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Ferrari 250 GT Berlinetta "Tour de France" #0563GT
 

Ferrari „Tour de France“: Wahnsinnig teuer und wahnsinnig kompliziert

Macht euch bereit für die komplizierte Geschichte des Ferrari 250 GT Berlinetta „Tour de France“. Die wenigen Exemplare sind wahnsinnig wertvoll.

19.01.2016 radical mag

Jetzt wird es kompliziert. So richtig. Es geht um die 250 GT Berlinetta von Ferrari. Weil es nun später aber noch andere Ferrari diesen Namens gab, braucht es noch eine Ergänzung: LWB, also «long wheel base», was in diesem Fall 2,6 Meter bedeutet. Doch damit nicht genug, für die Kenner und Insider hat dieses Modell nochmals einen anderen Namen: «Tour de France». Erhalten hat dieser Ferrari diese «Bezeichnung» schon früh, gleich im ersten Jahr, wir schreiben: 1956, als Alfonso de Portago mit Beifahrer Edmont Nelson besagte «Tour de France» gewann. Und weil Olivier Gendebien/Lucien Bianchi, ebenfalls auf einem 250er, auch die folgenden drei Austragungen des «TdF» gewannen, war der Name dann zementiert. Gebaut wurden diese Berlinetta auch genau so lange, wie Gendebien/Bianchi in der «Tour de France», damals eines der härtesten Straßenrennen überhaupt, vorne lagen, also bis 1959; andere 250 GT, inklusive des fabulösen GTO, konnten die TdF-Siegesserie bis und mit 1964 fortsetzen.

Es ist kompliziert mit dem Ferrari 250 GT Berlinetta «Tour de France»

Aber es ist, wie geschrieben: kompliziert. Technisch nicht so besonders, der «TdF» war baugleich mit den Boano- und Ellena-250er, gleicher Radstand, auch gleicher Motor, der bekannte Colombo-3-Liter-V12. In der Berlinetta hatte er immer mindestens 240 PS, in späteren Jahren auch noch 260 PS, vielleicht ab Werk sogar 280 PS. Ansonsten blieb alles andere gleich. Obwohl die Berlinetta den Kunden ja als «Rennwagen» angedreht wurde. Und auch tatsächlich Potenzial hatte, wie man an den «Tour de France»-Erfolgen ersehen kann.

Und was genau soll daran nun kompliziert sein?

Also, es begann mal wieder alles bei Pininfarina. Da gab es ja diesen bekannten Entwurf von 1956, auf dem der Boano und der Ellena basierten. In Genf im Frühling 1956 stellte aber auch Scaglietti einen Prototypen hin, der ebenfalls von Pininfarina stammte, aber mehr ein Coupé war als das spätere Boano-Fahrzeug.

Fehlende Luftauslässe als Erkennungsmerkmal

Und weil Pininfarina immer noch keine Möglichkeiten hatte, den Wagen selber zu produzieren, ging der Auftrag an Scaglietti. Scaglietti baute dann mal ein paar Stück, es begann mit Chassisnummer #0503GT, die an einen Dottore Augusto Caraceni aus Rom verkauft wurde, aber schon im April 1956 zu Olivier Gendebien kam, der damit im gleichen Jahr den «Giro de Sicilia» und auch die Mille Miglia fuhr, dort den 5. Gesamtrang und einen Klassensieg erreichte. Scaglietti baute noch weitere neun Stück dieses Wagens (#0507GT, #0509GT, #0513GT, #0539GT, #0555GT, #0557GT (der folgt dann weiter unten), #0563GT (den wir hier zeigen) und #0619GT). All diese Wagen gehören zur ersten Serie, sind auch bekannt als die so genannten «no louvre»-TdF, sprich: sie hatten an der C-Säule keine Luftauslässe.

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© Bild: RM Sotheby’s / Ferrari 250 GT Berlinetta #0897GT

Im Kleid von Zagato

Von dieser ersten Serie der «Tour de France»-250er gab es nun aber auch noch fünf Exemplare von Zagato (#0515GT, #0537GT, #0665GT, #0689GT und #1367GT). Diese Fahrzeuge nun haben wieder eine ganz besondere Geschichte, wurden sie doch direkt auf Veranlassung von Enzo Ferrari bei Zagato eingekleidet. Auch das hatte wieder einen Hintergrund: zwei der besten Ferrari-Kunden, Vladimiro Galluzzi aus Mailand und Camillo Luglio aus Genua, wünschten sich etwas ganz Besonderes auf dem bekannten 250er-Chassis. Und Zagato konnte liefern: innerhalb nur einer Woche soll er den Entwurf geschaffen und dem Aufbau gleich mitgeliefert haben, absoluter Leichtbau, denn Luglio wollte einen Rennwagen (#0537GT), Galluzzi ein Fahrzeug, mit dem er sowohl auf der Straße wie auch auf der Strecke fahren konnte (#0515GT). Luglio war mit seinem GTZ (so sind diese feinen Zagato-Stücke auch bekannt) sehr zufrieden, bestellte sich für die Rennsaison 1957 gleich ein neues Exemplar (#0665GT), mit dem er wieder sehr erfolgreich Rennen fuhr. #0689GT war dann etwas anders als die andern GTZ, hatte etwa kein «Double-Bubble»-Dach. Und dann war da noch der späte #1367GT, der wieder an Galluzzi ging, auch ohne «Double Bubble, dafür mit ziemlich eigenartigen Heckflossen. All diese Zagato-250er existieren noch.

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© Bild: RM Sotheby’s / Ferrari 250 GT Berlinetta "Tdf" #1335GT

Jetzt wird’s wirklich kompliziert

Es ist noch lange nicht genug, denn bisher war es auch noch nicht kompliziert. Wir kommen zur zweiten Serie der «TdF», da wurden neun Stücker gebaut: #0585GT, #0597Gt, #0607GT, #0629GT, #0647GT, #0677GT, #0683GT, #0703GT und #0707GT. Diese Fahrzeuge werden von der ersten Serie als so genannte «14-louvres» unterschieden, das bedeutet: sie haben 14 Lüftungsschlitze dort hinten am Dach. Diese «Tdf» der zweiten Serie sind besonders begehrt, auch deshalb, weil sie am seltensten sind, aber auch deshalb, weil das schon sehr gut aussieht. Alle diese Fahrzeuge wurden bei Scaglietti gebaut.

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© Bild: RM Sotheby’s / Ferrari 250 GT Berlinetta "Tdf" #1039GT

3.und 4. Serie

Was auch für die dritte und vierte Serie gilt, alles: Scaglietti. Von der dritten Serie gab es stolze 18 Stück (keine Angst, wir zählen sie hier nicht auf), sie werden «3-louvres» genannt (warum wohl?). Und dann gab es noch die vierte Serie, als «1-louvre» bezeichnet, und davon wurden dann verhältnismäßig reichlich produziert, nämlich 36 Exemplare.

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© Bild: RM Sotheby’s / Ferrari 250 GT Berlinetta "TdF" #0925GT

Sollen wir noch was zu den aktuellen Preisen schreiben?

Wohl besser nicht, sonst raufen wir uns wieder die Haare, dass unsere Eltern es nicht geschafft haben, dass wir was Anständiges lernen wie etwa Hedge-Fonds-Manager oder Drummer bei einer Rock-Band. Einfach so als Idee: 2014 wurden für den hier gezeigten #0563GT bei RM Auctions fast 5 Millionen bezahlt. Pfund.

Besten Dank an die Kollegen von radical-mag.com

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