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Kommentar: Wer ist schuld?

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Wir haben Krise und wissen, wer schuld ist: Die Regierung. Egal, welche.

Jetzt werden wir also seit Monaten mit dem Krisenthema zugehämmert, und es herrscht allgemeine und überaus komfortable Übereinkunft, dass die Regierung schuld ist. Es gibt auch keinen Zweifel daran, dass die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen eine Voraussetzung dafür ist, dass die Wirtschaft funktioniert = Binsenweisheit.

Andererseits traf ich kurz vor Weihnachten einen Bekannten bei einem der größten Autohändler Wiens, Vorzeigehaus einer deutschen Premiummarke, und er erzählte mir, dass er sich hier einen Soundso gekauft hätte, leicht gebraucht, aber immer noch sauteuer, und der hatte nur Sommerreifen. Auf die Frage, ob es denn keine Winterreifen gäbe, jetzt, mitten im Winter, sagte der Angestellte: „Homma kane.“

Also rief der Bekannte einen großen Reifenhändler an und erfuhr dort, dass man ihm die passenden Reifen durchaus verkaufen könne, aber montieren geht nix mehr. „Wann denn?“ „Na, nach dem 6. Jänner einmal.“

Und dann war da die Jahrespressekonferenz einer bedeutenden Automobil-Holding, und der Geschäftsführer hat stolz eine App präsentiert, auf der man sich unkompliziert bei der Holding bewerben kann, weil „heutzutage ist das den Leuten ja zu kompliziert, ein richtiges Bewerbungsschreiben zu verfassen“. 

Später traf ich einen jungen Kollegen, demnächst mit einem Wirtschaftsstudium fertig, und der erzählte, dass es für junge Menschen eigentlich ganz leicht sei, sich abzuheben, es reiche, wenn man grüßen und mit Messer und Gabel essen könne. 

Und schließlich wurden wir dann noch durch die Medienberichte aufgescheucht, dass ein Drittel der Österreicherinnen und Österreicher nicht sinnerfassend lesen kann, und dass das nur ganz wenig mit der Migration zu tun habe. Die Leute können einfach so nicht lesen. Eine Erklärung ist, dass man es beim vielen Aufs-Handy-Schauen einfach verlernt (vor allem, wenn dort nur Kurzvideos mit besonderen Bedürfnissen laufen). 

Vielleicht ist es im richtigen Leben ja wie beim Fußball. Ein guter Trainerstab ist wichtig, aber mit einer Mannschaft, die zur Hälfte aus nicht übermäßig ambitionierten Amateuren der Unterliga Ost besteht, kommt auch der beste Trainer nicht in die Champions League. Und ein schlechter schon überhaupt nicht. 

Dieser Kommentar ist in autorevue 03/25 erschienen.

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