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An sich ist die Optik des AMG-Modells zivil, es eignet sich daher auch für Überraschungsangriffe, etwa auf der Autobahn.
 

Mercedes-AMG C 63 S T-Modell: Wohin? Wie schnell? Warum?

Das Leben des Menschen kann erfüllt und glücklich sein, aber nie und unter keinen Umständen hat es irgendeinen höheren Sinn. Erst als wir dies als unverrückbar verstanden, waren wir bereit für einen Mercedeskombi mit 510 PS.

05.04.2016 Autorevue Magazin

Hier der alte, immer wieder populärkulturell erfolgreiche Topos: Kurzsichtiger Wissenschaftler entpuppt sich als vernichtender Nahkämpfer. Hausfrau im biederen Kostüm als leistungsfähige Nymphomanin. Alberner Holländer im weißen Skianzug als wedelnder Herrscher der Piste. Jugo im Nadelstreif als geschliffener Rhetor und Sartre-Kenner.

Und harmloser Kombi in Elektrikerweiß als plötzlich aus seinem Gehege hervorbrechender Reißwolf.

Es ist natürlich nicht Elektrikerweiß, sondern Diamantweiß Bright, und der Kombi ist schon als normale C-Klasse nicht harmlos.

Der Mercedes-AMG C 63 S ist ein Priester der Macht, und er betet um Krieg

Zweikampf auf der Autobahn, Gefechte auf der Nockalmstraße, Scharmützel an der Ampel. Immer wieder hat der AMG das Überraschungsmoment auf seiner Seite, aber er braucht es eigentlich gar nicht, er wäre auch so ausreichend kampfstark, um jeden Gegner flachzumachen.

Das mit dem Überraschungsmoment ist nur die Kirsche obenauf.

Dieses Auto ist vor allem Motor. Das Rundherum ist ihm zu Diensten. Datenbusse verkehren nicht fahrplanmäßig, sondern pausenlos, und hegen den Bewegungsdrang in alle Richtungen ein. Widrigenfalls würde der Unvorbereitete schon bei der Garagenausfahrt abheben und gegenüber bei Havliceks im Schlafzimmer detonieren, erster Stock. Oder er würde mit dem Heck die Auslage vom Frisiersalon Dolezal verwüsten, während er noch damit beschäftigt ist, den Sitz einzustellen.

Tasten gibt’s hier auch, und mit ihnen kann man einstellen, wie sehr etwa ein nachmittäglicher Ausflug aus dem Ruder laufen darf.

Der Motor also, hätte er einen nom de guerre, er lautete „Heißes Innen-V“. Das klingt abgefahren und gefährlich, hat aber doch nur die reale Bedeutung, dass die beiden Turbolader direkt in den Eingeweiden sitzen, zwischen den V-Bänken des Achtzylinders, dort, wo es schön heiß ist. Das macht den Motor kompakt und verbessert das Ansprechverhalten. Motor ansprechen heißt übrigens gasgeben.

Voller Leben

Er antwortet umgehend. Die beiden Lader blasen unentwegt Frischluft ein, die Beschleunigung ist fast bei einem Elektroauto, nur eben mit Musik. Und sie ist eher fleischig als steinern, so fühlt es sich an. Oder anders gesagt: Die Beschleunigung bei einem sehr starken Elektroauto ist arg, aber leblos, beim AMG C 63 S ist sie arg und voller Leben.

Man muss hier auch nichts Wahnsinn nennen, oder Wahnsinnstaste. Das sind hilflose Begriffe aus einer Welt, wo Marketing auf fehlendes Interesse stößt, und sowieso versteht es sich von selbst, dass der AMG-Kombi nicht Wahnsinn ist, sondern das Dreifache davon.

Tasten gibt’s hier auch, und mit ihnen kann man vorher einstellen, wie sehr etwa ein nachmittäglicher Ausflug aus dem Ruder laufen darf. Sport-Modus, Sport Plus-Modus und
Race-Modus sind keine leeren Worte. Schritt für Schritt versteifen sich Fahrwerk und Lenkung, wird das Gaspedal nervöser, verabschiedet sich das dreistufige ESP bis hin zu  einem Konzentrat wohliger Angstzustände. Wenn man nicht Berufskraftfahrer ist (Rallye etc.), wird man vor der letzten Stufe besser zurückweichen.

Es braucht Vertrauen in die österreichische Tunnelbauweise

Dabei sind dem Könner wunderbare Driftwinkel möglich, von elegant bis hin zu 360 Grad ohne Ortswechsel. Da muss man aber schon ganz den gefühlvollen Gasfuß haben, sonst wird die Bewegung schnell ungleichmäßig. Ersatzreifen sollte man auch dabeihaben. Das Sperrdifferenzial ist elektronischer Natur, bei 700 Nm Drehmoment auf die Antriebsräder freilich ein wenig desperat.

Was noch? 4,1 Sekunden von Null auf Hundert ist die Kampfklasse vom 911 Carrera S. 250 km/h abgeregelt sind ein Witz, dem die Pointe fehlt: Die gibt’s um 4.000 Euro in Form einer Freischaltung auf 290 km/h plus AMG-Fahrtraining. Wer dort wohl hingeht?

Auf jeden Fall Männer (wenn da auch nur eine Frau hingeht, ess ich eine tote Fliege), die mit den Ohren fahren. Die orchestrale Komponente des Autos wird von der Performance-Abgasanlage mit Klappensteuerung beigestellt, wer damit etwa volles Kanonenrohr durch einen Tunnel braust, muss hoffen, dass die österreichische Tunnelbauweise wirklich so gut ist, wie alle sagen.

