Des Meeres und der Vorgelege Wellen

Odessa ist eine Stadt von verschworener Schönheit; um sie zu erkennen, muss man sich mit verschobenen Perspektiven auseinandersetzen. Die Betrachtung von Autos ist eine gute Referenz dafür.

Autorevue Magazin
Veröffentlicht am 29.03.2022

Ein Zeitdokument lichter Tage von David Staretz (Text und Fotos). „Odessa“ von David Staretz* ist dieser Tage erschienen. Mehr dazu am Ende des Beitrags.

Die Männer in dieser Stadt am Schwarzen Meer meditieren über geöffneten Motorhauben. Mädchen schweben auf High Heels über tektonisch erschütterte Gehsteige. Krähen werfen Nüsse vor die Autos, in der Hoffnung, dass diesmal die Schalen nachgeben. Die Straßenpflaster hier sind so verschoben, dass Straßenbahnen der Schwerkraft folgen, um den weiteren Verlauf der Schienen zu finden. Immerhin geben die Metallstränge den Schlaglöchern Struktur und Pölzung. Drei Männer der Tat hieven einen Shiguli mit weggeknicktem Vorderrad über die Bordsteinkante auf den Platz vor der Kirche. Der Motor heult auf, doch schlaff hängt das Rad weg. Eine Trolleybus-Chauffeurin angelt mit langer Stange nach den Stromabnehmern, die sich im hohen Drahtgewirr verhaspelt haben. Ein junger Mann hat den Motorraum seines ZAZ Saporoshez von etlichen Teilen befreit nach dem Motto: Was kaputt ist, muss raus. Wenn winters Chaos herrscht, rückt die Müllabfuhr aus und füllt den Schnee hinten rein. Weg damit.

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