Volvo V90 CC T6: Viel. Viel zu viel?

Im Test der neue Volvo V90 Cross Country T6, höher, stärker und vieles mehr. Zu viel mehr? Es folgt ein subjektiver Erfahrungsbericht.

radical mag
Veröffentlicht am 03.04.2017

Mit dem Volvo V90 hatten wir ja schon verschiedentlich das Vergnügen. Und ja, wir sahen es als Vergnügen, etwa beim Test des D5. Jetzt hatten wir wieder einen V90 für einen ausführlichen Test vor der Tür stehen, die jüngste Variante Cross Country, also mit 60 Millimeter mehr Bodenfreiheit und Abenteuer-Beplankungen und veränderter Front, dies als T6. Das ist dann schon in der Basis alles andere als günstig, 72.100 Euro sind zu entrichten, mindestens; in der Variante Cross Country Pro dann sogar 76.964 Euro. Das ist viel Geld für zwar viel Auto, 4,94 Meter lang ist der Schwede, 1,88 Meter breit und stolze 1,54 Meter hoch. Und über 2 Tonnen schwer. Die Frage darf durchaus sein: wer fährt so viel Geld denn noch durch den Wald – was mit dem Vorgänger ja noch ganz gut ging.

Volvo V90 Cross Country T6: Zahlen bitte!

Man spürt es schon, dieses Gewicht. Das hat ja auch seine Vorteile, er gleitet wunderbar, der große Volvo, und dank Luftfederung ist er auch so richtig, richtig komfortabel (und auch schön ruhig, bis – aber mehr dazu später). Sportlich ist allerdings anders, zwar wankt oder schwankt er nicht (eben: Luftfederung), aber er ist zu groß und zu schwer, als dass man überhaupt solche Ambitionen haben möchte. Auf Langstrecken ist er ein Traum, doch dort am Berg wünscht man sich schon etwas Kompakteres, Leichteres, Agileres, auch Übersichtlicheres. Kommt dazu, dass der Volvo als T6 zwar mit 320 PS und einem maximalen Drehmoment von 400 Nm, das zwischen 2200 und 5400/min zur Verfügung steht, aufwarten kann, aber trotzdem nicht übermotorisiert wirkt. Dort am Berg, aber auch bei Überholmanövern kommt ziemlich Hektik auf im 8-Gang-Automat (der aber mit sehr sanften Schaltvorgängen überzeugen kann), auch beim etwas flotteren Beschleunigen aus dem Stand werden schon mehr die höheren Drehzahlen eingefordert vom 2-Liter-Vierzylinder, der seine hohe Leistung ja in erster Linie durch ein Chiptuning erhält. Auch wenn es etwas kleinlich, repetitiv ist und wir den grundsätzlichen Überlegungen von Volvo durchaus folgen können: so ein großes, schweres Gefährt hätte einen großvolumigeren Motor verdient. Die vom Werk angegebenen 6,3 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h scheinen uns reichlich optimistisch – dafür rollt er sicher locker auf die 230 km/h Höchstgeschwindigkeit.

© Bild: Frédéric Diserens

Ordentlicher Durst

Das Problem ist: die Rechnung geht halt auch an der Tankstelle nicht auf. Volvo gibt einen Normverbrauch von 7,7 Litern an. Der dürfte auch dann nicht möglich sein, wenn man nur hinter Volvo-Lastwagen schleicht. Wir kamen nur bei einer Tankfüllung auf unter 10 Liter, meist waren es gegen 11 – und wir haben den Cross Country weder gequält noch nur auf Kurzstrecken oder gar dauernd off road durch den Matsch bewegt, sondern zumeist schön passend als Reisewagen verwendet. Das Downsizing in Ehren, aber gerade bei einem solchen Fahrzeug, das man doch gerne geschmeidig bewegen möchte, erfüllt es den Sinn wohl nicht. Zumal der Vierzylinder bei höherer Beanspruchung auch nicht wirklich nach fast 80.000 Euro klingt. Von 320 PS und zu diesem happigen Preis erwarten wir: mehr. Vor allem souveränere Fahrleistungen.

