Des Kaisers nackter Hintern

Wir fahren so weit wie möglich, sind dabei denkbar objektiv und freuen uns über das Fahren an sich.

Veröffentlicht am 30.04.2013

Seine drei größten Trümpfe sind die Behändigkeit einer Ballerina, die Kraft eines brünftigen Wasserbüffels und die innere Ruhe eines buddhistischen Mönches. Seine drei sehnlichsten Wünsche sind das Durchfahren eines Flusses, das Besteigen eines verschneiten Schuttberges und Chauffeurswagen für eine Handballmannschaft sein. Das alles kann der Mercedes GL 350.

Dafür ließ er sich von Mercedes ein Interieur manufakturieren, bei dessen Anblick jeder halbwegs motivierte Poet sofort einen Vierzeiler zum Besten gibt. Auch wurde eine Technik maßgeschneidert, die jedem physikalischen Gesetz Hohn spottet, und das Marketing packte ihm dann noch ein Herr-der-Dinge-Image in den Kofferraum. Die europäische Antwort auf amerikanische ­Familienautoträume.

Einerseits. Für den Typ Mensch allerdings, der von des Kaisers neuen Kleidern nicht mehr sieht als dessen nackten Hintern, muss an dieser Stelle Objektivität einkehren.

Offroad-Kompetenz steckt in den Genen.
Offroad-Kompetenz steckt in den Genen.

Der GL fügt sich trotz Dimension und Preis erstaunlich konfliktfrei in das hiesige Straßenbild. Manch anderes deutsches Premium-SUV mit ­deutlich weniger Platz- und Finanzbedarf eckt emotional schmerzhafter an. Folgende These: Dem GL fehlt das Neureichen-Image. Hier fährt ­einer, der es sich erarbeitet hat. Die G-Gene.

Mercedes GL 350 die Ballerina

In der Praxis ist es so, dass die dritte Sitzreihe doch eher selten benötigt wird. Was schade ist. Erstens, weil man die ­Sitze per Knopfdruck rauf- und runterklappen kann und keine proletarisierenden Hebel oder Schlaufen ziehen muss, und zweitens, weil diese dritte Sitzreihe tatsächlich ihren Namen verdient. Genauso wie der Kofferraum, der dahinter dann noch übrig bleibt. Form follows function in Höchstform. Wer sieben Sitze und gleichzeitig Kofferraum will, muss eben mit 5,12 Meter Auto rechnen.

Derart gerüstet gilt die ­Behändigkeit einer Ballerina nur im Segmentvergleich. Hier aber auf (zumindest für die Konkurrenz) demütigende Weise. Der Mercedes GL 350 lässt sich tatsächlich behände durchs Parkhaus werfen und in die gefundene Lücke zirkeln. Gefahren wird selten, man lässt fahren. Vom Bordcomputer. Etwas ­lenken, blinken oder bremsen, den Rest erledigt die Elektronik. Tempomat mit Abstandsradar, Spurhalteassistent, Müdigkeitswarner. Ähnlich wenig Aufwand muss der Fahrer im Gelände betreiben, sollte er sich in die Natur verirrt haben. Ein Drehknopf reicht, den Rest macht der Computer. Es bleibt genug Zeit und Muße, Leder­sitze und Soundanlage zu ­genießen. Egal was man tut, den Motor hört und spürt man nicht. Trotz Stopp-Start-System. Unter zehn Liter bleibt man leicht. Unter neun? Auch. Unter acht? Eher nicht.

Den Objektiven sei gesagt, dass der Testwagen 121.049,10 Euro gekostet hat, uns aber kein Extra auffiel, auf das man hätte verzichten können. Punkt­um. 


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