Intelligent, sauber, vernetzt: Mobilität der Zukunft

Elektroautos, autonome Fahrzeuge, neue Mobilitätskonzepte: Die Autobranche ist im größten Umbruch ihrer Geschichte. trend wirft einen Blick auf den Verkehr der Zukunft und welche Visionen Realität werden.

05.03.2018 Online Redaktion

Das Auto. Mobilitätswunder, treibende Kraft der industriellen Revolution und je nach Sichtweise Ursache oder Lösung unserer Verkehrsprobleme. Nach mehr als 100 Jahren, in denen sich Autos zwar kontinuierlich weiterentwickelt, aber nicht revolutionär verändert haben, beginnt eine ganze Branche, alte Konzepte über Bord zu werfen, neue Ideen zu schmieden und das Auto neu zu erfinden. Elektrisch soll die Autozukunft sein. Und ganz ohne Fahrer auskommen.

Dass das Auto, und damit der Individualverkehr, gänzlich ausgedient hat, lässt sich in aktuellen Studien nicht erkennen. Im Gegenteil: Wie eine umfassende Analyse der Fahrgewohnheiten der Österreicher durch das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie ergeben hat, fährt man hierzulande deutlich öfter mit dem Auto als vor 20 Jahren. Mag in Großstädten das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln heute gut genug sein, um problemlos aufs Auto zu verzichten, ist es in ländlichen Regionen nach wie vor alternativlos.

Entwicklung der Elektromobilität

© Bild: trend

Noch sind hochautomatisierte Fahrsysteme der Hersteller nicht bereit für den Verkehrsalltag. Testplattformen wie Audis RS7 Piloted Driving machen jedoch massive Fortschritte.

Die in der populären Wahrnehmung etablierte Einschätzung, junge Leute würden sowieso nicht mehr Auto fahren und sich auch nicht für Autos interessieren, deckt sich mit der Realität ebenfalls nicht. Auch wenn “Millennials” in Städten immer häufiger auf ein eigenes Auto verzichten, fahren sie doch häufiger selbst mit dem Pkw, als das beispielsweise die über 55-Jährigen tun. Die vermeintlich alternativen Mobilitätsformen so zugetane Gruppe der 20-bis 24-Jährigen ist genau das nicht: Keine andere Altersgruppe erledigt weniger Wegstrecken mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Das Auto steht klar auf Platz eins, gefolgt von öffentlichen Verkehrsmitteln.

Doch wie lässt sich diese verkehrsdemografische Realität mit politischen Forderungen nach weniger Verkehr und weniger Emissionen vereinbaren?

Neue Möglichkeiten

Immer wenn es in der Vergangenheit darum ging, Visionen vom Verkehr der Zukunft zu zeichnen, gab es zwei absolute Fixpunkte: Der Antrieb wird elektrisch (und damit sauber) sein, und Autos werden von selbst fahren können. Diese beiden Vorstellungen haben sich seit gut 70 Jahren nicht verändert. Eingetroffen sind beide Szenarien bislang aber nicht. Nun scheint die Automobilbranche jedoch bereit für eine Revolution. Egal welchen Autohersteller man heute zu seinen Zukunftsplänen befragt, bei jedem fallen schon in den ersten Sätzen die Wörter “elektrisch” und “autonom”.

Elektro-Luxusklasse

© Bild: Tesla

Was Prognosen allerdings auch voraussagen, ist, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, bis sich E-Autos wirklich flächendeckend durchsetzen werden. Drei Faktoren bremsen hier das Kundeninteresse: die in den Augen vieler Autofahrer geringe Reichweite, mangelnde Ladeinfrastruktur (plus lange Ladezeiten) und die hohen Preise.

Zumindest bei zwei dieser Kritikpunkte will das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie dem Elektroauto etwas unter die Arme greifen: Erstmals sollen Elektroautos auch in Österreich durch eine Kaufprämie und durch steuerliche Erleichterungen gefördert werden, was den effektiven Kaufpreis und die laufenden Kosten senken wird -und eine Förderungsinitiative soll auch den Ausbau von Ladeinfrastruktur und E- Tankstellen vorantreiben.

