mercedes-amg gt s 2015 rot vorne front kühlergrill scheinwerfer
Motor vorne, Getriebe an der Hinterachse und dazwischen ein Tunnel, in dem eine Welle aus Carbon rotiert, die maximal 650 Nm Drehmoment nach hinten weiterreicht. Sie ist einer der Teile, die aus dem Warenkorb des Rennbetriebs übernommen wurden.
 

Mercedes-AMG GT S – Donner, Gott!

Über Steilvorlagen in sportlichen Extremgebieten, das akustische Erregungspotenzial eines erstklassigen Achtzylinders und das Böse im Guten (oder umgekehrt).

29.12.2015 Autorevue Magazin

Sagenhaft, wie Mercedes den GT beinahe ohne Anlauf auf 911er-Höhe gewuchtet hat*). Man muss sich das vorstellen: Über 50 Jahre reifte die Porsche-Ikone zu dem, was sie heute ist, und dann schütteln die Tüftler von Mercedes-AMG mit einer nahezu düpierend lässigen Geste einen Rivalen aus dem Ärmel, der punktgenau im Scheinwerferlicht der Besten-Liga landet (und am Porscheplatz in Zuffenhausen müssen für einen Moment die Lichter geflackert haben).

Der Innenraum des GT ist gelebte Funktionalität in ästhetischer Anordnung. Was auch unter Performance-Kompetenz einzuordnen ist: insgesamt sechs Lüftungsdüsen arbeiten bei Bedarf gegen die Hitze des Gefechts an.

Mit allen Sinnen: Mercedes-AMG GT

In dem Augenblick, wenn du den V8 des GT zündest: Auf Knopfdruck wird das Orchester im Motorraum lebendig, wärmt sich grummelnd auf, verbreitet ein unterschwelliges Grollen, das in die Gänge drängelt. Über die Hände, die noch sachte das feiste Sport-Lenkrad halten, strömt delikate Erregung in die Blutbahn.

Dein ganzer Körper ist plötzlich Auto. Ein Teil im anderen. Du visierst über die lange Motorhaube das freie Geläuf an und packst zu, um den Wind, der jetzt gleich losbricht, in den vollen Segeln halten zu können.

Auch unter der Motorhaube herrscht Aufgeräumtheit.

 

Der GT ist ein extremes und direktes Auto. Vor allem als GT S. Er ist die schärfere der beiden momentan angebotenen Varianten. 510 PS bei 6250 Touren. Von Null auf Hundert in 3,8 Sekunden. 310 km/h Höchstgeschwindigkeit. Als Besonderheit trägt der V8 im GT seine beiden Turbolader im heißen Raum zwischen den Zylinderbänken, was zum einen das Ansprechverhalten verbessert, zum anderen einen positiven Effekt auf die Emissionswerte hat. Der Motor baut so auch kompakter, als er das mit außen liegenden Turbos würde, und weil er zudem von einer Trockensumpfschmierung versorgt wird, also ohne Ölwanne auskommt, konnte er maximal tief unten im Motorraum eingepflanzt werden. Je näher der Schwerpunkt am Asphalt, desto besser. Das Verhältnis zur Straße wird dadurch noch inniger. Und danach gemessen liegt die Schiene, entlang der so ein GT imaginär zu laufen scheint, gar eine Spanne unter dem Straßenbelag.

Dem AMG GT wohnt Motorsport inne

Unbeirrbare Spur. Daran haben auch die Doppelquerlenkerachsen ihren Anteil. Sie wurden aus dem Motorsport übernommen. Und natürlich das Hinterachs-Differenzial, beim GT S serienmäßig ein elektronisches, was die Momentenverteilung zwischen den Rädern noch präziser und reaktionsschneller möglich macht.

Der Motor in Front/Mittel-Lage bestimmt die ausgewogene Achslastverteilung (47:53) ebenso wie die prägnante Zugeschnittenheit des GT, der seine Form zum wesenhaften Extrem zuspitzt. Wunderschön ist er. Aus jeder Perspektive. Die lange Schnauze, die dir in peitschender Fahrt immer voraus ist wie ein dahingaloppierendes Pferdegespann. In versammelter Gangweise führst du sie dagegen wie eine Monstranz vor dir. Das flache Greenhouse versammelt sich im hinteren Drittel der Wagenkulisse wie eine elegant windgestreckte Faust. Und auch das leichtfüßig auslaufende Heck ist eine Delikatesse. Es sei hier behauptet, dass der GT der aktuell schönste Mercedes ist, vielleicht momentan gar der schönste Sportwagen überhaupt.

Aus all diesen Gründen gilt es nicht, ihn mit dem Porsche zu vergleichen. Als 911-Killer wurde der GT schon bezeichnet. Unsinn. Es sind zwei völlig unterschiedliche Lehren, die einander nichts beweisen müssen, außer vielleicht beim Rundenmessen auf der Rennstrecke. Heckmotor dort, Frontmotor da. Der Reiz liegt in der Vielfalt in diesen Extremregionen der Sportlichkeit und mit dem GT ist eben eine neue Steilvorlage gelungen.

