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Jochen Rindt: Leben und Karriere des Ausnahme-Rennfahrers

Jochen Rindt: Leben und Karriere des Ausnahme-Rennfahrers

Jochen Rindt war der erste Formel-1-Star aus Österreich. 1970 wurde er als bis dato einziger Rennfahrer posthum zum Weltmeister erklärt.

Veröffentlicht am 18.02.2024

„Er war ein Naturtalent. Er setzte sich ins Auto und wusste, was er zu tun hatte. Er war der Beste“, sagte Bernie Ecclestone über Jochen Rindt. Helmut Marko: „Zu Jochens extremer Fahrzeugbeherrschung, die man nicht weiter erklären kann, kam ebenso extremer Mut.“ Das Zeug zum mehrfachen Weltmeister hätte Österreichs erster Formel-1-Star gehabt, sind sich seine Wegbegleiter, Fans und eigentlich sowieso das ganze Land sicher – doch am Höhepunkt seiner Karriere wurde der damals 28-Jährige aus dem Leben gerissen.

Beim Training vor dem Grand Prix von Italien in Monza am 5. September 1970 verunglückte Rindt tödlich, am selben Streckenabschnitt wie neun Jahre zuvor sein Idol Wolfgang Graf Berghe von Trips. Aufgrund seines bis dahin bereits eingefahrenen Punktevorsprungs wurde Rindt – als erster und bis dato auch einziger Fahrer – posthum zum Weltmeister in der Königsklasse des Motorsports erklärt.

Steckbrief Jochen Rindt

  • Geboren am 18. April 1942 in Mainz
  • Gestorben am 5. September 1970 in Monza
  • Familienstand: Verheiratete mit Nina (seit 1967), Tochter Natasha (geboren 1968)
  • Grand-Prix-Starts (Formel 1): 60
  • Grand-Prix-Siege (Formel 1): 6
  • Formel-1-Weltmeister 1970

Karriere-Beginn

Geboren wurde Karl Jochen Rindt – so der volle Name des späteren Motorsport-Idols – am 18. April 1942 in Mainz. Nachdem er im Krieg seine Eltern – die Mutter Österreicherin, der Vater Deutscher – verloren hatte, lebte er ab 1943 bei seinen Großeltern in Graz. Daher bekam er später auch eine österreichische Rennlizenz und wird trotz seines Geburtsorts allgemeinhin als Grazer bzw. Österreicher wahrgenommen.

Schon als Jugendlicher fuhr Rind gerne schnell – wenn auch damals noch mit dem Moped: Im Alter von 15 Jahren kassierte der künftige Formel-1-Star seine ersten Strafzettel. In die Schule ging Jochen Rind mit Helmut Marko, erst in Graz am Pestalozzi-Gymnasium, dann in Bad Aussee. 1961 machten die beiden Freunde einen Ausflug zum Großen Preis von Deutschland am Nürburgring – und Jochens Berufswunsch stand fest.

Seltene Fotos. Im Hamburger Feuersturm 1943 kamen Jochen Rindts Eltern (rechts die Mutter) ums Leben. Mitte: Mit Halbbruder Uwe und Kindermädchen. Jochen hatte bei den Grazer Großeltern eine wunderbare Kindheit in Zeiten, wo Kids ihren Weg zwischen Fug und Unfug mit einer gewissen Lockerheit fanden.
Seltene Fotos. Im Hamburger Feuersturm 1943 kamen Jochen Rindts Eltern (rechts die Mutter) ums Leben. Mitte: Mit Halbbruder Uwe und Kindermädchen. Jochen hatte bei den Grazer Großeltern eine wunderbare Kindheit in Zeiten, wo Kids ihren Weg zwischen Fug und Unfug mit einer gewissen Lockerheit fanden. [abgedruckt in der autorevue 9/2020] © Bild: Privat

Noch im selben Jahr ging Rindt in seinen ersten Rennen an den Start. Mit Unterstützung des Grazer Autohändlers Oskar Vogl konnte er seine ambitionierten Ziele weiter verfolgen und fuhr schon bald diverse Siege ein. 1963 investierte Rindt einen Teil seines Erbes in einen Cooper-Rennwagen, mit dem er in der Formel Junior an den Start ging. 1964 folgte der Umstieg in einen Brabham – und die Formel 2.

