Jürgen Skarwan
Racing Rookie 2020: Donnerwetter!

Racing Rookie 2020: Donnerwetter!

Zwischen Hitzeschlacht und Wolkenbruch schöpfte die verkürzte Racing-Rookie-Saison 2020 das Spannungspotenzial voll aus. Die Besten aus drei Qualifikationsterminen versammelten sich für ein fulminantes Finale, in dem ein Regenrennen die Entscheidung brachte.

Online Redaktion
Veröffentlicht am 24.08.2020

Mit hohen Geschwindigkeiten auf nassem Asphalt haben die 20 Racing-Rookie-Finalisten prinzipiell kein Problem, sie wären sonst schon in der Qualifikation auf der Strecke geblieben. Was ihnen der Himmel über dem ÖAMTC-Fahrtechnikzentrum Melk just in der heißesten Phase des Finaltags beschert, bringt aber selbst versierte Schlechtwetterfahrer aus der Fassung. Das vormittägliche Training an verschiedenen Stationen entlang des Wachaurings startet zwar bei strahlendem Sonnenschein, doch bald gesellen sich Kumulonimbusse zu den Staubwolken, die der Rallye-Ford-Fiesta-ST beim geführten Querfahren auf der Schotterkurve aufwirbelt. Spätestens bei der Streckenbegehung vor dem ersten gewerteten Lauf ahnen selbst die Optimisten, dass das Wetter in diesem Finale noch zu einer besonderen Herausforderung wird – die Frage ist nur: wann?

Racing Rookie 2020: Donnerwetter!
© Bild: Jürgen Skarwan

Mit den Regenwolken im Rücken nehmen sich die Rookies vor, den pylonenbegrenzten Parcours auf teils bewässertem Asphalt und Rutschbelag schneller als schnell zu absolvieren, immerhin will keiner im Nachteil sein, wenn das Wasser plötzlich auch von oben kommt. Zurückhaltung ist jetzt ohnehin fehl am Platz: Nur acht kommen weiter, entscheidend ist eine einzige Runde mit fliegendem Start im „normalen“ Fiesta. Manch einer geht dabei auf volles Risiko, retrospektiv wird aber revidiert: „Nur wenn sich’s unspektakulär anfühlt, ist’s wirklich gut.“ Am Streckenrand oszilliert die Stimmung zwischen Resignation und Zuversicht, einige wenige können Schulterklopfer von der Konkurrenz einheimsen, während andere ihre Gangwahl rechtfertigen müssen. Nach 20 Läufen steht fest: Alle waren schneller als der Regen, für zwölf Teilnehmer ist an dieser Stelle trotzdem Schluss.

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© Bild: Jürgen Skarwan

Den verbleibenden acht Rookies gibt das Wetter einen vorübergehenden Vorgeschmack auf den späteren Verlauf, weshalb der Gleichmäßigkeitsbewerb im Rallye-Fiesta mit Serien- statt Racingreifen abgehalten wird. Die Rookies versuchen, ihrer jeweils ersten Rundenzeit mit zwei weiteren möglichst nahezukommen. Dabei trocknet die Strecke kurzzeitig fast wieder auf, nur eine Kurve bleibt so rutschig, dass eine etwaige spontane Eisbildung in Betracht gezogen wird. Der wahre Gegner ist aber der eigene Gasfuß, den Martin Stattmann, Raphael Dirnberger, Julian Baumgartner und Josef Waschnig am besten in Schach halten können.

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© Bild: Jürgen Skarwan
Wasser marsch. Eigentlich ist der Rallye-Fiesta ein Traum, nur: „Eine Stufe mehr am Scheibenwischer wär jetzt super.“

Als nächstes geht es darum, über eine Distanz von drei Runden die schnellste Gesamtzeit im Rallye-Fiesta ST herauszufahren. Schon während des Briefings schüttet es, bei der Streckenbefahrung trommeln die Tropfen so laut aufs Dach, dass man den Instruktor kaum versteht. „Mehr Regen geht nicht“, meint einer der Rookies, und wird wenige Minuten später eines Besseren belehrt. Der Himmel ist jetzt lückenlos grau, und mit ihm nehmen auch die Gespräche eine deutlich andere Färbung an: Ging es vorher noch um die Definition der Ideallinie, wird mittlerweile der Füllstand einer Wasserlacke diskutiert. Mit Regenreifen wagen sich die ersten beiden Rookies auf die Strecke, doch der Abbruch lässt nicht lange auf sich warten. Nach einer kurzen Zwangspause und kulanterweise zugestandenen Starkregen-Proberunden absolvieren schließlich alle vier Verbliebenen die volle Distanz. Ein gewaltiger Donnerschlag läutet die vorletzte Ergebnisverkündung des Tages mit angemessener Dramatik ein: Raphael Dirnberger und Julian Baumgartner dürfen sich im Rallye-Fiesta-ST um den Rallye-Fiesta-ST duellieren.