Schneller laden

Schützenhilfe bekommt das Ministerium beim Thema Ladeinfrastruktur von den (deutschen) Autoherstellern. Ein Konsortium der in Deutschland ansässigen Hersteller hat sich zum Ziel gesetzt, selbst Ladestationen entlang der wichtigsten Verkehrsadern zu errichten. Die E-Tankstellen sollen dabei auch über Schnellladefunktionen verfügen, die die Akkus der Elektroautos sogar noch deutlich schneller “auftanken” können als Teslas ultraschnelle “Supercharger”-Ladesäulen.

E-Tankstellen

© Bild: walter@henisch.at

Noch verfügt Österreich nicht flächendeckend über schnelle Ladestationen. Förderungen durch das Verkehrsministerium sollen Investitionen attraktiver machen.

Dabei fällt auch für Österreich ein bisschen etwas ab: Immerhin sechs solcher Schnellladestationen sollen entlang der heimischen Autobahnen gebaut werden, was die Ängste von E-Fahrern, auf der Strecke mit leeren Batterien liegen zu bleiben, deutlich lindern sollte.

Problematischer ist hierzulande noch das Netz kommerzieller Ladestationen zu sehen. Öffentlich frei zugängliche E-Ladepunkte finden sich kaum. Fast alle Charger kommerzieller Anbieter stehen in Österreich in Tiefgaragen, auf Parkplätzen von Einkaufszentren oder an den Servicepunkten der Autohersteller. Die wenigsten sind überhaupt kostenlos anfahrbar (Parkhäuser), viele nicht in der Nacht erreichbar (weil hinter Schranken verschlossen). Auch die Preise für den zu tankenden Strom sind noch ein Problem: Schnell wird das vermeintlich im Betrieb so günstige Elektrofahrzeug deutlich teurer als ein “Stinker” mit Benzinmotor.

© Bild: Nissan

Auch Vans und Nutzfahrzeuge wie der Nissan e-NV200 sind bereits mit Elektromotoren erhältlich.

Dass das durchaus anders geht, sieht man in Norwegen. Das skandinavische Land ist weltweit führend bei der Zulassung von Elektroautos. Zum einen dank hoher staatlicher Zuschüsse beim Kauf eines E-Autos, zum anderen durch die vielen Ladestationen, die Strom zu günstigen Preisen anbieten. In diese Richtung könnte es auch in Österreich gehen: Da das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie die Errichtung von neuen Ladestationen mit bis zu 10.000 Euro fördert, haben die Betreiber dieser E-Tankstellen einen deutlich geringeren Druck, die hohen Investitionskosten für den Bau der Ladeinfrastruktur möglichst schnell wieder vom Kunden einzufordern. Die Preise für Strom aus der Zapfsäule sollten damit in Zukunft also auch in Österreich merklich sinken.

Auto fährt selbst

Neben der Elektromobilität prägt noch ein weiteres Themen die Forschungsaktivitäten von Autoherstellern weltweit: selbstfahrende Autos. Was mit Totwinkelwarnern, Notbremsassistenten und Spurhaltesystemen begonnen hat, soll sich in der Vorstellung vieler Entwicklungschefs schon bald in ein Technologiepaket verwandeln, das es dem Fahrer unterwegs erlaubt, die Hände entspannt in den Schoß zu legen. Und Österreich will bei der Entwicklung dieser Technologien ganz vorne mitspielen. Im Rahmen des “Aktionsplans automatisiertes Fahren”, der vom Verkehrsministerium ins Leben gerufen wurde, sollen in den nächsten Jahren 20 Millionen Euro für Laborstrecken und Technologieentwicklung bereitstehen. Mit dem Aktionsplan ist das bmvit tatsächlich am Puls der Zeit. Das Projekt wurde nämlich nicht im bürokratischen Vakuum erdacht, sondern zusammen mit 140 Experten aus Industrie, Wirtschaft und Forschung erarbeitet und definiert die wichtigsten Anwendungsfelder der neuen Technologie.