Als Anfang der 1960er-Jahre erste Gerüchte durchs Steirische flogen, ging es von „A Narrischer ohne Nosn“ bis zu „A Wüder mit ana Nosn“, in beiden Fällen würde man den Mann sofort erkennen, an der Fahrweise und mit oder ohne Nosn. 

Aus Herbert Völkers Artikel anlässlich Jochen Rindts 50. Todestag in der autorevue 9/20

Beim Rennen in Crystal Palace (London) 1964 gewann Rindt gegen Größen wie Graham Hill, Jackie Stewart, Jim Clark, Jack Brabham. Das brachte ihm viel Aufmerksamkeit ein – und unter anderem das Cover von Autosport: „Who would have expected Jochen Rindt to pull the wool over the eyes of our top racing drivers?“, hieß es damals in dem Magazin.

Jochen Rindt nach seinem Sieg beim Formel-1-Rennen in Crystal Palace 1964.
Jochen Rindt nach seinem Sieg beim Formel-1-Rennen in Crystal Palace 1964. © Bild: Victor Blackman/Daily Express/Hulton Archive/Getty Images

Jochen Rindt in der Formel 1

1965 – 1967: Cooper

Bereits ein Jahr später, also 1965, nahm der britische Rennstall Cooper Rindt unter Vertrag und bescherte ihm sein erstes Formel-1-Cockpit. Bei Cooper blieb der Grazer bis 1967.

1965 fuhr Rindt – gemeinsam mit Masten Gregory – trotz zahlreicher technischer Probleme auch den Sieg beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans ein. Damals war es üblich, dass die Topfahrer in mehreren Rennklassen ihr Können unter Beweis stellten. Auch Rindt ging neben seinem Engagement in der Formel 1 weiterhin unter anderem in der Formel 2 an den Start, wo er reihenweise Siege einfuhr.

1968: Brabham

1968 fuhr Jochen Rindt für Brabham. Doch das Auto wurde Rindts Potenzial nicht gerecht, die vierte Formel-1-Saison seiner Karriere verlief enttäuschend: In acht von elf Rennen kam es zu der Technik geschuldeten Ausfällen.

Der Dokumentarfilm „Jochen Rindt – Der Weltmeister aus Graz“ von Günter Schilhan zeichnet Rindts Leben und Karriere nach und lässt neben zahlreichen Originalaufnahmen von damals auch Weggefährten, Freunde und Familie – von Helmut Marko bis zu Nina und Natasha Rindt – zu Wort kommen. Auch das Zitat von Bernie Ecclestone, das wir an den Beginn dieses Artikels gestellt haben, stammt aus diesem Film. Prädikat: Absolut sehenswert!

1969 – 1970: Lotus

Bereits 1969 wechselte Rindt daher zu Lotus, dem damals erfolgreichsten Team.

Colin Chapmans Boliden waren zwar schnell, aber auch gefährlich – die Risikobereitschaft des „traumtänzerischen Unternehmers und kultmäßigen Briten mit feinen Marotten“ (Zitat: Herbert Völker) übertraf selbst die seines neuen Fahrers um Längen. Dem Wunsch seiner Frau Nina, er möge mit dem Rennfahren aufhören, kam Rindt trotzdem nicht nach. Der Gefährlichkeit seines Berufs war er sich allerdings stets bewusst, entging er doch mehrmals selbst nur knapp einer Katastrophe und musste unter anderem den tödlichen Unfall seines engen Freundes Piers Courage miterleben – der Brite verunglückte beim Grand Prix der Niederlande 1970, just in dem Rennen, in dem Rindt den Sieg mit dem damals neuen Lotus 72 einfuhr.

Seinen ersten Sieg in der Automobil-Weltmeisterschaft errang Rindt noch in der Saison 1969 in den USA, womit er endgültig zum Favoriten für die kommende WM avancierte.

1970 sollten noch fünf weitere Siege folgen. In Monaco, noch mit dem Lotus 49, zeigte Rindt mit einem spektakulären Sieg auf (Details könnt ihr hier nachlesen).

Jochen Rindt nach seinem Sieg beim Grand Prix in Monaco am 10. Mai 1970.
Jochen Rindt nach seinem Sieg beim Grand Prix in Monaco am 10. Mai 1970. © Bild: Victor Blackman/Daily Express/Hulton Archive/Getty Images

In den ersten zwei Rennen der Saison noch punktelos geblieben, nahm die Titeljagd des Österreichers nun so richtig an Fahrt auf: Es folgten Siege in den Niederlanden, in Frankreich, Großbritannien und Deutschland, alle mit dem Lotus 72. Insgesamt hatte Rindt also bereits sechs Grand-Prix-Siege eingefahren, als er sich auf das Rennen in Monza vorbereitete.

