Wir sind Helden

Als Linoleum noch ein Rennbelag war, befanden wir uns auf Augenhöhe mit den besten, schnellsten, überschlagwütigsten Kleinmetallen.

09.01.2017 Autorevue Magazin

„Kinderzimmerhelden“ heißt ein Buch, das kürzlich im Postfach der Redaktion landete. Es ist das zweite von Christian Blanck, eigentlich Manager und Systemberater, der eines Tages eine Idee hatte, die ihn seither beschäftigt. Von Dachböden und Flohmärkten holte er Konvolute von leidenschaftlich zerspielten Autos, die er in einfache Szenen setzt. Dabei gelingen ihm Abbilder von erstaunlicher Statuarik und Gestaltungskraft, aufgeladen und abgeräumt von den harten Lebensumständen der Kinderzimmer und Sandkisten. Zerschlagene Windschutzscheiben, ausgefallene Scheinwerfer, zerschundene Lacke und fehlende Türen – hier tobte das Leben im Probelauf mit dem tröstlichen Nachsatz: Alles nur Spiel, später wird es noch toller!

Um das furiose Spannungsverhältnis von Kleinkind zu Großkind zu visualisieren, haben wir quer durch die Redaktion nach Kinderzimmerhelden gesucht. Redakteure der Autorevue und autorevue.at stellen ihre heimlichen Helden zur Diskussion.

Blancks neues Buch heißt im Untertitel „Das Porsche Buch“. Insofern mag sich auch der Überhang an Porsche-Modellen erklären, wie er in unseren Kinderzimmern gewiss nicht herrschte. Egal. Wir fühlten uns stark an unsere Jugend erinnert, tauschten Geschichten aus und fingen auf unseren eigenen Dachböden zu kramen an, nach den Überbleibseln unserer Kindheit.

Matchbox, Hot Wheels, Corgi Toys, Dinky Toys. Man hatte schnell eine Meinung gefasst, die Superrenner aussortiert von den Betonmischern, Wohnanhängern und Autotransportern. Über das schräggelehnte Bügelbrett, die Hot-Wheel-Loopings oder später die Carrerastrecke sauste alles, was sich per Tempo, Reichweite, Schleuderstunt und Weitsprung ins Missbräuchliche ausarten ließ – bis hin zur versuchten Abfackelei, was aber wirklich nur den schlimmsten Buben einfiel. Auch bei lieblosem Umgang mit dem Kleinmetall blieben uns doch keine Details verborgen, der Doppeldeltaflügel eines Chevrolet Impala, das Lenkverhalten des East-African-Safari-Käfers oder die massige Schwerpunktlage eines Silberpfeils (von Märklin!) schufen ein elementares Verständnis, von dem wir bis heute zehren.

© Bild: Andreas Riedmann

Um dieses furiose Spannungsverhältnis von Kleinkind zu Großkind zu visualisieren, haben wir quer durch die Redaktion nach Kinderzimmerhelden gesucht. Redakteurin und Redakteure der Autorevue und autorevue.at stellen ihre heimlichen Helden zur öffentlichen Diskussion und hoffen, dass auch bei unseren Lesern eine Erinnerungsmaschinerie in Gang gesetzt wird, die so manche abgewetzte Pretiose ins Gedächtnis rufen mag. Vielleicht lohnt sich gar ein Blick auf den Dachboden.
David Staretz

© Bild: Andreas Riedmann

Christian Kornherr: Feuerzauber am Fast-Perser

Ich bin nicht stolz drauf, aber es war halt so: Schon immer von einem starken Hang zur Realität und zum Rennsport beseelt, hatten es Modellautos nicht leicht bei mir. Schlüsselkind, das ich war, konnte ich ganze Nachmittage ungebremst in meiner Welt verbringen, und die bestand aus dem riesigen Fast-Perser im Wohnzimmer, in dessen Ornamenten ich je nach Bedarf ganze Großstädte, lieber aber legendäre Rennstrecken sah. Le Mans, Monte Carlo, Österreichring. Meist mit dem Gesicht am Boden liegend, um die exakt gefahrene Linie und die millimetergenauen Positionskämpfe hautnah bewundern zu können. Wurde aber auch irgendwann fad. Erste Stufe der Realitätsnähe war, dass ich meine Lieblingsmatchbox – Lotus Europa, serienmäßig pink, Ford Mustang und der im wirklichen Leben glücklose Dreiliter-Prototyp Ford P68 – mit Modellbau-Farbe Racingstreifen verpasste. Eh lieb, aber fast jeden Sonntag sah man damals, wir schreiben die späten Sechziger, frühen Siebziger, brennende Formel 1 im Fernsehen. Es musste also eine weitere Realitätsstufe folgen: Der Mustang bekam mit dem Hammer eine aufs Dach und wurde anschließend am Gasherd zart angeröstet. Sozusagen ein frühes Mahnmal des Versagens und der Vergänglichkeit im Rennfahrerleben. Vielleicht war es der Crash-Mustang, der mich lange vom Motorsport fernhielt – was meine Mutter allerdings nicht zu würdigen wusste, als sie das Ding in meinem Matchbox-Koffer entdeckte und fragte, wie es zustande gekommen sei.

