Tamara Schögl
Bremssysteme bei E-Scootern: Vor- und Nachteile

Bremssysteme bei E-Scootern: Vor- und Nachteile

Ob elektronische Bremse, Scheibenbremse, Trommelbremse oder einfache Fußbremse am Hinterrad: Welche Vor- und Nachteile die unterschiedlichen Bremssysteme bieten und wie die optimale Bremsstrategie für einen E-Scooter aussieht.

Christian Gaisböck
Online Redaktion
Veröffentlicht am 27.12.2023

„Hohes Tempo, niedrige Moral“ – so lautete das Urteil des Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) im Jahr 2019 angesichts 1.200 E-Scooter-Fahrer, die in jenem Jahr im Spital landeten. Zu den Hauptunfallursachen zählten laut KFV neben Selbstüberschätzung eine zu hohe Geschwindigkeit. Unserer Einschätzung nach – wenn auch nicht statistisch belegbar – zählen aber auch mangelhafte Bremsen und falsches Verhalten beim Bremsen ebenso zu den Gefahrenquellen.

Welche Bremssysteme bei E-Scootern vorwiegend verbaut werden, welche Vor- und Nachteile sie bieten und wie man richtig bremst: Hier der Kurz-Überblick.

Trommelbremse

Bereits 1900 erstmals in einem Mercedes eingesetzt, wird die Trommelbremse – wenn auch in ausgereifterer Form – bis heute auch bei E-Scootern verwendet. Der neue Max G2 von Segway-Ninebot, und damit einer der beliebtesten Elektro-Scooter am Markt, zählt beispielsweise zu jenen Modellen. Bei dieser Bremse ist die Bremstrommel fest mit dem Rad verbunden, sie folgt den Drehungen der Räder. Vorteile dieses Bremssystems: Es ist aufgrund der inneren Verstärkung verhältnismäßig wenig Krafteinsatz beim Bremsen nötig, im Vergleich zur Scheibenbremse verursacht sie außerdem deutlich weniger Abrieb. Damit ist eine Trommelbremse auch deutlich langlebiger, wenngleich der Wechsel der Bremsbeläge aufwändiger ist. Nachteil: Die Wärmeabfuhr ist aufgrund der Bauweise deutlich schlechter – sogenanntes Bremsfading tritt bei starker bzw. langer Beanspruchung häufiger auf. (Fading = Nachlassen der Bremswirkung bei Dauerbremsung).

Scheibenbremse

Ebenso weit verbreitet bei vielen E-Scootern, zum Beispiel auch beim Streetbooster One. Bei der Scheibenbremse handelt sich um eine Bauform der Reibungsbremse. Eine Scheibenbremse besteht aus einer Bremsscheibe, diese ist mit einer Radnabe verbunde. Dazu kommt der Bremsträger, an dem wiederum der Bremssattel befestigt ist, in dem die Bremsbeläge eingesteckt sind. Die erwähnte Reibung bedeutet aber auch: Beim Bremsen entsteht Wärme, dabei entsteht verstärkt Abrieb in Form von Bremsstaub. Die Verschleißerscheinungen sind somit im Vergleich zur Trommelbremse höher. Und im Gegensatz zu einer Trommelbremse ist eine Scheibenbremse nicht vor Wasser oder anderen äußeren Einflüssen geschützt. Zu den Vorteilen der Scheibenbremse: Sie sind zum einen leichter, was auch – zumindest ein wenig – positiven Einfluss auf die Federung hat. Und zum anderen ist die Wärmeabfuhr bauartbedingt deutlich besser. Zum erwähnten Bremsfading, also dem Nachlassen der Bremswirkung bei Dauerbremsung, kommt es bei diesen Bremsen somit kaum. In unseren Augen aber einer der wichtigsten Vorteile aus eigener Erfahrung: Eine Scheibenbremse lässt sich gut dosieren, die Bremswirkung ist sehr gleichmäßig. Das gilt besonders für Scheibenbremsen, die hydraulisch arbeiten, wie das beim deutschen Modell „Metz Moover“ der Fall ist. Durchgesetzt hat sich dieser E-Scooter (und auch andere mit Hydraulik-Bremse) dennoch nicht, da preislich kaum massentauglich – daran hat auch die Hydraulikbremse ihren Anteil, die in der Herstellung deutlich teurer ist.

Elektronische Bremse

Mittlerweile Standard bei fast allen E-Scootern. Je nach Software-Einstellung eine durchaus fein dosierbare Bremsvariante, die zwar nicht zu einer Vollbremsung taugt, aber beim Gleiten bequem ist, da quasi kein Kraftaufwand nötig ist. Wird aus Sicherheitsgründen immer nur als zusätzliche Bremse zu einer Scheiben- oder Trommelbremse eingesetzt. Denn sollte der Motor bzw. die Elektronik ausfallen, bleibt auch der Bremshebel für die elektronische Bremse wirkungslos. Die vielfach beworbene Rekuperation (Rückgewinnung von Bremsenergie) ist in unseren Augen allerdings eher als Marketing-Gag einzustufen. Die Reichweite lässt sich damit bei E-Scootern nur geringfügig erhöhen.

Fußbremse

War z.B. bei früheren Modellen von Xiaomi serienmäßig inkludiert. Eine simple Reibungsbremse, bei der mit dem Fuß auf ein Stück Blech (bzw. Kunststoff) getreten wird, um damit den Hinterreifen abzubremsen. Allerdings massive Wärmeentwicklung, schlechte Dosierbarkeit und hohe Verschleißerscheinungen: Bei hochwertigen E-Scooter-Modellen ist dieses Bremssystem kaum mehr zu finden.

Optimale Bremsstrategie für E-Scooter

Ein Bremssystem kann seine Wirkung nur dann entfalten, wenn es auch richtig angewandt wird. Der ADAC empfiehlt beispielsweise: „Um Ihren E-Scooter möglichst schnell anzuhalten, müssen Sie die Vorderradbremse so kräftig ziehen, dass das Hinterrad gerade so nicht abhebt. Viele Fahrer schrecken allerdings davor zurück, weil sie einen Sturz über den Lenker befürchten.“

Die Erfahrung vieler E-Scooter-Fahrer zeigt: Die Angst vor einem Sturz kopfüber ist tatsächlich nicht unbegründet. Den die Kombination aus meist kleinen Rädern zwischen 8 und 10 Zoll sowie einen bauartbedingt hohen Schwerpunkt macht E-Scooter anfällig dafür, bei einer Vollbremsung nach vorne zu „kippen“. Der ADAC empfiehlt deshalb, das Bremsen regelmäßig zu üben und sich an den „Kipp-Punkt“ möglichst nahe heranzutasten, um im Bedarfsfall so kräftig wie möglich, aber ohne dabei zu stürzen, abbremsen zu können.

Wir empfehlen außerdem: Eine „Vorwärtsrolle“ kann auch vermieden werden, indem man das Gewicht beim Bremsvorgang nach hinten verlagert. Das gelingt durch das Anspannen bzw. Ausstrecken der Arme und gleichzeitiges, leichtes Abwinkeln der Knie.

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