Autonomes Fahren

© Bild: Audi

Noch sind hochautomatisierte Fahrsysteme der Hersteller nicht bereit für den Verkehrsalltag. Testplattformen wie Audis RS7 Piloted Driving machen jedoch massive Fortschritte.

Die ersten Schritte zur Umsetzung des Aktionsplans wurden bereits gesetzt: Die Novelle des Kraftfahrgesetzes, mit der der rechtliche Rahmen für die Tests von automatisierten Fahrzeugen im öffentlichen Straßennetz geschaffen wird, trat im Herbst in Kraft. In welcher Form sich automatische Fahrsysteme mittelfristig auch durchsetzen werden, die erwarteten Auswirkungen werden jedenfalls vielfältig: Das Verkehrsministerium geht von einem Rückgang der Verkehrsunfälle um 70 bis 95 Prozent aus, erwartet allein durch den Einsatz selbstfahrender Autos einen Anstieg der Treibstoffeffizienz von 20 Prozent und sieht enorme Chancen für einen Produktionsgewinn in der Gesellschaft. Allein in Wien sollen pro Jahr mehr als 100 Millionen Stunden “gewonnen” werden, in denen Bürger sonst im Stau stehen oder auf Parkplatzsuche um den Häuserblock kreisen.

Die größten Vorteile könnten sich jedoch für den Verkehrsfluss selbst ergeben. Staus dürften um 70 Prozent zurückgehen, bei einem gleichzeitigen Anstieg der Verkehrskapazität um das Fünffache!

Die Bereitschaft der Österreicher, das Steuer schon bald an den Computer im Armaturenbrett abzugeben, ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Noch immer stehen Autofahrer der neuen Technik jedoch skeptisch gegenüber. Während sich laut einer Studie des World Economic Forum in Indien 85 Prozent, in China 75 Prozent und in Frankreich immerhin 58 Prozent ein selbstfahrendes Auto vorstellen können, sind es in Österreich nur 44 Prozent. Noch weniger enthusiastisch sind nur Japans Autofahrer beim Gedanken an autonome Fahrzeuge: Hier liegt die Zustimmungsquote sogar nur bei 36 Prozent. Hersteller und Politik werden also noch eine Menge an Überzeugungskraft aufwenden müssen, um Autokunden dazu zu bewegen, auf automatisierte Fahrtechnik in ihren Pkw zu vertrauen.

Soziale Veränderungen

Die automobile Revolution, die sich in Form neuer Antriebe und neuer Technologien abzeichnet, wird nicht am Straßenrand enden. Die Mobilität des 21. Jahrhunderts wird auch viele Veränderungen in der Wirtschaft und der Gesellschaft hervorrufen. Einfachstes Beispiel: Wenn die Mehrheit der Autos mit Strom fährt, wird weniger Benzin, damit weniger Tankstellen und damit auch weniger Rohöl benötigt. Es dürfte sich daher durchaus eine Kräfteverschiebung im von Öl dominierten geopolitischen Gefüge anbahnen.

Gesellschaftlich sind es eher die autonomen Fahrzeuge, die für Turbulenzen sorgen werden. In den USA und Europa ist der Logistiksektor einer der größten Arbeitgeber überhaupt. Vom Lkw-Fahrer bis zum Taxilenker -sie alle sehen sich heute mit einer Zukunftsperspektive konfrontiert, in der Dutzende Autohersteller, viele große Technologieunternehmen und ein Gutteil der Automobilzulieferindustrie an der Abschaffung ihrer Jobs arbeiten. Selbstfahrende Lkw würden schließlich den überwiegenden Teil der Berufskraftfahrer überflüssig machen, Carsharing-Angebote mit selbstfahrenden Fahrzeugen schnell die angestammten Taxiunternehmen in Bedrängnis bringen.