© Bild: Andreas Riedmann

Rudolf Skarics: Matchbox und Carrera

Mit Modellautos hatte ich nie was am Hut, mit Spielzeugautos schon. Zum Beispiel war es für mich ein technologischer Quantensprung, als die Matchboxautos statt ihrer Starrachsen, die sich sofort mit Sand verklebten, Quasi-Einzelradaufhängung an dünnen Drähtchen bekamen, so genannte Superfast-Räder. Jetzt erst rollten die Räder frei. Die Spielzeugeisenbahn tauschte ich sehr bald gegen eine Carrera-Rennbahn ein, auf der mein Spezl der Gusti im Linzer Passage-Kaufhaus die Österreich-Ausscheidung gewann und in Amsterdam auch noch Europameister wurde. Ich war sein Trainer, weil – wie immer im Sport – jener zum Trainer wird, der eine Sportart nicht ganz so gut kann. Die Autos waren so schnell, dass man ihnen kaum zusehen konnte, so drehte sich der Gusti beim Fahren um und steuerte den Wagen im Takt der akustischen Reize. Vom Geschehen abgewandt würgte er wie ein Besessener seinen Gasgriff im Rhythmus der Kurvenfolge. Als Jochen Rindt starb, wurde auch uns die Formel 1 zu gefährlich, und wir beendeten rechtzeitig unsere Rennfahrerkarriere.

© Bild: Andreas Riedmann

Christoph Jordan: Wenn ich einmal groß bin …

Es hat ja so kommen müssen. Wenn du auf der Rückbank eines Ford Capri III aufwächst, ist die Wahl des Lieblingsspielzeugautos schon vorbestimmt. Drei davon habe ich verschlissen. Einer hat die Motorhaube abgeworfen, der andere die Hinterachse verloren. Der dritte hat duldsam Lackierversuche mit Tipp-Ex über sich ergehen lassen und genießt jetzt seinen Ruhestand am Stammplatz in der Vitrine. Umgeben vom Mk. 1, den schon der Herr Papa bespielt hat. Und dem Zweier, der zwar hässlich ist, aber der guten Ordnung halber dazugehört. Und dann gibt’s noch welche im Maßstab 1:1, die nicht ganz so platzsparend unterzubringen sind. Aber das ist eine andere Geschichte, die auch irgendwie vorbestimmt war.

© Bild: Andreas Riedmann

Michael Szemes: Blech statt Plastik

Im zarten Alter von etwa zehn Jahren hab’ ich von meinem Papa eine Box voller Lkw-Modelle bekommen, aus Blech und Plastik, und natürlich ist eingetreten, was Zehnjährigen halt passiert. Die Plastikausführungen haben mein Erwachsenenalter nicht erlebt, deshalb will ich den restlichen Autos hier einen kleinen Ehrenplatz geben, und am besten sieht man sie, haben der Fotograf und ich gedacht, wenn sie durch die Luft vorbeifahren, also runterfallen. Gespielt hab’ ich damit nie, ich war immer schon Sammler, damals eben noch in kleinen Maßstäben. Warum haben die aus Plastik nicht überlebt, könnte man jetzt fragen, und ich hab’ eine Vermutung: Sie wurden in der Box von den Metallmodellen einfach zermahlen. Oder ich war ein grobmotorischer Sammler.

Die Viper am Aufmacherfoto war übrigens mein erstes selbstgekauftes Auto. 200 Schilling beim Spielwaren Ziermann.

