
Der Endlich-Geschafft-911 bleibt saugsam treu und eröffnet dennoch neue Schubfelder. Und ja, Kinder haben jetzt auch ihren Platz in der Zukunftsplanung.
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Porsche 911 GT3: No-Nonsense für Rennstreckenliebhaber
Zu Hause, in der internen Sprachregelung, nennen sie ihn nur Gen. 2, für unsereiner aber gilt der volle Name: Porsche GT3 992 Generation 2. So viel Zeit muss sein.Denn man erkennt sofort, das ist ein No-Nonsense-Modell, wie man es nur bei Porsche finden kann, exakt zugerichtet auf das Kundensegment fortgeschrittener Kenner und Liebhaber mit Rennstreckenaffinität. Die sie aber nicht extra raushängen lassen wollen vor der Rechtsanwaltskammer oder dem Kongress-Parkhotel. Deshalb gibt es auch diesmal das seit 2017 bewährte Touringpaket, serienmäßig ausgeliefert mit sechs handgerührten Vorwärtsgängen, wozu wir uns gerne den dunkelgrünen Wagenkörper und die sattbraune Lederausstattung vorstellen.
Dezent ausfahrbare Spoilerlippe mit Gurney-Flap obendrauf.Doch die martialische Urform, wie sie den GT3 seit 1999 personifiziert, damals noch mit 3,6 Liter Mezger-Motor und 360 PS, die präsentiert sich aktuell mit mächtigem Heckflügel und markantem Mittelstreifen und zusätzlich optionalen Distinktionen wie Magnesiumfelgen oder Matrix-Scheinwerfern mit Farbakzent. Weissach-Paket ist obendrauf erhältlich. Siebengang-PDK in Serienauslieferung, doch wie im Touring-Paket lässt sich vice versa gegenbestellen das Handschaltgetriebe bzw. 7-Gang PDK.Neue Konturen vorn und hinten, Entfall der Zusatzscheinwerfer in der Frontschürze, neue Diffusorkanten und geringfügig veränderte Konturen im Heck fordern Porsche-Mnemotechniker heraus.
Besonders lebensnah eingerichtet ist der klassisch-neue Zünddrehschalter (links), damit entfallen Verwechslungssituationen, wie sie On-/Off-Knöpfe nun einmal hervorbringen in Zusammenhang mit Stop-/Go-Automatik versus dem guten alten Abwürgen des Triebwerks via Kupplung. Danke, Porsche, gut mitgedacht! Auch die kontrastreiche, unverspielte Analog-Optik der schlicht gehaltenen Hauptinstrumente überzeugt. Wo zwölf Uhr ist am Lenkrad, wissen wir aber selber. Heute hat schon jedes pseudosportliche SUV so eine Marke.25 Jahre GT3 in sieben Entwicklungsstufen, Erfolgsprogramm und Zeitlese gleichermaßen. Fast 700 ausgelieferte Modelle in Österreich.
Porsche ist stolz auf seine Kundenprofile, die durch groß angelegte Umfragen (2000 Befragte) ständig nachgescannt werden. Und, was kommt da eigentlich raus? „Bitte Saugmotor beibehalten, bitte Leichtbau, bitte Individualangebote" – und interessanterweise ist die Version Handschalter in den USA besonders gefragt unter den Porsche Guys.


Digilog und anatal. Das Beste beider Welten. Wer hier sitzt, hat alles richtig gemacht: handgerechter Schaltknauf, aufrufbare Drehzahl-Priorität im VDO-Look, nochmals der Schalthebel, weil er so knuffig ist, darunter die klassische Bedienleiste mit dem Assi-Serien-Killer. Rücksitze möglich, muss aber nicht.
© HerstellerTechnische Feinkalibrierung: Der Kampf gegen Auflagen und für Perfektion
Der größte Gegner des Supersportwagens ist die amtliche Auflagen-Bürokratie. Hier fochten die Porsche-Techniker einen mühsamen, wenig bedankten Kampf. Kataloge mit um 30, um 44 und in China gar um bis zu 50 Prozent verschärften Abgas- und Sicherheitsanforderungen benötigten zahlreiche Klein-Maßnahmen wie gewichtsträchtige Türverstärkungen, die sich halt nicht großartig darstellen lassen.