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© Bild: Andreas Riedmann

Herrensalon mit Carbonkamin, man trifft sich darin mit sich selbst zum gepflegten Ausrasten. Am Display die vitalen Daten: Öl- und Getriebetemperatur, Leistung und Drehmoment in aktueller Abrufung. Hier leider im Stillstand.

Alles no nonsesnse hier

Das alles kann hochkonzentrierten Genuss machen, hat aber wenig Lockeres und gar nichts Unschuldiges, sieht man einmal davon ab, dass man mit zehn Litern Verbrauch unterwegs sein kann (kurzfristig 20 geht aber auch). Für unschuldig ist zu viel Kraft, zu viel Ernsthaftigkeit im Spiel. Alles so no nonsense hier. Immer an der Grenze … zu was?

Natürlich kann ich den AMG auch locker bewegen, aber bretthart bleibt er doch, und der Einsatz als Familienkombi mit tollen Reserven, von der Größe her möglich, ist deswegen unerquicklich.

Im Grunde genommen ist das ein Zweisitzer, und der Beifahrer muss halt auch einmal ans Steuer dürfen, sonst wird er ranzig. Wer vorhat, öfters auf die Rennstrecke zu gehen, sollte sich die Keramik-Verbundbremsanlage leisten, denn die serienmäßigen sind nach drei scharf angebratenen Runden wohl in Rauch aufgelöst. Und wenn man schon beim Geldausgeben ist, empfehlen sich in diesem Zusammenhang auch die Performance-Sitze mit erhöhtem Seitenhalt um 2.666 Euro. Denn wie man sich bettet, so sitzt man.

SHORTCUT

Was wir mögen
Das Wumms, das Bumms und das Rumms, die Tröten und Trompöten, Ach und Krach.
Was uns fehlt
Starke Befestigungsgummis im Laderaum und für die Passagiere.
Was uns überrascht
Das Auto, wieder und immer wieder.
Perfekt, wenn
… man gerne Vollgas gibt.
Die Konkurrenz
Sind alles Pfeifen.

DATEN Mercedes-AMG C 63 S T-Modell

Preis  € 101.990,– (NoVA 21 %)
Basispreis  € 35.590,– (NoVA 7 %)
Steuer  jährlich € 3.034,44
Motor, Antrieb  V8-Benziner mit Biturbo-Aufladung. 3982 ccm. AMG-Speedshift 7-Gang-Sportgetriebe, Heckantrieb.
Leistung/Drehmoment  375 kW (510 PS)/5500/min, 700 Nm/1750-4500/min.
Fahrleistungen  0-100 km/h 4,1 sec, Spitze 250 km/h, Normverbrauch/CO2 11,2/7,1/8,6 l/100 km/200 g/km. Testverbrauch 15,0/9,8/12,4 l/100 km.
Dimensionen  5 Sitze, L/B/H 4702/1810/1457 mm, Tank 66 l, Kofferraum 490-1510 l. Reifen 245/35 ZR 19 (v.), 265/35 ZR 19 (h.).
Gewichte  Leergewicht 1800 kg, Zuladung 460 kg.
Sicherheit  EuroNCAP *****/92/84/77/70 % (2014).
Ausstattung  Elektr. verst. Vordersitze, Lenksäule in Höhe u. Längsr. verst., 2-Zonen-Klimaautomatik, 7-Zoll-Farbdisplay, Collision Prevention Assist,  AMG-Hinterachse, AMG-Bremsen mit roten Sätteln, Dynamic Select, Polsterung Ledernachbildung, AMG-Sportpendale, LED-Scheinwerfer etc.
Extras  AMG Keramik Verbundbremsanlage € 6.176,–, AMG Driver’s Package (Höchstg. 290 km/h + Fahrtraining) € 3.969,–, Nappaledersitze € 3.680,–, Metalliclack € 1.149,–, Sitzklimatisierung vorne € 1.586,–, Air Balance (Ionisierung und Beduftung) € 494,–, adaptiver Fernlichtassistent € 268,–, Comand Online mit Navi € 4.117,–, Head up-Display € 1.459,–, TV-Tuner € 1.459,–, Abstandsregeltempomat € 1.417,–, Spur-Paket € 1.149,–, Rückfahrkamera € 585,–, 2 Aschenbecher € 63,– etc.

VERGLEICHBAR


Audi S4 Avant
(ab Sommer)
Preis  noch nicht festgelegt.
Steuer  jährlich € 2.008,44
Antrieb  V6-Turbo-Benzinmotor, 2995 ccm, 260 kW (354 PS), 500 Nm Drehmoment 8-Gang-Tiptronic, Allradantrieb.
Dimensionen:  5 Sitze, L/B/H 4725/1842/1411 mm, Gewicht 1675 kg.
Fahrleistungen:  0-100 km/h 4,7 sec, Spitze 250 km/h, Normverbrauch/CO2 7,5 l/100 km/175 g/km.


BMW M3
(kein touring verfügbar)
Preis  € 87.000, – (NoVA 23 %)
Steuer  jährlich € 2.512,44
Antrieb  R6-Turbo-Benzinmotor, 2979 ccm, 317 kW (431 PS), 550 Nm Drehmoment, 6-Gang-Handschalter, Heckantrieb.
Dimensionen:  5 Sitze, L/B/H 4633/1811/1416 mm, Gewicht 1610 kg,  Räder 275/40 ZR 18 (h.).
Fahrleistungen:  0-100 km/h 4,3 sec, Spitze 250 km/h, Normverbrauch/CO2 8,8 l/100 km/204 g/km.

  • Marcus Lang

    A Traum!

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