Kleine Insel, großes Herz

Wenn Malta das Auto feiert, gelingt dies mit Stil und Enthusiasmus. Österreichs Beitrag war heuer bemerkenswert.

Autorevue Magazin
Veröffentlicht am 07.04.2017

Ein Artikel aus der Autorevue vom November 2016.

Malta ist eine dreihundert Quadratkilometer große Mittelmeerinsel, 100 Kilometer südlich von Sizilien. Sie besteht im städtischen Bereich aus dicht gestaffelten, anregend strukturierten Kalksteingebäuden, welche einen warmen, sandigen Grundton anstimmen. Dieser Umstand kann aber nicht über die Abwesenheit von Wäldern, Flüssen, Seen und freier Landschaft hinwegtäuschen. Die Einwohnerdichte Maltas ist die weltweit fünfthöchste, zugleich ist es das wasserärmste Land der Welt. Steinige Felder sind von Steinmauern umgeben. Regnet es, kann der Boden das Wasser nicht aufnehmen. Die Menschen: klein, entspannt, liebenswert. Sie ziehen das kreative Missverständnis einer klaren Diktion vor. Wer Maltesisch lernt, spricht Englisch, aber zugleich Arabisch und Italienisch; es klingt wie eine Dialektform des Esperanto. Jeder hier spricht aber Englisch; Malta war bis 1964 englische Kolonie und ist heute beliebt als Sprachlabor. Englischunterricht, in Urlaubspakete verpackt, ist ein ernsthafter Beitrag zum Bruttosozialprodukt des Landes.

© Bild: David Staretz
Passantin hinterm Riley-Volant

Was kleine dürre Inseln oft auszeichnet, ist ein Automobilwesen, das weit über Notwendigkeit und räumliche Kapazität hinausweist. Der Enge werden Fahrzeuge entgegengesetzt, die mit zwei dero sechs (oder gar acht) Gängen auskommen könnten. Auch die gut und teuer bestückten Ferrari- und Porsche-Clubs sehen sich der Tatsache ausgesetzt, dass außerorts Tempo 80 herrscht, außer in den 70er-Beschränkungen. In der Hauptstadt Valletta ist Stau das herrschende Verkehrskonzept, weitere sind nicht zu erkennen. Autobahn? Undenkbar. Allein der Flugplatz benötigt schon ein gefühltes Drittel der Insel. Doch wenn viel Geld auf wenig Platz trifft, kommt unweigerlich der Motorsport auf den Plan. Siehe Monaco.

© Bild: David Staretz
Die Beine der Mme. Hudry im MGA

Zum sechsten Mal wurde heuer die Malta Classic ausgetragen, ein Vierergespann aus Hill Climb, Concours d’Elegance, Rundstrecke und Jahrmarkt der Eitelkeiten. Jeder dieser Aspekte wird bestens bedient, weil man mit großzügiger Unterstützung auch ausländische Teilnehmer zur Veranstaltung lockt. Die bringen ihre Delages, Talbots, Ferraris, Jaguars, Alfa Romeos. Oft handelt es sich um Classic-Car-Touristen der Generation Zeit und Geld. Have rare old car, will travel.

„Wahre Helden sind jene Teilnehmer, die ihr Fahrzeug der Schönheitswertung aussetzen und anderntags im Rennen kämpfen.“

Die alte Hauptstadt Mdina, eine hochragende Festungsanlage, hielt einst 18.000 Türken stand. Dem Tagestourismus werden freilich alle Tore geöffnet. Hier vor der St.-Pauls-Kathedrale treffen sie heute auf enthusiasmierte Insulaner, die oft erstaunliche Schätze zutage bringen. Etwa einen Opel Kapitän 1959, einen schmalbrüstigen ’48er Ford Anglia mit skandinavischer Familiengeschichte, eine Isetta, viele Minis, MGs, gerne auch Fiat 850 Coupés aus Italien. Wir verharren vor George Grechs eidottergelbem ’71er Ford Escort 1300 GT. Eine Phalanx von Pokalen schirmt die Kühlerfront ab. Dieses Auto ist ein Gewinner, wo immer es auftritt. 48.000 Meilen am Tacho, wird nur zu Showzwecken aus der Garage geholt. Vor zwanzig Jahren hat George umgerechnet 12.000 Euro dafür gezahlt, seither musste er nichts mehr dran machen. Ein Spezialmagazin hat seinen Wagen zum saubersten Ford Escort GT Mk1 gekürt.

