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Nach 2 Wochen im Lotus Elite 504

Nach zwei Wochen im Lotus Elite 504 gibt es einiges zu erzählen und vor allem 5 Thesen, warum nur Oldtimer die individuelle Mobilität retten können.

11.01.2018 radical mag

Zwei Wochen bin ich eine Lotus Elite 504 aus dem Jahre 1975 gefahren. Rund 1500 Kilometer, zur Arbeit, über Bergstraßen, auch auf der Autobahn. Abgesehen von zwei, drei Kleinigkeiten, siehe weiter unten, zickte die Engländerin nie, sie sprang immer problemlos an, fuhr brav zum Ziel und auch wieder zurück. Und es war immer ein sehr sinnliches Erlebnis, Autofahren, wie Autofahren sein muss. Denn es sind alle Sinne mit dabei, hellwach, manchmal riecht es nach Benzin, wenn man die Kurve zu flott nimmt, immer macht es eigenartige Geräusche, auf die man hören muss – dafür spielt man dann auf der Autobahn auf der Überholspur nicht mit dem Handy. Ganz besonders am Morgen, beim ersten Kontakt, muss man voll da sein, Choke ziehen, das Gaspedal behandeln wie ein rohes Ei, ganz genau hinhören, damit sich der 2-Liter-Vierventiler nicht verschluckt, behutsam den Choke reinschieben, nicht zu viel, nicht zu wenig, auf Geräusche achten, die der Wagen gestern noch nicht machte. Sogar taktil ist man gefordert, der Lotus ist ein Rechtslenker, man schaltet also mit der linken Hand, daran muss man sich schon gewöhnen. Dafür sitzt man näher am Straßenrand, kann zurücklächeln, wenn das hübsche Fahrzeug betrachtet wird. Und überhaupt, in Rechtskurven ist man schneller.

Ich erlaube mir fünf Thesen, warum nur Oldtimer – wie dieser Lotus – die individuelle Mobilität retten können.

These 1: Das sinnliche Erlebnis

Manchmal lässt sich die Beifahrertür nicht öffnen. Manchmal schon. Eine Logik dahinter ist nicht zu erkennen, vielleicht hängt es mit den Temperaturen zusammen. Oder auch nicht. Manchmal hat die Elite von Lotus: Schlafaugen. Da stehen die Scheinwerfer so halb offen. Manchmal sind sie aber auch ganz offen, mitten am Tag macht es ein komisches Geräusch, das an einen Furz erinnert, und dann kommen sie aus der Versenkung. Obwohl der Lotus einfach nur parkiert ist, gar kein Licht braucht. Andererseits: Nächtens sollte man eh nicht fahren. Das Licht ist nicht so gut, die Scheinwerfer haben die Strahlkraft ausgebrannter Fackeln. Manchmal funktionieren auch die elektrischen Scheibenheber nicht. Also, jener auf der Fahrerseite geht gar nicht, das Fenster ist einfach offen. Immer. Das macht die Elite dann zu einem reinen Sonnenschein-Auto, zum Parkieren sucht man sich gedeckte Plätze. Wo sich ja dann die Scheinwerfer, manchmal, wieder selbständig machen. Immerhin: Das Radio geht gar nicht, nie. Und weil man ja nur bei schönem Wetter fährt, hat man dann auch keine Probleme mit dem Scheibenwischer. Der eine ganz besondere Schwachstelle der Elite ist, eigentlich wurde das ganze Fahrzeug um den Scheibenwischermotor herum konstruiert. Was dann zur Folge hat, dass der Lotus quasi komplett auseinandergebaut werden muss, um ein allfälliges Problem mit dem Scheibenwischer beheben zu können. Den Kampf gegen die Sitzverstellung gibt man bald auf, sie gewinnt sowieso.

© Bild: Peter Ruch

These 2: Bewusster leben

Es ist beim Automobil schon lange nichts mehr, wie es einst war. Vollgestopft mit elektronischen Helferlein ist so ein modernes Gerät, ein fahrendes Smartphone, das alles selber macht, die Spur hält und den Abstand, das künstlichen Lärm erzeugt und null Emotionen. Die meisten Pilotinnen und Fahrer sind mehr mit ihrem Handy beschäftigt als mit dem Lenkrad, kümmern sich mehr um Excel-Tabellen als um den Fahrspaß, hören Bum-Bum-Musik anstatt Motorengeräusche. Im Oldtimer ist das ganz anders, er erfordert volle Konzentration auf das Wesentliche, der Geist muss alert sein, es ist Yoga im Kopf. Und ja, die Sitze der Elite sind auch nicht über viele Zweifel erhaben, es ist also auch noch Rückentraining. Und das Ein- und Aussteigen erfordert eine gewisse Fitness, nicht wie bei diesen doofen, modernen SUV, in die man hineinplumpst und dann auch wieder hinaus. Alle wollen sie zurück zur Natur, intensiver leben, mehr genießen, bewusster wahrnehmen, besser auf sich und das Innere hören. Kann man alles haben, wenn man so einen Klassiker fährt. Und man kann sogar den Grad der Intensität dieses sinnlichen Erlebnisses selber bestimmen, ein noch nicht wirklich alter Mercedes ist mehr so der Softie – ein betagter Engländer wie die Elite dann mehr so «hardcore».

