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Supertest 2016: Jaguar F-Type SVR

Im 6. Teil des Supertests 2016 wollen wir die Geschichte vom Jaguar F-Type SVR abhandeln. Und ja, die Katze ist bissig…

29.12.2016 radical mag

Peter Ruch von radical-mag war einer unserer Gäste beim Supertest 2016, wir wollen euch seine sehr lesenswerten Berichte nicht vorenthalten.

Die ganze Misere von «radical» mit Jaguar/Land Rover begann ja mit dem F-Type; wir hatten uns einst erdreistet, das Ding nicht ganz so toll zu finden. Es hat sich zwar mittlerweile herumgesprochen, dass der F-Type tatsächlich viel schöner als tauglich ist, auch die Kunden haben das gemerkt, die Verkaufszahlen sind, sagen wir mal: so ein ganz klein wenig unter den Erwartungen geblieben. Im Supertest 2016-6 wollen wir dem Briten nun aber wieder einmal eine Chance geben, in Form eines Jaguar F-Type SVR, also der gröbsten Variante überhaupt. (Und nein, es nicht so, dass wir in den vergangenen Jahren keine weiteren F-Type-Erfahrungen gemacht hätten, wir sind auch das Project 7 gefahren – ohne Helm; aber das bleibt eine ungeschriebene Geschichte.)

Leistungsdaten des Jaguar F-Type SVR

Ja, wir geben zu, es fällt uns definitiv schwer, so ganz unvoreingenommen an diesen Wagen heranzutreten. Bleiben wir also zu Beginn ganz trocken: 5-Liter-V8, mit Kompressor auf 575 PS bei 6.500/min aufgeblasen, satte 700 Nm maximales Drehmoment, die zwischen 3.500 und 5.500/min über eine Achtgang-Automatik an alle vier Räder abgedrückt werden. 0 auf 100 km/h, auf dem Papier, in 3,7 Sekunden, 314 km/h Höchstgeschwindigkeit. 1,7 Tonnen wollen bewegt sein.

© Bild: Peter Ruch

Was gefällt und was nicht

Dass der F-Type als Coupé ein adrettes Fahrzeug ist, bleibt unbestritten; der aufgesetzte Spoiler hinten, der bei genau 112 km/h ausfährt, macht den SVR aber nicht hübscher, und auch vorne hat man schon Aerodynamik-Anbauten gesehen, die besser in die Gesamtform integriert sind. Und die riesigen Lüftungslöcher vorne sind auch kein optischer Genuss. Trotzdem: das Design ist sicher kein Grund, sich den Jag nicht anschaffen zu wollen. Innen, nun, man merkt dem Engländer schon an, dass er unterdessen auch schon drei Jahre auf dem Markt ist; der Touchscreen wirkt winzig (und ist es), das Infotainment-System ist «state of the art» nicht mehr. Und dann ist da leider auch etwas viel Plastik, Blinkerhebel & Co. sind von der günstigen Sorte; das mag bei der Basis-Version (ab 80.000 Euro) ja noch so knapp angehen, beim mehr als doppelt so teuren SVR (176.400 Euro) wirkt das dann eher unangebracht. Die Sitzposition ist gut, die Konzentration hin zum Piloten ebenfalls, wir mögen auch das Platzangebot und die riesige Kofferraumklappe.

Und dann wird der Jaguar gestartet

Was wir schon immer etwas schwierig fanden: diese Prolo-Bombe, die der Jaguar beim Zünden zündet. Das war schon bislang too much, aber beim SVR ist es far too much. Allein schon dieser vollkommen unmotivierte Lärm, der zudem ja nicht einmal schön ist, wäre uns ein Grund, dauerhaft auf dieses Fahrzeug verzichten zu wollen. Wer nicht mindestens zwei Kilometer von den Nachbarn entfernt wohnt, der wird bald schon Ärger haben – und das ist verständlich. Und ja, wir gehören – eigentlich – zur immer kleiner werdenden Fraktion jener, die Sound als elementaren Bestandteil der Fahrfreude bezeichnet. Es ist aber an der Zeit, dass dieser Klappen-Kack endlich abgeschafft wird.

