfen.

Mercedes-AMG GT C Roadster Test
© Bild: Andreas Riedmann

Eine kurze Einordnung zum Abkühlen: Der offene Mercedes-AMG GT kam später als das Coupé, und es gibt ihn mit zwei Eskalationsstufen des Vierliter-Biturbo-V8: 476 oder 557 PS, und die Auswirkungen auf die Fahrleistungen sind akademischer Natur: 3,7 statt 4,0 Sekunden von null auf hundert, 316 versus 302 km/h Topspeed, das sind abstrakte Zahlenwerte, die sich nur auf der Gefühlsebene zur Entscheidungsgrundlage materialisieren. Wer den stärkeren GT C wählt, lässt das Bauchgefühl entscheiden und nimmt einfach Platz, gut eingepasst ins AMG-Sportgestühl, das sich per Airscarf beheizen, aber auch kühlen lässt, und dann entfesselt man den Motor.

Akustik im AMG

Wie darf man sich die Geräuschkulisse vorstellen? Wie Luciano Pavarotti beim Rülpsen. Sorry für das dumme Bild, aber wenn der würdigen, kräftigen Geräuschkulisse beim Schalten Zwischentöne untergejubelt werden, die sich weniger nobel auch anders als mit Rülpsen umschreiben ließen, dann prallen freudvoll zwei Welten aufeinander, um in reiner Fahrfreude zu detonieren. Der Höhe der Fahrfreude ist es recht egal, welches Fahrprogramm grad den Performance-Klappenauspuff orchestriert, weil nie etwas dezent Fiepsendes rauskommt, sondern immer das Gegenteil. Nur eben in verschiedenen Geschmacksrichtungen.

Mercedes-AMG GT C Roadster Test
© Bild: Andreas Riedmann

Apropos Detonation: Das gilt natürlich für den gesamten AMG GT C, so man am Gaspedal Arges macht, es ergibt sich allerdings nicht der Eindruck unendlicher Masse, sondern ein schlankes Gefühl des Bogenschießens, und dann pfeilt sich ein geduckter Sportwagen vorwärts und teilt die Welt horizontal. 316 km/h Höchstgeschwindigkeit sind, wie angedeutet, ein theoretischer Wert, weil auf der Autobahn wäre man damit auch in Deutschland rund 180 km/h schneller als der umgebende Verkehrsstrom – wer sich einen Slalom mit etwas unter 200 km/h durch stehende Hindernisse vorstellt, kriegt ein ganz gutes Gefühl für das, was sich dann ergäbe. Also zelebriert man die Leistung in Zwischensprint-Häppchen, die zwar ökonomisch deppert sind, aber psychologisch überaus wertvoll.

Denn wollte man den Mercedes-AMG Roadster seiner Statur gemäß als Gran Turismo einsetzen, dann hätte man ja den etwas schwächeren GT Roadster gewählt und auf das sich selbst zuspitzende AMG-Ride-Control-Sportfahrwerk, die elektronische Steuerung des Hinterachs-Sperrdifferenzials, auf die Allradlenkung (erst bei 100 km/h lenken die Hinterräder parallel, alles drunter dürfte also als Aufwärmtempo gelten) verzichtet, natürlich auch auf den breiteren Hintern, unter dem die dickeren Reifen wohnen.

Zeitlose Retro-Klassik

Der GT C hingegen: Alles drin, und obenherum spannt sich eine Karosserie von zeitloser Retroklassik, wenn wir das so hatschert umschreiben dürfen. Besser erzählt zu diesem Thema der GT C Roadster selbst mit seinem Panamericana-Grill samt Chromstreben – alleine dazu, zum stilistischen Erbe und allen Legenden dahinter gäb’s Bücher zu erzählen. Wer dieses Auto kauft, will aber seine eigenen schreiben, obwohl der GT C Roadster auch moderates Dahingleiten kennt, wie es sich abseits privater Latifundien oft ergibt.

Mercedes-AMG GT C Roadster Test
© Bild: Andreas Riedmann

Die Alltagstauglichkeit zeigte sich auch an den Gesprächsthemen, die sich im Zuge einer weiteren Reise zwischen Fotograf und Redakteur entspannen. Wir redeten über die korrekte Reihenfolge des Brotverzehrs, wenn man einen frischen Wecken kauft, aber noch ein Restl eines alten daheim hat, erörterten die korrekte Methode des Brot-einfrierens und einigten uns darauf, dass man die gute Backware am besten in Scheiben friert, wobei die leicht versetzt anzuordnen sind, damit man zum Trennen keine Machete braucht. Dann erörterten wir noch die traurige Sache mit den modernen Scheibtruhenreifen und einigten uns drauf, dass so was wie der Trelleborg 15-10 wohl nie wieder produziert wird.

So viel nur, falls noch immer jemand glaubt, Männer in Autos würden nur grauslich reden und laute Musik hören. Wir stellten sogar den Auspuff auf leise.

Shortcut

Was wir mögen
Unser Geld ausgeben.
Was uns fehlt
Das Cabrio des demnächst erscheinenden Viersitzers.
Was uns überrascht
Dass man von Licht, Luft und ­Liebe doch leben kann, wenn man üppigen Reichtum angehäuft hat.
Perfekt, wenn …
… das zum Bentley passende Eat-the-rich-T-Shirt grad in der Schmutzwäsche ist.
Die Konkurrenz
Yacht, Börsencrash oder Randsteine, an die man mit den Felgen-Kunstwerken anschrammt.

Daten Mercedes-AMG GT C Roadster

Preis  € 208.110,– (NoVA 32 %)
Testwagenpreis € 234.229,–
Steuer jährlich € 3.349,44
Motor, Antrieb V8-DI-Biturbobenziner, 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe, Hinterradantrieb. Leistung/Drehmoment 410 kW (557 PS)/5750–6750/min, 680 Nm/1900–5750/min.
Fahrleistungen 0–100 km/h 3,7 sec, Spitze 316 km/h, Normverbrauch/CO2 15,1/9,0/11,4 l/100 km/259 g/km. Testverbrauch 13,8 l/100 km.
Dimensionen 2 Sitze, L/B/H 4617/1877/1315 mm, Tank 65 l, Kofferraum 165 l. Räder 265/35 R 19 v., 305/30 R 20 h.
Gewichte Leergewicht 1735 kg, Zuladung 205 kg. Leistungsgewicht 2,98 kg/PS.
Sicherheit Euro NCAP n. getestet.
Ausstattung Klimaautomatik, AMG-Ride-Control-Sportfahrwerk, AMG-Alufelgen, Nappaleder, Sitzheizung, Racetimer, AMG-Performance-Lenkrad, LED-High Performance-Scheinwerfer, Keyless Go, Heckflügel, .
Extras Metallic € 1.572,–, Sonderlack € 11.575,–, Windschott € 471,–, Airscarf € 1.034,–, Motorabdeckung Carbon € 2.060,–, Rückfahrkamera € 631,–, Sitzklimatisierung € 1.125,–, Abstands- Tempomat € 1.398,–, AMG-Performance-Sitze € 3.093,–, COMAND online € 4.203,–, Burmester-­Soundsystem € 2.066,–, AMG-Zierelemente Carbon matt € 3.010,–, AMG-Einstiegsleisten Edelstahl gebürstet mit beleuch­tetem Schriftzug € 980,–, Toter-Winkel-Assistent € 714,–, Rückfahrkamera € 631,–.

Mercedes-AMG GT C Roadster Test
© Bild: Andreas Riedmann

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