Racing Rookie 2020: Donnerwetter!
© Bild: Jürgen Skarwan
Erstmals wurden auch beim Einsteigen neue Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt.

Dafür geht’s in zwei nahezu identischen Autos auf die Rennstrecke, nach drei Runden werden Fahrzeug und Startposition getauscht, und drei weitere Runden folgen. Die Gesamtzeit entscheidet über Sieg und Niederlage, neben dem Offensichtlichen – wer als Erster über die Ziellinie kommt – spielt also auch das Taktieren eine Rolle. Rallycross-Pilot Raphael entscheidet im ersten Lauf den Start für sich und kann die frühe Führung gut verteidigen, ein missglücktes Überholmanöver in der letzten Kurve kostet seinen Verfolger wertvolle Zeit. Im zweiten Lauf drückt Julian nach einem gelungenen Start und einer ebensolchen ersten Kurve umso mehr aufs Tempo, hält Raphael konsequent auf Distanz und kommt als Erster ins Ziel – es bleibt also selbst dann noch spannend, als beide Titelanwärter ihre Autos schon wieder verlassen haben. Erst mit der Verkündung der Gesamtzeiten steht endgültig fest: Raphael Dirnberger ist Racing Rookie 2020!

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© Bild: Jürgen Skarwan
Wahre Größe. Um den neuen Racing Rookie scharen sich die Zweit-, Dritt- und Viertplatzierten Julian Baumgartner, Martin Stattmann und Josef Waschnig. Nicht in Rot: Michael Fehlmann (AMF), Claudia Leopold (Ford) und Susanne Hofbauer (autorevue).

Stille Wasser

Raphael Dirnberger, Racing Rookie 2020

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© Bild: Jürgen Skarwan

Als Raphael beim Qualifikationstermin in Melk erfuhr, dass seine insgesamt vierte Racing-Rookie-Teilnahme endlich mit einem Finaleinzug belohnt wird, war die Freude eher verhalten: Der Termin kollidierte mit dem Rallycross-Lauf in Greinbach, wo der 19-Jährige eigentlich um die Meisterschaft hätte mitfahren sollen. Die offensichtlich gut getroffene Entscheidung für den Racing Rookie fiel trotzdem nicht schwer, obwohl Raphael auch retrospektiv durch und durch bescheiden bleibt: Erst gegen Ende des Finaltags habe er angefangen, sich ernsthafte Chancen auf den Sieg auszurechnen. Dabei ist der Oberösterreicher, der seine Rallycross-Karriere im zarten Alter von 14 Jahren startete, schon fast ein alter Hase im Motorsport. Die Leidenschaft fürs Rennfahren liegt in der Familie, auch Bruder und Papa haben Benzin im Blut und werden mit dem rallyefertig umgebauten Ford Fiesta ST, den Raphael als Racing Rookie sein Eigen nennen darf, wohl ihre helle Freude haben. In der Dirnberger’schen Garage ist der hart umkämpfte Gewinn übrigens in bester Gesellschaft, immerhin steht dort bereits ein Fiesta ST. In der Frage „Sicherheit oder Risiko“, die in den entscheidenden Stunden die Geister der Finalisten schied, bezieht Raphael eindeutig Position für eine besonnene Herangehensweise. Sein Tipp für nachfolgende Rookie-Generationen: „Ruhig bleiben, das tun, was man sich vorgenommen hat, nicht stressen lassen.“


Die Vorausscheidungen im Überblick

Comeback mit Klasse

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© Bild: Jürgen Skarwan
Vier gewinnt. Eine Wild Card gab’s für Joachim Gamauf, auf der Schleuderplatte holten Markus Pitsch, Dominik Sabathy und Julian Baumgartner ihre Finaltickets.
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Starke Leistung. Im nachmittäglichen Abschlussbewerb bezwangen Florian Rotter, Benjamin Jande und Daniel Gruber den Focus RS besonders eindrucksvoll.