© Bild: David Staretz
Dauersieger hinterm Pokalverhau

Unvermeidlich wird bei Concours ein Bekleidungswettbewerb ausgeschrieben. Meist sieht das aus wie Vaudeville zum Kehraus, aber hier gab es wirklich Damen, die sich nicht dem Klamauk, sondern dem Chic verpflichtet fühlten.

Die Veranstaltung hatte Klasse, nichts wirkte plump, aufgesetzt oder zu plakativ, wenn man von einer BMW-Sonderausstellung absah.

Wahre Helden solcher Veranstaltungen sind jene Teilnehmer, die ihr Fahrzeug der Schönheitswertung aussetzen und am nächsten Tag um eine Top-Platzierung im Rennen kämpfen.

© Bild: David Staretz
Jacob Iliohan fuhr seinen 1953er Alfa Romeo 1900C Superleggera sehr beherzt im Rennen. Zuvor hatte er Sizilien auf Achse durchquert.

Wobei man sagen muss, das diese Rennstrecke, dieser Rennablauf einmalig ist, denn die schmale, etwa dreieinhalb Kilometer lange Rennstrecke ist „bloody dangerous“, wie Joseph Huber aus der Schweiz sagte, der einen erstaunlicherweise straßenzugelassenen Riley Racer Bj. 1934 brachte. („Man muss nur wissen, in welchem Kanton man so ein Auto zur Anmeldung bringt. Ich empfehle Schwyz.“) Joseph weiß, wovon er spricht, er hat seine Klasse im Vorjahr gewonnen (und es würde ihm heuer wieder gelingen): „Ich bin sicher kein Renntalent, aber die 700 kg Fahrzeuggewicht helfen nicht nur beim Beschleunigen, obwohl ich da gegen die Blower-Bentleys keine Chance habe. Aber sehen Sie meine großen Bremstrommeln an. Die haben leichtes Spiel mit dem Auto. Da bin ich unschlagbar.“

© Bild: David Staretz
Die Ladies von Malta

Vorläufig aber herrscht noch angeregte Nervosität im Fahrerlager. Besucher haben fünf Euro für den Tageszutritt bezahlt oder zwanzig Euro für ein ganzes Event-Package, das sich dann VIP nennt.

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Jeunesse Doreé im Chopard-Zelt

Die heiße Luft (es hat dreißig Grad im Oktober) ist erfüllt mit Benzolduft, den der Dreizylinder-Zweitakter von DKW großzügig verströmt, und alles ist erfüllt vom körperhaft fühlbaren Dröhnen der Motoren. Man hört das angestrengte 98-BHP-Blaffen des 1500er-Riley, das angemuffte Poltern eines Jaguar XK 150, die unruhige Misslaune eines schlecht eingestellten MG B GT und das erstaunlich sonore Klangkörpern eines der reichlich getunten Mini. Über allem steht jedoch die schrille Klangsäule des DKW F11, der von einem bulligen Herrn gefahren wird, der viel zu gesund wirkt für dieses Auto, dieses jedoch exzellent zu bewegen versteht. Ein Blick in den Motorraum schafft Unglauben: Erst das Motörchen, klein wie eine Wasserpumpe, dahinter der Kühler.

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Rennente mit Baguette-Wischern

Nochmals: Dies ist kein Gleichmäßigkeitswettbewerb mit Tripmaster, drei Stoppuhren und akuter Beziehungsgefährdung, sondern ein fern von FIA und anderen Sportkommissionen ausgetragenes Rennen, wie es in dieser Form anderswo undenkbar ist.