Wie ein Tier

Nach dem Fahrprogramm Sport plus kannst du beim GT S nachgerade süchtig werden. Im Passagierjet-mäßigen Mittelträger gibt es mehrere übersichtlich angeordnete Knöpfe, einer davon wird AMG Drive select genannt. Dort suchst du dir aus: Comfort (eh!), Sport (interessant!!), Sport plus (ah!!!). In diesem Fahrmodus ist der GT S ganz konzentriert. Und laut. Wunderbar laut. Alle Abgasklappen macht er auf, brüllt richtiggehend, wenn er die Gänge bis hoch an die Drehzahlgrenze hält, die bei 7200 Umdrehungen liegt. Und das Schnell-vom-Gas-Gehen-und-Herunterschalten: „Emotionale Zwischengasstöße“ nennt Mercedes, was der GT da macht. Pah! Wie ein Tier hört er sich an. Böse. Gut böse. Eine gutturale Detonation, ein brutales Aufblaffen, unterlegt mit einem heiseren Röcheln, dann hetzt der Gasfuß die Meute der Höllenhunde wieder hinauf in ein Crescendo, und vor der nächsten Kurve das gleiche Spektakel, wrrraafffffff!, mit einem Unterton, der an einen Gott erinnert, der Donner befiehlt.

Vom Race-Modus lässt du besser die Finger auf normalen Straßen, wenn du kein Meister des Fachs bist. So schnell kannst du gar nicht schauen und du hast dich eingedreht.

Suchtfaktor

Die Schaltung ist großartig. Doppelkupplungsgetriebe, nahtloses Auftragen des Vortriebs auf den Asphalt, die Gänge werden in Echtzeit durchgejagt, im Automatik-Modus, geschärft nach Drive-Select-Programm, oder über Schaltwippen hinter dem Lenkrad, die mit dem Lenkrad mitdrehen beim Hineintauchen in die Kurven und bei Herausziehen. Immer sind die Fingerspitzen auf Tuchfühlung, bereit, den passenden Gang einzusortieren, falls es gewünscht wird.

Nach Sport plus kannst du süchtig werden. In diesem Fahrprogramm ist der GT S ganz konzentriert. Und wunderbar laut. Er brüllt richtiggehend, wenn er die Gänge bis hoch an die Drehzahlgrenze hält.

Etwas kindisch vielleicht: Das Schiebedach aufmachen, durch einen Tunnel fahren und sich dieser Trompeten von Jericho erfreuen. Oder dreimal durchfahren und die Klangschärfegrade der verschiedenen Programme vergleichen. Der Unterschied ist signifikant und du solltest wissen, welchen Pfeil du bei Bedarf aus dem Köcher ziehst.

Comfort, zum Beispiel. Denn obwohl der GT eine engmaschige Versammlung hoher Performance-Kompetenz ist, macht er sich auch im Comfort-Programm gut. Da ist er ganz Gentleman, schaltet früh und segelt dahin. Echt. Er kann das: segeln. Wenn man irgendwo bei Tachonadel-Stand zwischen 60 und 160 km/h ein bisschen den Gasfuß lüpft, macht die Kupplung des DTC-Getriebes auf, die Drehzahl fällt auf Leerlaufniveau und der GT fliegt dahin, frei vom Antriebsdruck. Auch das: ein schöner Moment.

Der GT ist auch ein bisschen praktisch veranlagt. Er hat einen Kofferraum, in dem man kleines Gepäck fürs Wochenende unterbringt.

Und leise ist er in diesem Fahrmodus, wofür du dankbar sein wirst, wenn du später heimkommst von deiner auswärtigen Fortissimo-Orchesterprobe, zurück in dein beschauliches Villenviertel, willst du nicht Gefahr laufen, kleine Kinder zu wecken und dir böse Blicke der Nachbarn einzufangen.

Du musst allerdings selbst daran denken. Der GT bleibt auf deiner Seite. Vier Stunden merkt er sich, welches Fahrprogramm du zuletzt drin hattest, serviert es dir gleich wieder, wenn du den Motor anwirfst. Um das Vergnügen nicht abreißen zu lassen. Bloß das ESP geht jedes Mal wieder in Normalstellung, wenn man den GT abstellt. Die Vielfalt reizt ja sehr in diesen sportlichen Extremregionen. Da ist auch ein bisschen Umsicht nicht von der Hand zu weisen.

// DATEN Mercedes AMG GT S

Preis  € 164.950,– (NoVA 26 %) Konfigurator
Steuer  jährlich € 3.034,44
Motor, Antrieb  V8-Zylinder-Biturbo-Ben-ziner, 3982 ccm, 7-Gang-Doppelkupplungs-getriebe, Heckantrieb.
Leistung/Drehmoment  375 kW (510 PS) bei 6250/min, 650 Nm bei 1750–4750/min.
Fahrleistungen  0-100 km/h in 3,8 sec, Spitze 310 km/h, Normverbrauch/CO2 9,4–9,6 l/100 km/219–224 g/km.

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