© Bild: Andreas Riedmann

David Staretz: Mäusewitz

Mein Modellauto habe ich selber gebaut aus einem Pappkörper, einem Schwachstrommotor mit einfachem Winkelantrieb, Draht und vier Teewagenrädern. Es handelt sich um einen Fessel-Renner, ähnlich den Fesselflugzeugen. Somit ähnelt mein Racer den Speed Model Cars, („Tether Cars“), hochgegitzten Verbrennern, die mit Tempo 300 am Stahlseil über die Kreisbahn jagen.

Meiner kann gerade Tempo 30, dennoch erfreut er, unter Strom gesetzt durch einen Kleinbahn-Trafo, zentral verankert an einem metallenen Drehkörper, durch seinen zirkulären Mäusewitz. Die Herausforderung lag daran, Aufhängungspunkt und Lenkeinschlag in Einklang zu bringen. Nach thermischen Problemen erhielt er Luftlöcher, die machen auch optisch was her. Dass ein Stromkabel unter Fliehkraftspannung gesetzt wird, ist natürlich ein absolutes No-no, bei Schwachstrom lassen wir das aber als Amateur-Pfiffigkeit gelten.

© Bild: Andreas Riedmann

Susanne Hofbauer: Keine Helden

Über meine kleine späte Freude an einem Käferchen, das ich in unbeobachteten Momenten über den Schreibtisch flitzen ließ: Ich hatte als Kind eine Katze, ein Klapprad und zerschundene Knie, aber keine Spielzeugautos. Es gab keine Quellen, keine Vorbilder, keine Ideen, dass es so etwas überhaupt gibt. Für Mädchen. Die Autos meines Interesses waren also von Anfang an 1:1. Mein Vater fuhr DKW, VW 1600, später mehrere Citroën GS, dann einige gebraucht gekaufte Mercedesse. Mein erstes Spielzeugauto begegnete mir, da war ich schon bei der Autorevue: ein winziger New Beetle, der am Ende eines Kugelschreibers steckte. Man konnte ihn abnehmen, durch Rückwärtsfahren aufziehen und über den Schreibtisch flitzen lassen. Ich hab’ das oft gemacht. Mit kindlichem Vergnügen. Aber nur, wenn keiner zugesehen hat.

© Bild: Andreas Riedmann

Martin Strubreiter: Mit langem Atem

Borgward und die 70er, das war ein trauriges Kapitel. Im Straßenbild waren noch genug Exemplare unterwegs, um in der kindlichen Welt als Traumauto einzuparken, aber ganz allgemein war die Marke am Verblassen, Ausfransen, Vergessenwerden. Bei mir nicht, denn ich hatte noch das Autobuch eines Freundes meiner Eltern: Gesammelte Autobilder aus den Mickey-Maus-Heften, wie sie in den 50ern in jedem Heft dabei waren.

Da blieb was zurück.

Ich wollte ein Borgward-Spielzeugauto, hoffnungslos in den 70ern: Die in den 50ern aufgelegten waren längst wegverkauft, und Sammlermodelle wie heute gab’s damals so was von nicht (bis auf die Models of Yesteryear von Matchbox, aber das waren Vorkriegsautos). Hie und da sekkierte ich meine Eltern, bis wir in ein Spielzeuggeschäft gingen und dort das Personal sekkierten, aber: keine Isabella, nie, nicht.

Irgendwann entdeckte ich eine, beim Mecky-Express im Prater in einer Modellbahn-Landschaft. Es war das Wiking-Modell, geparkt nah bei einem silbernen Cadillac. Von da an sprach ich oft bei der Dame an der Kassa vor, bot Taschengeld-Monatsgehälter und Tauschautos im gleichen Maßstab, aber meine kindliche Begeisterung zerschellte. Ich kam nur bis auf einen Meter an mein Traumauto heran.

Bis Anfang der 90er. Bei einem Parisaufenthalt entdeckte ich ein Geschäft mit historischen Modellautos, das Borgward Isabella Coupé kostete 100 Francs. Es ist auch mit Anfang 20 nicht zu spät für eine glückliche Kindheit.

Isabella Limousinen von Wiking und Märklin hab’ ich vor wenigen Jahren eh auch bekommen, fantasielos im Internet ersteigert. Auch schön, aber ein kindlicher Kauf aus der Mecky-Eisenbahn heraus hätte mehr Zauber gehabt.

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