Insofern galt es als Erfolg, dass der Saugmotor nominell die 510 PS des Vorgängers beibehielt, trotz Einschränkungen. Verlor man beispielsweise Leistung über den Staudruck von nunmehr vier statt bislang zwei Katalysatoren, so holte man sich fünf PS zurück durch sechs neu gestaltete Drosselklappen. Man schärfte die Nockenwelle wie im RS-Modell für längere Öffnungszeiten und verkürzte das Getriebe um acht Prozent, um das Fahrgefühl „emotionaler" (Porsche-Formulierung) zu gestalten; jedenfalls herrscht in jeder Situation mehr Zugkraft am Antriebsrad, obwohl das maximale Drehmoment geringfügig abgenommen hat.
Dieses Effektes versicherte man sich auf Kosten der reduzierten Vmax, 313 km/h statt 320. Geschenkt.Hauptsache, „die Lenkung ist ein Hammer", wie Walter Röhrl konstatiert. Im gleichen Atemzug lobt er die (nunmehr klappbaren) Leichtbau- Sportschalensitze, die den Fahrer völlig freispielen für reine Lenkaufgaben. Der Kopfpolster lässt sich rausnehmen und in der verbliebenen Schale findet der Helmrücken ideal Platz. Porsche zum Mitdenken! Kinder auf den optional bestellbaren Rücksitzen, na ja, das geht noch an im Touring Paket. Doch ja, die Jugend wird es später danken.
Fahrwerk und Aerodynamik: Präzision bis ins kleinste Detail
Und Jörg Bergmeister auf der Rennstrecke lobt das Fahrwerk, „die präzise Dämpfer-Plattform", idealerweise hergestellt durch das optionale GfK-Leichtbau-Element des hinteren Schubfeldes, also die Hauptbrücke zwischen Kraftfluss und Chassis, der steife Nacken im Gebälk, sozusagen. Bergmeister subsummiert dies alles unter der Formel „kann man ordentlich fliegen lassen".Das könnte auch eine subtile Anspielung auf die sogenannten Aero- Lenker sein, also die vorderen Fahrwerks-Querlenker in strömungsgünstiger Tropfenform.
Dadurch wird zusätzlich die Bremsenkühlung begünstigt und durch Tieferlegung der Anlenkpunkte konnte der Eintaucheffekt beim Bremsen verringert werden, um 6 Millimeter, wo es vordem 12 brauchte. Dass man den Bumpstopp, also den Aufschlaggummi am Ende des Federweges, neu gestaltete, brachte 25 Millimeter mehr Federweg und im Grenzfall geringere Radlastschwankungen. Wichtig beim Überfahren von Curbs!
Immer wieder aufschlussreich, so ein kleiner Türspion in die Feinentwicklung bei Porsche. Man erfährt so nebenbei, dass auch im Lenkgestänge Toleranzen und Verschleißerscheinungen auftreten, die man mittels neuer Ausgleichssoftware zur Reibungskompensation bekämpft. Unglaublich. Die suchen ihre Problemfelder wirklich mit der Lupe.Neue Luftführungen am Bugteil, im Unterboden- und Bremsbereich sorgen für bessere Kühlung, was man ohne echte Notwendigkeit, aber im Sinne des Porsche-Perfektionismus betrieb. Das neue 20-/21-Zoll-Schmiederad hat jetzt noch feinere Durchbrüche und spart pro Stück 1,7 kg.
Da wäre man geradezu ein Spielverderber, würde man sich für die um radikale 9,1 kg pro Stück leichteren Magnesiumfelgen entscheiden. Ein feister Haudrauf bleibt der Heckspoiler, da steigen bald einmal 140 kg zu bei Tempo 200.
Fahrerleben und Emotionen: Wenn der Motor zum Erlebnisprogramm wird
Heute ist das alles, alles nichts, wenn dich die elektronischen Assistenten ständig nerven. Doch weil Porsches von Porschefahrern gebaut werden, suchte man nach einer halbwegs verträglichen Lösung. Ein analoger Generalschalter lässt alle Zwang-Apps aufpoppen, die man dann einzeln weglöscht bis zum nächsten Start. Besser geht's heutzutage nicht mehr. (Ärgerlich, wie die Autoproduzenten vor den Behörden in die Knie gegangen sind, als wären sie Schwimmwestenhersteller oder Tabakkonzerne.) Wir trösten uns mit dem unvergänglichen Naturklang des Sauger- Boxers, darum (und nicht nur darum) werden die Verbrennungstechniker von den synthetisch generierenden Taycanisten beneidet.