Video: Jochen Rindts letztes Interview

Unfall in Monza 1970

Der Große Preis von Monza fand am 6. September 1970 statt. Beim Abschlusstraining einen Tag davor kam es zu dem Unfall, der der Karriere des Ausnahmetalents aus Österreich ein jähes Ende setzte: Vor der Parabolica-Kurve brach die Bremswelle des Lotus, und Rindt hatte keine Chance.

Dieter Stappert, ein Freund von Jochen Rindt und auch 5. September 1970 persönlich vor Ort, schilderte die Geschehnisse wie folgt*:

Gut 200 Meter vor Hulme, der in der Runde zuvor noch vor Jochens Lotus gewesen war, schießt Rindt aus der Vialone. Jochen bremst den Lotus zusammen, die rot-goldene Nase geht ruckartig nach unten. Der Lotus schwänzelt leicht, das kennen wir schon, dann schießt der Wagen , fast im rechten Winkel, so scheint es, nach links, in die, unter die Leitplanken, es zischtkrachtreißtbirst zum ersten Mal, der Lotus schleudert in die Bahn zurück, dreht sich noch einmal um die eigene Achse, schießt noch einmal frontal in die Leitschienen, zum zweiten Mal dieses unbeschreibliche, unter die Haut gehende, fröstelnde berstende Tuschen, der Lotus fliegt wieder raus, unter mir durch, rein in den Sand, bleibt liegen. Ich höre nichts, und ich sehe nichts. Der Staub pickt mir in den Augen, ich glaub’, ich bin taub und blind. Dann höre ich das Kreischen der Leute, der Staub setzt sich, ich seh das rot-gold-weiße Gebilde, das einmal ein Lotus war, vorne komplett zerfetzt, von mir abgewandt, aber da kann nichts mehr sein, Jochens Fuß schaut heraus, nackt, kein Schuh, kein Socken, weiße Leute rennen herum, einer zieht ihn an den Händen, zwei halten eine weiße Decke, um den Leuten auf der Tribüne die Sicht zu versperren, sie ziehen ihn nach vorne heraus, legen ihn auf die Bahre, die rechte Hand fällt herunter, und da nimmt einer die Hand und legt sie auf die Brust, wie bei einer Puppe, und alles ist voller Blut.

Mir schießen die Tränen in die Augen, bitte lieber Gott, mach’, dass es nicht wahr ist, lass es bitte nicht wahr sein.

Aber ich mach’ die Augen auf, und es ist doch wahr.

*Diese Zitate stammen aus der autorevue 9/2020, für die sich Herbert Völker anlässlich Jochen Rindts 50. Todestag auf eine aufwändige Spurensuche begeben hat. Den umfangreichen Artikel über Österreichs ersten Formel-1-Star könnt ihr in der auch online nachlesen.

Rindt wurde am Grazer Zentralfriedhof in einem Ehrengrab der Stadt beigesetzt.

Posthumer Weltmeistertitel

Mit seinen fünf Grand-Prix-Siegen in der Automobil-Weltmeisterschaft 1970 hielt Jochen Rindt bei 45 Punkten, bevor ihn der tragische Unfall im Abschlusstraining vor Monza am 5. September aus dem Leben riss. Am Ende der Saison reichte das für den Weltmeistertitel – kein anderer Fahrer konnte mehr Punkte einfahren.

Damit ist Jochen Rind der erste und bis dato auch einzige Fahrer, der posthum zum Formel-1-Weltmeister ernannt wurde. Seine Witwe Nina nahm den Pokal entgegen.

Privatleben

1967 heiratete Jochen Rindt das finnische Model Nina Lincoln. Tochter Natasha kam am 7. August 1968 auf die Welt.

Die Jochen-Rindt-Show

Rindt war nicht nur als Fahrer erfolgreich. Ab 1965 veranstaltete er im Wiener Messepalast die Jochen-Rindt-Show – eine Autoausstellung, die sich höchster Beliebtheit erfreute. Nach dem Tod ihres Namensgebers wurde die Show von dessen Witwe Nina noch bis 1975 weiter veranstaltet.

Auf der Website jochenrindt.com, die von Rindts Tochter Natasha betrieben wird, findet ihr weitere Informationen zum Menschen und Rennfahrer Jochen Rindt.

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