Überall etwas viel

Doch der Volvo V90 CC T6 verbraucht nicht nur zu viel, es war uns auch sonst noch so einiges: zu viel. So richtig massiv verärgert hat uns die «Lane Keeping Aid», die das Fahrzeug auf Spur halten soll. Es erschließt sich uns der Sinn von solchem nicht, die Lenkung versteift sich, lenkt eigentlich dauernd gegen den Willen des Piloten. Richtig schwierig ist es auf schmalen Straßen, die beidseits mit Linien versehen sind: da sucht sich der Wagen selber den Weg, zwingt den Fahrer aber trotzdem dauernd zu Eingriffen. Und der Versuch, eine Kurve einmal etwas schneller am Innenrand zu durchfahren, macht das System auch nicht mit, es drängt von allein zu einem größeren Radius. Man kann das alles ausschalten, ja – aber man muss es jedes Mal wieder ausschalten, wenn man den Wagen in Betrieb nimmt. Wir hatten beim Testwagen auch zwei Mal das Problem, dass der Touchscreen einfror, nichts mehr ging – und dass die Wischbewegungen, die auf eine andere Seite führen, auch nicht immer klappten. Und außerdem noch ärgerlich: das Navi braucht nicht nur lange, bis es endlich mitarbeiten will, es braucht teilweise Minuten, bis es einen vernünftigen Zielvorschlag ausgeben kann. Die Suchfunktion mag sein wie bei Google, doch wir würden halt einfach gerne innerhalb eines vernünftigen Zeitrahmens die Adresse eingeben. Und noch so ein Nerv-Ding: die Stop-Start-Automatik muss man wohl als hyperaktiv bezeichnen, an der Kreuzung kurz schauen, dann gleich weiter, das geht nicht, das muss der Schwede den Motor zuerst wieder anwerfen. Sorry, folks, too much – alles anders, alles neu ist nicht immer auch alles besser.

© Bild: Frédéric Diserens

Unser Problem

(Dass wir noch das Problem hatten, dass der Fahrersitz jedes Mal wieder in eine unsägliche Position fuhr, wenn wir den Volvo parkierten, und sich das auch über die Memory-Funktion nicht ändern ließ, mag durchaus unser Problem gewesen sein, aber es war halt eins, das ebenfalls nervte. Und sich auch nach intensivem Studium der Gebrauchsanweisung, die nicht mehr physisch, sondern nur noch auf dem Touchscreen vorhanden war, nicht lösen ließ. Eine Kleinigkeit, fürwahr, aber wir sehen nicht ein, warum das so sein muss, warum das Gestühl nicht so verbleiben kann, wie es ist, wenn man das Fahrzeug verlässt – und wer es anders will, der kann ja dann mit Memory oder den Hebelchen am Stuhl arbeiten. Ja, wir wissen, Testwagen, wer so einen Wagen sein eigen nennt, wird das auf seine Position einstellen lassen, und gut ist – uns gelang das auch nach telefonischer Rücksprache mit dem Volvo-Händler nicht.)

Subjektive Wahrnehmung

Das liest sich jetzt so, als ob sich unsere Begeisterung für den Volvo V90 Cross Country T6 in eher engen Grenzen gehalten hätte. Dieser Eindruck täuscht auch nicht, er ist uns einfach so ein bisschen zu viel von allem: zu groß, zu teuer, zu durstig, zu viel Elektronik. Das mag mögen, wer will, aber wir könnten auf ein paar dieser «zu» bestens verzichten; einverstanden, alles subjektive Wahrnehmung. Aber prinzipiell bleiben wir dabei: so ein V90 von Volvo ist ein sehr gutes Auto, ausgezeichnet verarbeitet, als ganz normaler Kombi auch sehr elegant (und auch als CC mit wirklich großzügigem Raumangebot), mit dem starken Diesel (oder als noch teurerer Plug-in-Hybrid) sehr souverän – und, wenn man bei dem Gimmicks noch ein paar (teure) Kreuzchen weglässt, auch für Hi-Tech-Ignoranten wie unsereins durchaus verständlich.

Vielen Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-mag.com


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