Die Corvette C7 Stingray
Sie geht gut, die Corvette. Sie geht sehr gut!
 

Vorstellung: Corvette C7 Stingray

Sie geht gut, die Corvette. Sie geht sehr gut (es braucht Zahlen? Also, bitte: 4,2 Sekunden auf 100, über 300 max…).

19.01.2014 radical mag

Filmaufnahmen sind öd. Sie ziehen sich über Stunden hin, Filmer aus dem Auto werfen, Filmer wieder einpacken, oh, Stativ vergessen, nein, Go-Pro nicht angebracht, ne, Location gefällt mir nicht, super, kannst Du bitte nochmals, ach. Doch die Filmerei hat auch etwas Gutes: da fährt man die gleiche Strecke ein Dutzend Mal, oder so. Und wenn es ein bisserl Platz hat, Du die Strecke langsam kennst, dann geht da auch immer ein bisschen mehr. Und noch ein bisschen. Und noch eine Spur schneller. Und dann zeigt der in der neuen Vette eingebaute Querbeschleunigungsmesser da in der groben Links doch tatsächlich 1,17 g an. Das ist dann schon: ziemlich viel. Gut, man darf nicht viel geben auf diese Dinger, das ist mehr eine Spielerei, aber so ein bisschen kann man schon drauf gehen, denn auch der Bauch und der Hintern sind der Meinung: uiuiui, schnell. (Einen Film von den Jungs von V12media.ch gibt auch!)

Doch beginnen wir da, wo unser erster Eindruck von der neuen Corvette C7 Stingray aufgehört hatte: beim Wetter. Es gab dann da tatsächlich ein kleines Fenster mitten in «November Rain», nicht gerade sonnig, aber immerhin trocken, auch die Straße. Für die Michelin Pilot Super Sport sind die vorwinterlichen Temperaturen zwar ein Graus, sie werden kaum warm, doch man nimmt halt, was man kriegen kann. Dafür kenne ich die Strecke, dort obenhintenlinks, das war mal mein Arbeitsweg. Die Gasse ist zwar realtiv eng, doch weil auch die neue Corvette nicht so adipös ist wie andere Sportwagen, vor allem: nur 1,88 breit, passt das schon. Verkehr hat es dort kaum, Häuser auch nicht, manchmal eine Kuh, mehr aber Füchse und Hasen, die sich dann später des Abends Gutnacht sagen werden.

Fröhliches Drehen am Rad auf der Mittelkonsole, zur Verfügung stehen: Wetter (wohl für Nässe, hätten wir früher merken sollen), Eco, Tour, Sport und Track.

Fahren mit der Sporteinstellung

Sport sollte reichen, da macht die Vette schon einmal deutlich mehr Lärm, gut, sonor, feines V8-Brabbeln und ab etwa 3000/min dann sportlicher, wilder, ohne deswegen gleich proletarisch zu werden (wie etwa der Jaguar F-Type und, nicht ganz so schlimm, der Porsche 911). Beim Herunterschalten gibt es auch kein künstliches Zwischengas, das darf man noch selber machen, und auch das ist gut so. Was auch gut ist: sie hängt wunderbar am Gas, setzt sofort um, das war ja bei den Vetten nicht immer so. Der 6,2-Liter-V8 (gemäß Chevrolet komplett neu entwickelt, doch wenn man die Eckdaten (Bohrung x Hub: 103,2 x 92 mm) anschaut, wohl doch eher bekannter Wein in aufgefrischten Schläuchen) dreht erfreulich schnell und sauber hoch, locker auch über 6000/min. Doch das braucht man eigentlich gar nicht, so zwischen 3500 und 5500/min rockt der Bär schon massiv (maximales Drehmoment 630 Nm bei 4600/min)._Corvette C7 Stingray oben

Neues 7-Gang-Getriebe

Das 7-Gang-Getriebe (dieses ist tatsächlich neu) braucht zwar weiterhin einen gewissen Kraftaufwand in der Bedienung, doch es ist eindeutig besser als beim Vorgänger, auch sind die Wege kürzer._Corvette C7 Stingray vorne2

Sie geht gut, die Corvette

Sie geht sehr gut (es braucht Zahlen? Also, bitte: 4,2 Sekunden auf 100, über 300 max…). Die Lenkung ist sehr präzis, die Balance höchst erfreulich – die C7 ist sicher einfacher schnell zu bewegen als bisher, besser kontrollierbar, weniger Verwindungen. Als Gesamtpaket viel stabiler, alles, was für den flotten Ritt wichtig ist, besser definiert, der Grip, zumindest auf trockener Straße, hervorragend. Das ESP kommt im Sport-Modus erfreulich spät, es kommt auch nicht mehr so grob wie bisher, und lässt den C7 schnell wieder los, da sackt nicht mehr die ganze Hütte in sich zusammen wie auch schon. Im Tour-Modus allerdings, da kann gar nix passieren, da benimmt sich die neue Corvette wie ein Lämmlein, auch der Sound ist nicht ganz so aufregend._Corvette-C7-Stingray-hinten