Runterschalten klangeshalber, was für ein delikater Luxus! Denn die neuntausend Touren sind über den reinen Technikaspekt hinweg zum Erlebnisprogramm Nackenhaar geworden. Muss man selber erfahren, also dieses Ratz-Fatz-Feeling, wenn man bei Tempo 145 in die Dritte runterschaltet, denn genau dann weißt du, dass sich das langwierige Studium ausgezahlt hat, auch der Ärger in Cambridge, das unbezahlte Volontariat, die erbarmungslose Karriere, die durchgearbeiteten Wochenenden – genau für diesen Moment, wenn du die Kupplung des Handschalters hart einrücken lässt oder das linke Paddle abdrückst und das Triebwerk willig aufjubelt und noch zulegt, zulegt, bis du es gnädig in die Vierte entlässt, denn angesichts dieser unerschöpflichen Leistungsabgabe ist es bisweilen empfehlenswert, den Kamm'schen Kreis nicht über Gebühr zu dehnen, mehr Seitenhalt aufzubauen und sich auf das ausgewogene, sanft austarierbare Fahrwerk zu verlassen.
War ich so gut oder doch wieder das Regelsystem PSM mit seiner tentakelhaften Sensibilität? Was dich anderswo als Spielverderber zurechtstauchen mag, erweist sich hier im Porsche als Freund und Schießkumpan. Das um erwähnte Türversteifung oder dickere Bremsscheiben erhöhte Gewicht des Gen. 2 stieg um 21 kg, obwohl man die Teppiche um zwei Kilo erleichterte (!?), hingegen spart das Gfk-Dach im Weissach-Paket fünf Kilogramm. Ungern wird man die GT3-Uhr ablegen, passend zum Flügel- oder Touring-Modell und nur erwerbbar im Zusammenhang mit dem entsprechenden Autokauf.
Der Basispreis beträgt 10.250 Euro, hochkonfigurierbar bis zur Schmerzgrenze.Und der Schlusssatz, den uns Porsche im Begleitschreiben des Gen. 2 mitgibt, möge auch hier alles klarmachen: „Optional sind Track-Reifen mit Straßenzulassung erhältlich."


Zusammenfassung
Was wir mögen
Der Durch-und-durch-Porsche mit voller Ansaugkraft.
Was uns fehlt
Die Ausrede, dass es leider keine Rücksitze gibt.
Was uns überrascht
Wie viel Freude das Handschalten immer wieder macht.
Perfekt, wenn ...
… man sich den fahrzeuggebundenen GT3-Chronometer in den Kopf gesetzt hat.
Die Konkurrenz
Vorzugsweise im Hause Porsche zu finden.
Daten & Ausstattung
Preis | € 302.899,– (NoVA 32 %). |
Steuer jährlich | € 4.518,72 |
Motor, Antrieb | 6-Zylinder Boxer (3996 ccm), 6-Gang-Handschaltgetriebe/7-Gang PDK. Heckantrieb. |
Leistung/Drehmoment | 375 kW (510 PS) bei 8500/min (max. 9000/min), 450 Nm bei 6250/min. |
Fahrleistungen | 0–100 km/h in 3,4 sec (Schalter 3,9 sec), Spitze 311 km/h (Schalter 313 km/h) Normverbrauch/CO2 13,8 l/100 km/312 g/km. |
Dimensionen | L/B/H 4570/2033/1279 mm, Radstand 2457 mm. Leergew. 1479 kg, Zuladung 303 kg. |
Ausstattung | 20/21-Zoll Leichtbau-Schmiederäder, Rückfahrkamera mit Parkassistent, Ablagenetz Beifahrerfußraum, Sportsitze plus, Sportlenkrad Glattleder, Edelstahl-Auspuffanlage, Matrix-LED- Scheinwerfer, Sound Package plus, Reifendruckkontrolle im Rundstreckenmodus, Tempostat, div. Assistenzsysteme und Online-Anbindung, Aufmerksamkeitserkennung etc. |
Extras | BOSE Surround € 2.007,–, Raucherpaket € 75,–, erweiterte Innenausstattung RaceTex/Leder, Kontrastnähte € 7.567,–, Leichtbau-Sportsitze klappbar € 8.858,–, Weissach-Paket mit/ohne Ü-Bügel € 32.088,–/€ 25.627,–, 6-Punkt-Gurte € 592,–, Motorsportklebeset farbig € 741,–, Vorderachslift € 4.436,–, Porsche Ceramic Composite Brake (PCCB) 16.093,–, 90-Liter-Tank € 271,– etc. |
Dieser Artikel ist in autorevue 3/2025 erschienen.