© Bild: Peter Ruch

These 3: Die Wertschöpfung

Wer bei einem neuen Automobil zum ersten Mal den Schlüssel dreht, der vernichtet mit einer einzigen Handbewegung gleich einmal 30 Prozent des Wertes der Gerätschaft. Bei einem Klassiker hat genau das jemand ja schon vor vielen Jahren übernommen – in der heutigen Zeit wird man auch mit einem Oldtimer kaum mehr einen Abschreiber haben. Wer heute einen Kadett für 7.000 Euro kauft, wird ihn in drei Jahren auch wieder für das gleiche Geld verkaufen können – wer heute einen alten 911 für 100.000 Euro kauft, wird in drei Jahren wohl 150.000 dafür kriegen. Gut, Versicherung, Unterbringung etc. können bei einem Klassiker ganz schön ins Geld gehen – doch das tun sie bei einem Neuwagen im genau gleichen Maße. Aber die Reparaturen? Na und? Bei einem Kadett kann man wenigstens noch selber Hand anlegen, das geht bei einem neuen Skoda Octavia schon längst nicht mehr. Und dann ist ja da noch der Freund, der schweißen kann oder die Benzinpumpe wieder in Gang bringt, der es für eine Kiste Bier macht am Samstagnachmittag, dann sitzt man dann da und arbeitet miteinander und plaudert und trinkt und grilliert später auch noch – da kommen zwischenmenschliche Werte mit ins Spiel, die mit Geld nicht zu bezahlen sind. Gilt übrigens auch für das Lächeln der hübschen Damen am Straßenrand. Oder das Fachsimpeln bei Ausfahrten, auf denen man immer, aber immer jemanden trifft, der gerne über das Fahrzeug plaudern will. Passiert in einer neuen, abgedunkelten S-Klasse nie. Aber sowas von gar nie.

© Bild: Peter Ruch

These 4: Der Umwelt zuliebe

Stimmt, wenn es um die lokalen Emissionen geht, das sieht so ein Oldie nicht wirklich gut aus. Doch diese Betrachtung ist dümmlich, der Strom für ein Elektroauto kommt ja auch nicht einfach so aus der Steckdose, so wenig wie die Milch aus dem Tetra Pak. In der Gesamtbetrachtung hat ein 30-jähriger Land Rover Defender eine deutlich bessere Energiebilanz als jeder VW Polo (von einem Tesla ganz zu schweigen), es musste keine neue Fabrik aus dem Boden gestampft werden, es arbeiteten nicht Heerscharen von Ingenieuren an neuen elektronischen Helferleins (denn es fand in 50 Jahren quasi keinerlei Entwicklungsarbeit statt), es braucht keine Abwrackprämie, damit der ewige Kreislauf der Wertschöpfung durch die Industrie künstlich aufrechterhalten werden kann. Wer einen Oldtimer rettet und bewegt, der tut der Umwelt nur Gutes – ein neuer Tesla ist dagegen eine absolut sinnbefreite Verschwendung von Ressourcen. Auch wenn er bei den lokalen Emissionen deutlich besser aussieht. Außerdem: Klassiker werden viel bewusster gefahren, da holt man dann die Milch lieber zu Fuß als mit dem Lotus, das gesamte Startprozedere würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen.

© Bild: Peter Ruch

These 5: Stil

Es sehen heute alle Autos gleich aus, man kann den Cayenne kaum mehr vom Ignis unterscheiden. Nun ist es ja aber definitiv so, dass das Automobil für ganz viele Menschen nicht bloß ein Transportmittel ist, sondern mehr noch Ausdruck für ihren ganz persönlichen Lebensstil. Ich fahre Audi, also bin ich. Oder so. Wenn man nun aber den A6 der vorletzten Generation nicht mehr vom gerade aktuellen Modell unterscheiden kann, was bleibt dann? Wer ist man in der Außenbetrachtung, wenn man einen zwar neuen BMW, diesen aber im klassischen Leasing-Silber jeweils am Samstag in der Einfahrt zum Reihenhäuschen wäscht? Sehen so Sieger aus? Ist man ein Held, wenn man im AMG-Benz durch die verkehrsberuhigte Straße röhrt – oder mehr so: der Depp? Wen schätzt man auf einen höheren IQ ein, den friedlichen Piloten einer Ente oder den sonnebrillenbewehrten Fahrer eines Touareg mit R-Paket? Sorry, viel cooler als mit einer Elite von Lotus kann man gar nicht sein, Gentleman, Freak, Stil-Ikone. Oder stellt euch einmal eine alte Giulia von Alfa Romeo neben einem neuen 7er von BMW – mal schauen, wer die Sympathiepunkte abkriegt.

Vielen Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-mag.com

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  • Gerd Steimer

    “Ist man ein Held, wenn man im AMG-Benz durch die verkehrsberuhigte Straße röhrt – oder mehr so: der Depp?”
    war der schönste Nebensatz – ja – man ist dann der Depp! Wir haben hier auch einige dieser Dorfschummis mit beschränkter Haftung äh- beschränktem Ego :-)

    Schöner Artikel – wenn auch der Fahrer ein besonders schlechtes Exemplar erwischt hat, bei den Lotus -will man Spaß haben- muss man ihn neu verkabeln. Ich habe drei alte Engländer, denen die Macken völlig ausgetrieben sind, sie machen einfach nur Spaß, Spaß, Spaß.

  • arctic

    Nix gegen einen “Shooting Break” , aber der is in meinen Augen schon “sehr schiach”.
    Der ist was für echte Fans, da hilft auch das wirklich schöne blau nix.

    Dagegen ist zb. ein Opel Monza eine Schönheit.

    Aber über Geschmack soll man nicht streiten,
    Wenn er jemandem gefällt, dann ist das gut so…..
    Es liegt halt alles im Auge des Betrachters.

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