Corvette Vs. Porsche

Ob sie jetzt mit einem 911er von Porsche wirklich mithalten kann in Sachen Präzision, Fahrdynamik, naja, doch wir wagen die Behauptung, dass sie auf der Rennstrecke mit größter Wahrscheinlichkeit trotzdem schneller ist, da ist halt einfach mehr Bums in acht Zylindern und 6,2 Litern Hubraum (der Carrera S schafft ein maximales Drehmoment von 440 Nm). Und in Sachen Fahrwerk fehlt der Vette auch nicht viel bis nach Stuttgart (Zuffenhausen – Sindelfingen ist kein Thema, der SL auf gar keinen Fall), das Zauberwort heißt Magnetic Ride und ist in seiner jüngsten Version noch besser (Ferrari arbeitet ja auch mit diesem System, so falsch kann es nicht sein). Vergleichen müsste man die C7 allerdings mit dem Cayman S, der kostet ähnlich viel, oder mit dem Jaguar F-Type (der kostet allerdings schon mit dem 340-PS-V6 ein gutes Stück mehr) – und da können beide irgendwie aber so rein gar nicht mithalten. Ja, bei der Corvette kann man das Dach rausnehmen, dann hat man Targa, das kann sonst niemand bieten (das will vielleicht auch niemand haben, Fragezeichen?)._Corvette C7 Stingray innen

Jetzt geht’s mal um den Kofferraum

Und sie hat 425 Liter Kofferraum-Volumen, mehr als ein VW Golf, viel mehr als ein 911er, viel mehr als – interessiert das jemanden bei einer Corvette? 1.499 Kilo Leergewicht gemäß Typenschein, das können wir unbedingt gelten lassen, das kann Porsche ein bisserl besser, aber hey, klickt Euch mal durch die Preislisten._Corvette C7 Stingray rot front

Die Kosten

Die C7 kostet ab 79.900 Franken. Dann braucht man noch das Navi für 1.685 Franken (das braucht man meiner Meinung nach zwar nicht, ein feines TomTom reicht, doch ohne Navi kann man die Kiste nie wieder verkaufen), vielleicht auch das Luxus-Interieur für 4.920 Franken (das ist halt schon fein, besonders das Leder) und sicher die schwarz lackierten Felgen für 565 Franken (ist eine Mode, ich weiß, aber eine gute): das war‘s. Xenon, Magnetic-Ride, Sperr-Diff., Targa-Dach, Head-up-Display (hallo, Mercedes…), Bose-HiFi-System, alles schon inbegriffen. Dann sind wir immer noch bei weniger als den 88.300 Franken, die der Cayman S nackt, extrem nackt kostet. Einverstanden, im Wiederverkauf sind die Vetten etwas schwieriger als die Porsche (aber nicht schwieriger als ein Jaguar), doch das wird sich beim C7 wohl so ein bisschen ändern, der Importeur steht mit mehr Macht hinter dem neuen Produkt, mehr Service._Corvette C7 Stingray rot seite

Jammern auf hohem Niveau

Die Verarbeitung: anständig. Im Gegensatz zu früheren Corvette macht die C7 (zumindest jene, die wir fahren durften) keinerlei Geräusche, die man nicht hören mag in dieser Preisklasse. Gut, das Leder ob dem Armaturenbrett wellt so ein kleines Bisschen, aber wann hab ich die Zeit, mich über solches zu ärgern? Gute Materialien, die da verarbeitet werden, und kein blöder Mix von einem halben Dutzend verschiedener Plastiken wie bei den Asiaten; tolles Leder, das erträgt auch einmal einen Big Mac samt Cola. Bedienung, Ergonomie: anständig. Sicher ließe sich dies und auch noch jenes vereinfachen, besser machen, aber auch da: jammern auf hohem Niveau, sogar das Navi und der Radio funktionieren so, wie wir Europäer uns das gewohnt sind._Corvette C7 Stingray vorne

Pros und Contras

Das Licht schaltet sich automatisch meist erst gegen Tunnelende zu, doch man hat ja auch zwei Hände und zwei Augen, man kann da eingreifen: gleiches gilt für den Regensensor, wir sind ja nicht blöd. Wir lieben den Zugriff zum Kofferraum direkt aus dem Innenraum, wir empfinden den Schlüssel als zu «cheap» für ein Gefährt, das schon ein paar Franken mehr kostet als ein Trax, und die Sitzposition ist einen Hauch zu hoch; es wird dann noch Sportsitze mit Carbon und tralala geben, bald, dann ist auch dieses Problemchen wohl aus der Welt. Ansonsten sind die Sitze aber gut, sehr guter Seitenhalt, bequem. Sie ist überhaupt überraschend komfortabel, die C7, wenn man im Tour-Modus unterwegs ist, dann würd‘ man gern gleich nach Hamburg durchbrettern. Wir liefern dann noch nach, wie durstig sie ist.

Verstecken muss sich die Neue nicht!

Wir hatten ja schon immer was mit der Vette, empfanden sie als deutlich unterschätzt, vor allem die bösen Versionen Z06 und ZR1. Die C7 bewegt sich jetzt schon in der Basisausführung auf deutlich höherem Niveau, alles ist besser geworden – ja, auch das Design, gemäß unserer selbstverständlich sehr subjektiven Empfindung. Die neue Vette muss sich in Sachen Fahrspaß, Dynamik, Fahrverhalten vor niemandem verstecken, in ihrer Preisklasse hat sie keine Gegner, gar keine.

Vielen Dank an die Kollegen von www.radical-mag.com

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