© Bild: David Staretz
Monsieur Hudry’s MG im Lichte der Fotografie

Erst werden Trainingsläufe absolviert, danach das Zeitfahren um die Startposition beim Rennen. Schon hier gibt es reihenweise Ausfälle. Die Strecke ist kaum wo breiter als fünf, sechs Meter, schon in der ersten Rechtsbiegung fädelt Lokalmatador Xerxes Matten mit seinem Datsun 260 Z ein. Doch der Dreher hat gerade Platz zwischen Felswand und Steinmauer, Xerxes kann leicht lädiert weiterfahren und wird anderntags noch eine tolle Show bieten. Ganz bitter ist der Anblick eines rundum ramponierten Alfa Spider aus den achtziger Jahren. Er ist mit der Front gegen einen Gehsteigrand geknallt, tückisch insofern, als die Steinkante bis an den Motorblock drang und dort großen Schaden anrichtete. Dagegen ist das verbogene Heck noch reine Kosmetiksache.

© Bild: David Staretz
Heißer Austin-Healey Sprite mit Einsitzer-Abdeckung

Ganz dezent lässt es Kommerzialrat Hofer angehen. Der Salzburger Unternehmer ist mit seiner Frau aus Genua angereist, zwei Tage und drei Nächte auf dem Frachtschiff, in angeregter Brexit-Diskussion zwischen Fernfahrern aus England und Frankreich. Sein Ferrari 250 GT SWB Berlinetta, ein ehemaliges Experimentalauto mit Spezialfahrwerk und Aluminiumkarosserie (samt Original-Prova-Kennzeichen und Forghieri-Copiloting bei der Ennstal-Classic) ist so wertvoll, dass man dies gar nicht zur Kenntnis nehmen möchte, sonst müsste sofort ein Glassturz drüber. Selbstverständlich hat er in seiner Klasse den Concours d’Elegance gewonnen. Und selbstverständlich lasse er es ganz entspannt angehen, sagt der liebenswürdige Geschäftsmann in Sachen Orden und Münzen. Folgerichtig startet er am Renntag aus der letzten Reihe hinter einem Gewusel aus MGs und Porsches und anderem Kleinzeug. Obwohl er versichert hatte, auf dieser unmöglichen Strecke nicht überholen zu wollen, steht er am Ende des Laufes auf Platz drei, was ausreicht, um aufsteigen zu können.

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Egon Hofer auf Ferrari 250 GT SWB (Short Wheel Base) ist ein Meister der Untertreibung: „Wenn ich dieses Auto bewege, ist es, als würde ein Tanzschüler Pas de deux mit einer Ballerina versuchen.“ 2007 war er schon mit seinem Tipo 63 Maserati hier.

Fiebrige Nervosität packt uns erst, als er im entscheidenden Lauf das Messer zwischen die Zähne nimmt, und selbst wenn 75 das neue 60 ist, so erschreckt er uns dennoch mit Driftzirkeln, die das Kurvenheu stieben lassen. Zehn Zentimeter bis zur Betonabgrenzung. Das Publikum tobt. Später wird er sagen: „Es hat sich halt so ergeben. Den Jaguar hätte ich locker nehmen können, aber er hat sich ein bisserl breitgemacht vor mir. Das haben die Jaguars generell an sich, dieses Breitmachen.“ Freilich steckte auch ein Akt der Höflichkeit dahinter, denn nämlicher Jaguar gehört Joseph Said, dem Obmann des Events. Exzellenter Fahrer, wie man sehen konnte, und sportlicher Gentleman, wie sich am Abend der Siegerehrung erwies. Er rief seinen Freund Egon auf die Bühne und überreichte ihm den Siegerpreis: „Du hast ihn eigentlich verdient.“ Egon Hofer weiß die Geste zu schätzen: „Das ist fast so wie damals bei der Mille Miglia 1957, als Graf Trips den Piero Taruffi zum Sieg vorbeiwinkte, weil dessen Motor nicht mehr richtig lief.“ Und hätte man nur diese Geste aus Malta mitgenommen, allein das wäre reichlich gewesen.

© Bild: David Staretz
Rehleder-Handschuhe im 1922er Delage namens „Napoleon“


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