© Bild: Peter Ruch

Jede Menge Längsdynamik

Immerhin: die Maschine schiebt so richtig mächtig an. Er beginnt dann irgendwann zu brüllen wie ein Stier, den man ins Gemächt getreten hat – aber es ist nicht nur Lärm, sondern auch jede Menge Längsdynamik, die da entsteht. Die Automatik schaltet sehr sauber, auch schnell genug, auch nach unten, und dann ist man schon beeindruckt. Auf Landstraßen mit weiten Kurven ist das alles eine Freud‘. Auch die Bremsen sind definitiv auf der Höhe für die 575 PS, gut dosierbar, auch auf der Rennstrecke standfest.

Es ist schwierig…

Doch dann wird es halt leider wieder düster, denn wir kommen zum Fahrverhalten. Wendlinger sagt: «Willst du mit dem F-Type schnell sein, musst du dich sehr intensiv mit der Hinterachse beschäftigen». Der Karl ist ein sehr freundlicher Mann, und das ist so in etwa die übelste Form von Kritik, die je über seine Lippen kommen wird. «radical» muss sich da ja weniger zurückhalten, und deshalb schreiben wir: schwierig. Es ist so: solange all diese elektronischen Krücken auf scharf gestellt sind, geht das ja ganz gut. Ohne das Zeugs wird der SVR quasi unfahrbar. Das Problem ist nicht, dass er hinten geht, sondern dass er unberechenbar ist, zumindest für uns Normalsterbliche, die wir nicht über das Können und die Erfahrung eines ehemaligen Formel-1-Fahrers verfügen. Er mag keine Bodenunebenheiten, er mag keine zu heftigen Lenkradbewegungen, er hat es auch nicht gern, wenn man zu heftig bremst – er ist einfach nicht so ausbalanciert, wie man das von einem Sportwagen unbedingt erwarten darf. Obwohl die Vorderachse, wie auch Wendlinger sagt, gut ist, die Lenkung präzis, feinfühlig. «Er will mich umbringen», meinte einer der Mitstreiter am #supertest2016, und andere sagten nach ein paar Runden auf dem Salzburgring: «Unfahrbar».

© Bild: Peter Ruch

Und nein, es ist dort am Berg nicht besser

Eben, man kann das Einlenkverhalten loben und die ausgezeichneten Bremsen, doch dann muss man wirklich höllisch aufpassen, nicht zu heftig vom Gas, auf keinen Fall zu früh am Gas, das kann dann wirklich schwierig werden. Und übrigens auch mit ESP, denn der Eingriff ist im «Normal»-Modus schon von der eher heftigen Art. Wenn man ihn dann aber hat, so einigermaßen im Griff und die Maschine bei Laune und eine feine Gasse vor sich, dann macht das Freud. Vorausgesetzt, man kann sich voll auf den Wagen konzentrieren; sonst konzentriert man sich dann wohl bald auf die Schadensbegrenzung bzw. -aufnahme.

Route verlassen, bitte wenden?

Es ist schade, wirklich schade, dass der schöne Jaguar leider ein Automobil ist, das nur über die Elektronik funktioniert. Das ist eines Sportwagens nicht würdig – und wir verstehen es nicht. Porsche kann das, Audi kann das, BMW kann das, die Italiener können das und auch die Amerikaner – und Jaguar könnte das sicher auch. Aber Jaguar hat irgendwo die falsche Abzweigung genommen, sich zu sehr auf die Elektronik verlassen, sich dabei wohl ein paar Hunderttausend Test-Kilometer und den Widerspruch gestandener Fahrwerks-Ingenieure gespart, und das Resultat ist – wie es halt ist. Aber um es auch deutlich auszudrücken: das wird die wenigsten Interessenten wirklich kümmern. 575 PS, damit kann man protzen – und das geht ja am besten, wenn der Wagen prominent parkiert rumsteht. Dann ist er ja auch ein ganz liebes Kätzchen.

Und das Ergebnis auf dem Salzburgring?

Ob diese Zeilen freundlicher ausgefallen wären, wenn unser Verhältnis zu Jaguar nicht dermaßen getrübt wäre? Nein. Wir wollen da ja immer ehrlich, sauber bleiben. Auf dem Salzburgring in den Händen vom Wendlinger Karl kam der SVR auf den sauberen vierten Rang, direkt hinter dem Audi R8, der ja schon noch einen Zacken stärker ist, etwas leichter und viel teurer. Doch der Karli kann das eben – und wir nicht so gut. Sorry.

Die Supertester 2016

Alle Preise für Österreich (Stand Dezember 2016) 

Vielen Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-mag.com

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