Mobilität der Österreicher

© Bild: trend

Im Vergleich zu den Zahlen von 1995 hat sich der Anteil von mit dem Auto zurückgelegten Strecken deutlich erhöht. Öffis und Fahrrad legten ebenfalls leicht zu. Dafür gehen wir heute signifikant weniger zu Fuß.

Auch diese Thematik ist im Verkehrsministerium ein wichtiger Diskussionspunkt. Statt den Status quo mit stringenten Gesetzen möglichst lange künstlich aufrechtzuerhalten, sieht man in einer offensiven und offenen Strategie in Richtung Innovation und Forschung jedoch den mit Abstand vielversprechenderen Weg in die Zukunft. Es gilt, neue Jobs in einer veränderten Welt zu schaffen und sich nicht an überholte Beschäftigungskonzepte zu klammern. Der Übergang werde, so die Meinung aus dem Ministerium, ohnehin fließend ablaufen, was eine natürliche und organische Veränderung ermöglichen wird.

Sharing Economy

Durch E-Mobility und Autonomie werden die schon jetzt recht beliebten Carsharing-Angebote auf jeden Fall Zulauf bekommen. Bis 2020 sollen sich die Nutzerzahlen mehr als verdoppeln. Allerdings: Wie mehrere Studien aus Deutschland, Frankreich und den USA nahelegen, wird die gemeinschaftliche Autonutzung auch in den kommenden 15 Jahren noch ein Minderheitenprogramm bleiben. Genutzt werden Carsharing-Angebote wie DriveNow und car2go primär von jungen, technologieaffinen Stadtbewohnern -und das soll sich, so einhelliges Ergebnis der Studien, auch in absehbarer Zeit nicht dramatisch ändern. Dass Carsharing das Ende des Privatautos einläutet, glaubt derzeit kaum jemand in der Automobilbranche.

Nach wie vor ist das eigene Auto das Rückgrat individueller Mobilität. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Wir werden also auch in Zukunft vornehmlich im eigenen Auto unterwegs sein. Das wird aber immerhin leiser, sauberer, sicherer und intelligenter sein, weniger in Staus stehen und im Unterhalt billiger kommen als die Autos, in denen wir heute unterwegs sind.

WIE WIR IN ZUKUNFT FAHREN WERDEN

Das Ende des Individualverkehrs steht nach Experteneinschätzung vorerst nicht an. Ändern wird sich trotzdem viel.

  • SAUBER. Nicht erst seit der Dieselaffäre gibt es den Wunsch nach sauberen Automobilen. Einigkeit besteht darin, dass der Elektro-den Verbrennungsmotor ablösen wird. Beim Energieträger gibt es zwei Möglichkeiten: Akkus und Wasserstofftanks mit Brennstoffzelle. Beide Technologien sind realistisch.
  • INTELLIGENT. Umfassende Fahrhilfen und teilautonome Autopiloten haben schon jetzt den Markt erreicht. Von Start bis Ziel tatsächlich ohne Lenkeingriff auszukommen, dürfte innerhalb der nächsten zehn Jahre allerdings schwer umsetzbar sein. Noch lauern technische und juristische Hürden.
  • VERNETZT. Der Weg zu effi zienterem und flüssigerem Verkehr führt über den Datenaustausch der Fahrzeuge untereinander und mit der Infrastruktur. Ampelschaltungen können dem Verkehr angepasst werden, Autos bei zu viel Verkehr automatisch umgeleitet werden.
  • GEMEINSAM. Ein eigenes Auto zu besitzen, wird für viele Stadtbewohner zunehmend weniger attraktiv. An dessen Stelle treten Ride-und Carsharing-Angebote, die den Bedarf nach Individualmobilität abdecken. Herstellern fällt es aber schwer, lukrative Geschäftsmodelle zu etablieren.
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