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Schlange frisst Kind? Die Mysterien des Alfa Romeo-Logos

Ein Logo wie ein Persönlichkeitstest: Ist der halbe Mensch zur Hälfte gefressen oder zur Hälfte geboren?

26.06.2016 Online Redaktion

Schon mal das Alfa Romeo-Logo genau angeschaut? Nein? Ein Blick lohnt sich, denn es gibt einiges mehr zu sehen als die üblichen Ringe, Sterne, Buchstaben oder nichtssagenden Formen.

Mailand ist an allem schuld

Beim Alfa Romeo-Logo handelt es sich um einen zweigeteilten Kreis, links ein rotes Kreuz auf weißem Grund. Dessen Ursprung ist schnell erklärt: Es entspricht dem Stadtwappen Mailands, wo die Alfas ursprünglich gefertigt wurden.

Schlange? Drache? Zunge? Mensch?

Der spannende Teil befindet sich aber in der rechten Hälfte des Kreises. Beim schnellen Hinschauen könnte man meinen, es handle sich um eine Art gekrönten Schlangen-Drachen samt roter Zunge. Beim genauen Hinsehen ist die Zunge aber nicht, wie bei Schlangen üblich, zwie-, sondern tri-gespalten und ist überhaupt keine Zunge, sondern ein Mensch, der dem Reptil zur Hälfte aus dem Maul ragt. Aber warum bildet Alfa Romeo bloß eine menschenfressende Schlange auf seinem Logo ab?

Pessimist oder Optimist: Ist der halbe Mensch zur Hälfte gefressen oder zur Hälfte geboren?

Die einfache Erklärung ist: Das Tier stammt vom Wappen der Visconti, der im 14. Jahrhundert mächtigsten Familie in Mailand, wo – wie bereits erwähnt – der Autobauer seinen Ursprung hat. Was es dort tut, und wie es dort hingekommen ist, ist allerdings weniger klar. Eine Legende besagt, die Visconti hätten das Wappen vom Schild eines während der Kreuzzüge besiegten Feindes übernommen. Manchen Quellen zufolge handelt es sich bei dem halben Menschen um einen Moslem, anderswo heißt es wiederum, es sei ein Kind: Angeblich gab es das Gerücht, dass ein junger Visconti von einer Schlange verschlungen, aber wieder ausgespuckt worden sei. Womit wir bei der Frage angekommen wären, was die Schlange, deren korrekte Bezeichnung im Übrigen „Biscione“ lautet, da eigentlich wirklich tut (mit wem auch immer): Der instinktive Eindruck, die halbe Person würde gefressen, ist bei näherer Betrachtung nicht viel unwahrscheinlicher, als dass sie gerade aus dem Schlangenmaul geboren bzw. gewürgt wird.

Das Wappen der Visconti am erzbischöflichen Palast in Mailand (14. Jahrhundert) – hier sieht die Schlage eher nach einem Drachen aus und das Kind ist auch ziemlich groß:

© Bild: Wikimedia commons, Giovanni dall’Orto.
© Bild: Wikimedia commons, Giovanni dall’Orto

Der Schlange treu seit 1910

Je mehr Quellen man konsultiert, desto mehr Variationen der Entstehungsgeschichte des Wappens erfährt man. Klar ist nur: Die Biscione ist ein Symbol für Mailand und findet als solches auch in den Logos weiterer italienischer Unternehmen Verwendung. Was auch immer genau auf dem Alfa-Logo zu sehen ist: Der lombardische Autobauer bleibt ihm seit der ersten Version im Jahre 1910 größtenteils unverändert treu, obwohl ihm selbst nicht ganz klar zu sein scheint, was darauf eigentlich abgebildet ist.

„Zirkuläres Tier des Wandels“ oder „Feindverschlingende Drachenschlange“

In einer an Jalopnik gesendeten Stellungnahme vom Automobilismo Storico Alfa Romeo heißt es, Visconti-Begründer Ottone hätte das Wappen vom Schild eines gefallenen sarazenischen Ritters übernommen. Bei dem, was der Schlange aus dem Maul hängt, handle es sich keineswegs um einen kleinen Snack, sondern einen „neuen Menschen“, gereinigt und erneuert. Die angebliche Bedeutung des Ganzen: Die Schlange als zirkuläres Tier (sie kann eine kreisförmige Position einnehmen) sei auch ein Tier des Wandels, fähig, seine Haut und sich selbst regelmäßig zu erneuern. Weniger harmlos und kompliziert – dafür aber um einiges logischer – klingt das auf Alfa Romeos deutschsprachiger Homepage: Hier findet sich nur ein kurzer Hinweis, es handle sich bei der Biscione um eine „feindverschlingende Drachenschlange“. Und auch wenn es vielleicht nicht die ganze „Wahrheit“ ist, ist diese Version für einen Hersteller schnittiger Fahrzeuge doch dekorativer als eine Schlange, die grundlos ein Kind auswürgt.

Das Alfa Romeo-Logo im geringfügigen Wandel der Zeit

© Bild: designguide.at
© Bild: designguide.at

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  • Gregor Wittgenstein

    wie so schön von Herrn Christian von Schneditz kommentiert ist zu diesem Artikel nichts besseres hinzuzufügen !
    Gregor Wittgenstein

    P.S.Frau/Herr PM soll lieber weiter Kronen Zeitung lesen.

  • Christian von Schneditz

    Liebe Frau Schögl, vielen Dank für diesen gut recherchierten Beitrag, der viele Fragen völlig richtig und ganzheitlich beantwortet, die sich viele bewusste Menschen schon des öfteren gestellt hatten. Das ist wieder der Autorevue-Stil, den ich seit über 30 Jahren so sehr liebe. Immer mit einem Blick hinter die Fassade des Mainstream, mit großen Gefühlen für die Vernetztheit unserer grandiosen Welt. Es wird wirklich wieder Zeit, die Menschen aus ihrer angelernten Oberflächlichkeit in tiefere Bereiche des Seins zu führen. Danke, daß Sie zu diesen Lichtstrahlen etwas Schönes beitragen.
    Herzlichst, Chrtistian von Schneditz

  • MP

    Sehr geehrte Fr. Schlögl.Sie versuchen etwas zu „zerreden“,beim Alfa Logo handelt es sich um ein gewachsenes Symbol eines traditionsreichen Unternehmens.Ausserdem wurde dieses Wappen auch von anderen mailänder Fabriken verwendet.

    • Tamara Schögl

      Sehr geehrte/r Frau/Herr MP, vielen Dank für Ihren Kommentar. Mein Anliegen war es nicht, etwas zu zerreden – vielmehr wollte ich die Hintergründe eines Firmenlogos, das viele zwar schon gesehen, aber nicht richtig angesehen haben, erläutern. Ich finde ich es nicht verwerflich, geschichtliche Hintergründe zu recherchieren, auch wenn etwas bereits – wenn auch seit gerade einmal 100 Jahren – etabliert ist. Im Gegenteil ist das bestimmt auch in anderen Bereichen kein Fehler ;) Dass sich auch andere Firmen des Symbols bedienen, wird im Zuge der von mir intendierten möglichst umfassenden Erläuterung (die Sie zu meinem Bedauern als „zerreden“ missinterpretiert haben) übrigens auch im Artikel erwähnt.

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