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Supertest 2016: Mercedes AMG SL63

Im 7. Teil des Supertests 2016 geht es um eine Überraschung: den Mercedes AMG SL63. Eine Macht nicht nur beim Drehmoment.

30.12.2016 radical mag

Peter Ruch von radical-mag war einer unserer Gäste beim Supertest 2016, wir wollen euch seine sehr lesenswerten Berichte nicht vorenthalten.

Doch, das war dann schon die große Überraschung beim Supertest 2016. Dass der fette Benz auf dem Salzburgring die zweitbeste Zeit schaffen könnte, das hatte wirklich niemand erwartet. Gut, mit seinen 585 PS war er der zweitstärkste Wagen im Feld – und die 900 Nm maximales Drehmoment, die zwischen 2.250 und 3.750/min zur Verfügung stehen (also da, wo man es braucht…), sind unerreicht. Aber trotzdem: irgendwie sieht er doch gar nicht nach schnell aus. Mehr so: gepflegtes Cruisin‘ mit leichtem Leistungsüberschuss. Aber dann drückte er halt die klare Vmax auf den Asphalt (was die Vermutung aufkommen ließ, dass unser Exemplar vielleicht «frei» war…), und ja, der Wendlinger Karl ist Markenbotschafter von AMG, und so machte der Stuttgarter sogar den Audi R8 plus platt. Und übrigens: Heckantrieb. 7-Gang-Automatik, 1.735 Kilo, mindestens. Und auf dem Papier glänzt er ja nicht so sehr, 4,1 Sekunden von 0 auf 100 km/h (langsamer sind nur Bentley und Camaro), 250 km/h Höchstgeschwindigkeit (siehe etwas weiter oben).

© Bild: Peter Ruch

Mercedes AMG SL63, immer (zu) schnell

Dass der 5,5-Liter-V8 mit doppelter Zwangsbeatmung eine feine Maschine ist, das wissen wir schon lange. Die Leistungsentfaltung ist wirklich großartig, es mag ein Turboloch geben, doch das Drehmoment spült das sowieso weg. Und dann dreht er halt sehr sauber, souverän hoch – beim Gangwechsel wird der Wagen irgendwie schneller. Ja, es gibt da schon eine spürbare Zugkraftsunterbrechung, doch man hat das Gefühl, dass sich der V8 nur für noch mehr Kraft freistrampelt. Auf der Rennstrecke hat man das Gefühl, dass der Vorwärtsdrang gar nicht mehr aufhören will – und auf der Landstraße ist man schon zu schnell, wenn man das Fahrpedal auch nur schon anschaut. Fein ist auch der Sound, noch erfreulich dezent beim friedlichen Gondeln, aber dann richtig böse beim Angasen. V8 halt, viel Hubraum, da besteht halt auch das richtige Volumen für die Brunstschreie. Will man ihn aber hören, den Benz, dann wird er kaum mit den 9,8 Litern auskommen, welche er nach Norm verbrauchen will.

Was uns aber auch erstaunt hat

Wie agil das Teil ist. Zwar sagt der Wendlinger Karl, der ja sonst immer gern über die Abstimmung der Vorderachse plaudert, zu dieser Vorderachse ausnahmsweise nichts, doch unsereins verspürt da großes Vertrauen, präzise Lenkung, kaum Einnicken, auch wenn man hart auf der Bremse ist, und das darf man dann schon als fein bezeichnen, denn die Maschine vorne ist ja schon sehr schwer. Dort am Berg schlängelt er sich fast schon frech durch die Kurven, ist zwar lang (4,63 Meter) und auch breit (1,94 Meter), doch nicht nur offen sehr übersichtlich; das gibt dem Piloten Vertrauen, er fährt näher an die Straßenränder, bleibt so flüssiger in der Bewegung. Dass wir solches je über einen SL schreiben würden, erstaunt uns jetzt selber ein bisschen. Dass wir den Komfort loben können, ist nun aber für einen Mercedes nicht wirklich befremdend. Und dass der SL auch als 63er und AMG und Vollstahl-Cabrio ein ganz feiner Ganzjahreswagen ist, hat sich längst rumgesprochen.

© Bild: Peter Ruch

Innen viel Gutes, aber auch Kritik

Innen ist so ein SL auch als AMG nicht der Inbegriff der Sportlichkeit. Zwar sorgen die Aktiv-Sitze für den nötigen Seitenhalt, aber daran können wir uns seit Jahren nicht gewöhnen, es irritiert gerade beim flotten Fahren schon, dass die Sessel dauernd in Bewegung sind, Blähungen haben. Das Innenleben wirkt trotz jüngst erfolgter Auffrischung und dem etwas gar heftigen Einsatz von Carbon-Applikationen ziemlich antiquiert, das Bediensystem ist, wie es bei Mercedes immer ist, also gewöhnungsbedürftig für all jene, die nicht schon seit einer Ewigkeit in einem Benz hocken. Zu loben gilt es die Verarbeitung, da knarzt nichts, auch dann nicht, wenn man offen über die Curbs bügelt. Es hat schon sein Gutes, wenn man wie in Stuttgart seit mehr als 100 Jahren Qualitätsautomobile baut.

© Bild: Peter Ruch

Großartiges sportliches Potenzial

So einen SL63 AMG kann man ab 201.940 Euro haben. Es kommt dann noch ein dickes Buch für die Individualiserungsmöglichkeiten dazu, der Preis lässt sich bestens noch weit nach oben treiben. Solches passt den SL-Kunden, sie sind zumindest finanziell potent genug und haben mit einem Durchschnittsalter von 65+ auch die Zeit, tagelang in den Katalogen zu blättern. Die Frage ist da eher, ob die Fraktion der Grauen Panther so ein Vieh mit 585 PS wirklich braucht, überhaupt will; es ist ein etwas eigenartiger Spagat, den dieses Fahrzeug macht. Denn das sportliche Potenzial dieses Wagens ist wirklich großartig – ob es auch genutzt wird, ist eine ganz andere Frage. Wobei der SL ja eh kaum mehr gekauft wird.

Die Supertester 2016

Alle Preise für Österreich (Stand Dezember 2016) 

Vielen Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-mag.com

  • arctic

    Der ist a bissl schwer, den AMG GT R hätte ich besser gefunden

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