Lancia im Rallyesport: Es war doch so schön

Schon einmal von einem gewissen Piero Frescobaldi gehört? Oder ist Ihnen dafür vielleicht die Rallye dei Fiori ein Begriff, jene von 1962? Nicht? Nun, das ist nicht weiter wunderlich.

radical mag
Veröffentlicht am 25.03.2014

Also bedarf es Aufklärung, warum Frescobaldi und die italienische Regionalveranstaltung von entscheidender Bedeutung für den Motorsport ganz allgemein sind.

Frescobaldi gewann 1962 am Steuer eines Lancia Flavia besagte Rallye dei Fiori. Das war nicht der bedeutendste Rallye-Sieg der Turiner Marke in jenen Jahren, schon 1954 hatten Louis Chiron/Ciro Basadonna die Rallye Monte Carlo gewonnen, auf einem der wunderbaren Aurelia GT. Doch der Sieg von Frescobaldi brachte das Lancia-Management Anfang der 60er Jahre auf die Idee, den Motorsport wieder zu beleben, den man nach dem Tod von Alberto Ascari am 26. Mai 1954 aufgegeben hatte. Ascari war in Monza bei Testfahrten mit einem Ferrari verunfallt – er hatte mit Hemd und Krawatte am Steuer gesessen –, und die Scuderia Lancia hatte am 26. Juli 1955 sämtliches Rennmaterial an Ferrari verschenkt; inklusive dem sehr konkurrenzfähigen Modell D50, mit dem Juan-Manuel Fangio noch im gleichen Jahr zum vierten Mal Weltmeister werden sollte.

Squadra Corse

Doch zurück zur Rallye dei Fiori. Der Sieg von Frescobaldi überzeugte das Management, die Squadra Corse zu gründen – man wollte im damals noch ziemlich kostengünstigen Rallyesport beweisen, wie brilliant schon die Lancia-Serienprodukte sind. Das Glückssymbol von Gianni Lancia, dem Sohn des Firmengründers, wird wieder aufgenommen, der kleine Elefant wird diesmal in Rot gehalten, dazu kommen die Buchstaben HF (High Fidelity).

lancia fulvia
Die Fulvia stand nicht ganz am Anfang, aber mit ihr ging es richtig los.

Und die Squadra Corse hat Erfolg, auf Anhieb. Zunächst mit dem Flavia Coupé und dem Sport Zagato, doch dann, ab Mitte der 60er Jahre, geht es so richtig los, das Zauberwort heißt Fulvia. Vorgestellt 1963, war der kleine Lancia ein wunderbares, günstiges Sportgerät, an dem auch Privatfahrer ihre Freude hatten – insgesamt fahren die Fulvias über 1000 Rennsportsiege ein.

Munari

Geboren am 27. März 1940 in Cavarzere, begann Munari seine Rennkarriere 1964 als Beifahrer. Zwei Jahre später kommt er in der Squadra Corse unter, gewinnt 1967 auf Korsika seine erste große Rallye (natürlich in einem Fulvia HF) und wird in der Folge einer der erfolgreichsten Fahrer aller Zeiten: 1973 Europameister, 1977 (inoffizieller) Weltmeister, 4facher Gewinner der Rallye Monte Carlo (1972 auf Fulvia, 1975–1977 auf Stratos).

Der 037.
Der 037.

Munari war der Mann, welcher das legendärste Lancia-Rallye-Fahrzeug auf die Siegerstraße brachte: den Stratos. Im Jahre 1970 entdeckte Cesare Fiorio, Chef des Lancia Rallye-Teams, ein komisches, keilförmiges Etwas auf den Stand des legendären Karosseriebauers Bertone. Besonders auffallend und faszinierend ist das Fahrzeug durch seine extreme, flache Keilform, welche in Verbindung mit einer wuchtigen Breite durch den kurzen Radstand noch betont wird. Mit Munari, der schon damals nicht nur eine Sport-, sondern auch eine Mode-Ikone war, der schickste Mann auf den Rennpisten dieser Welt, begann man den Aufbau des Sport-Prototypen. der 1973 bei der Tour de Corse sein Debut erlebte. Allerdings fiel er durch einen Defekt an der Hinterradaufhängung aus.

Stratos

Schon 1974 feierte man mit dem Stratos nicht weniger als zehn Siege sowie die erste Weltmeisterschaft. In den 70er Jahren gab es fast keinen Rallye-Lauf, bei dem man mit dem Lancia Stratos nicht gewinnen konnte, man dominierte nach Belieben und außer der East African Safari sowie der RAC Rallye wurde alles gewonnen, was in der Rallyewelt Rang und Namen hatte. Im Jahre 1977 übernahm Cesare Fiorio zusätzlich die Sportabteilung von Fiat, was das Ende der Karriere des Stratos einleuten sollte, weil das Management den Fiat 131 Abarth als neuen Star lancierte. Der Dolchstoß für den Stratos kam im Jahre 1978, als durch eine Änderung im Sportgesetz der 4-Ventiler verboten wurde.

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Laut offiziellen Angaben sollen in den vier Jahren 27 Fahrzeuge zu Rally-Zwecken verwendet worden sein. Allerdings ist diese Zahl genauso unsicher wie die Angaben der Gesamtproduktion, da einige Wagen neue Zulassungen bekamen und manche nach Unfällen oder sehr harten Einsätzen neu aufgebaut wurden. Bis zum Auslaufen der Homologation Ende 1982 setzten Privatfahrer die Erfolgsstorry des Stratos weiterhin fort. Der wohl erfolgreichste Pilot eines Lancia Stratos war der Franzose Bernard Darniche vom Team Chardonnet, der mehr als 30 Siege verbuchen konnte.

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Delta

Nach einem kurzen Zwischenspiel mit dem Modell 037, mit dem man 1983 den WM-Titel gewann und von 1983–1985 auch die Fahrer-Europameisterschaft in den Palmares aufnahm, tauchte schon ein neues Modell auf, das der Lancia-Rallyegeschichte noch das Tüpfchelchen aufs i setzte: der Delta. 1979 war das Serienmodell auf den Markt gekommen, ab 1986 gibt es den HF 4WD, der als Basismodell für das damals erfolgreichste Rallyefahrzeug aller Zeiten diente. Ab 1985 gewannen S4 (ein Monster aus der Gruppe B), Delta HF 4WD, HF Integrale und Integrale 16V sechs Marken-WM-Titel in Folge, dazu fünf Fahrer-Weltmeistertitel und insgesamt 51 WM-Läufe. Leider hat sich Lancia danach aus dem Rennsport zurückgezogen – leider bestehen derzeit keine Absichten (und Ressourcen), der so schönen Liebesgeschichte noch ein paar weitere Kapitel hinzuzufügen.

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Vielen Dank an Peter Ruch von radical-mag.com


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