25. Juli/ÖAMTC-Fahrtechnikzentrum Teesdorf

Der Startschuss zum Racing Rookie 2020 fiel coronabedingt erst Ende Juli, dem allgemeinen Enthusiasmus tat das aber keinen Abbruch. Im ÖAMTC-Fahrtechnikzentrum Teesdorf galt es, den großen Worten, die hinter dem einen oder anderen Mund-NasenSchutz geäußert wurden, Taten folgen zu lassen und die Konkurrenz nicht nur physisch, sondern auch in Sachen Zeitmessung und Punktewertung möglichst auf Distanz zu halten. Zentrum der Aufmerksamkeit war wie so oft der Ford Focus RS: Nach den Proberunden im Ford Fiesta stiegen die Rookies für den Zeitslalom in den 350 PS starken Allradler um, der dem einen oder anderen passend zur Optik ein blaues Wunder bescheren sollte. Einige Teilnehmer können davon ein besonderes Liedchen singen, denn hatte die Vormittags-Vorhut ihren Abschlussbewerb noch im Rallye-Fiesta absolviert, wurden die Besten der NachmittagsGruppe überraschenderweise im Focus RS auf die Schleuderplatte gebeten. Jeweils drei davon durften einen Ausflug nach Melk in der Sommerplanung vermerken, dazu kam eine Wild Card.

Heiße Reifen, hohe Ziele

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© Bild: Jürgen Skarwan
Cool geblieben. Zum Saalfelden-Einstand kristallisierten sich Jan Dickinger, Sebastian Scharf und Daniel Heine als würdige Finalkandidaten heraus.
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Aufgestiegen. Nach der souveränen Performance auf der Schleuderplatte hatten Marco Schüttbacher, Ole Petersen und Thomas Premm gut lachen.

1. August/ÖAMTC-Fahrtechnikzentrum Saalfelden

Beim zweiten Qualifikationstermin der Saison glühten nicht nur die Reifen auf der Kartbahn: 36 Grad (und gefühlt noch einige mehr am Asphalt) brachten die Rookies im ÖAMTC Fahrtechnikzentrum Saalfelden ordentlich ins Schwitzen. Von der kühlen Bergluft rund um den nahegelegenen Großglockner konnten die Teilnehmer an diesem Tag nur träumen, Auf- und Abstiege spielten ausschließlich in Hinblick auf die Gesamtwertung eine Rolle – denn nur die acht Besten ihrer jeweiligen Gruppe bekamen die Gelegenheit, überhaupt um die begehrten Finaltickets mitzufahren. Hinter der Aussicht auf den Rallye-Fiesta ST geriet die imposante Bergkulisse verständlicherweise ins Hintertreffen, interessant war nur, wer sich beim Kartfahren, im Zeitslalom und auf der Schleuderplatte zu Höchstleistungen aufschwingen konnte. Sechs Rookies blieben trotz Nervosität und Hitze cool, erklommen die Tabellenspitzen und schafften so den Einzug ins große Finale.

Hütchen ab!

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© Bild: Jürgen Skarwan
Siegertypen. Raphael Dirnberger, Lorenz Globits und Martin Stattmann schafften es nicht nur ins Finale, sondern dort auch in die top acht – oder sogar noch viel weiter.
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Krönender Abschluss. Josef Waschnig, Niklas Klopf, Simon Dengler (Wild Card) und Florian Titzer komplettierten die stolze Finalisten-Riege.

15. August/ÖAMTC-Fahrtechnikzentrum Wachauring Melk

Eine Woche vor dem Finale stellte sich der letzte Schwung an Titelanwärtern der Herausforderung, die angestaute Motivation mit viel Finger- und Fußspitzengefühl präzise auf den Asphalt zu bringen. Generell ist das ÖAMTC- Fahrtechnikzentrum Melk eine kluge Wahl für die Qualifikation, bietet es doch die Möglichkeit, schon vorab mit dem Wachauring zu liebäugeln. Aus den Reihen der Rookies wurden zwar Bedenken bezüglich des Verkehrshütchen-Verschleißes laut, doch ebenso unverwüstlich wie die orange-weißen Requisiten war auch der Wille der jungen Motorsport-Enthusiasten, sich die Chance auf den Hauptgewinn zu sichern. Wenn der Rallye-Fiesta-ST allen Bemühungen zum Trotz doch wieder in der Pylonen-Barriere landete, kam also die modifizierte Version eines beliebten Motivationsspruchs zum Tragen: stehen bleiben, Hütchen richten, weiterfahren. Tatsächlich schafften es gleich fünf der sieben hier auserkorenen Finalisten in weiterer Folge in die top acht, darunter auch derjenige, der den Titel tatsächlich einfahren sollte.