CC/Frankie Guarini

17.000 Kilometer für eine Autoaufkleber-Feldstudie

Menschen kategorisieren ihre Verkehrsteilnehmer anhand von Auto-Aufklebern und Kennzeichen. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der University of Kansas.

Online Redaktion
Veröffentlicht am 24.09.2017

“Bleifuß statt Bleifrei!” oder “Wozu Rasen? 230 km/h genügen!” – wer mit solchen oder ähnlichen Autoaufklebern am Heck herumfährt, wird (zu Recht?) von anderen Autofahreren in die Kategorie “Raser” gesteckt. Der Drang, Menschen in Schubladen einzuordnen ist auch unter Autofahreren gegeben – das verleiht das Gefühl, sein Gegenüber einschätzen zu können – gerade auch im Straßenverkehr ein wesentlicher Faktor bezüglich Sicherheit. Dass die Einordnung nicht immer so einfach gelingt wie im obigen Fall, und wie dennoch fast immer eine passende Schublade für jeden Autofahrer gefunden wird: Darüber hat sich ein US-Forscher so seine Gedanken und eine Feldstudie gemacht.

17.000 Kilometer für eine Autoaufkleber-Feldstudie

Der Soziologe und Forscher Walter Goettlich (University of Kansas) wollte die Aus- und Wechselwirkungen von Autoaufklebern auf andere Autofahrer genau untersuchen und hat dafür neben 17.000 Autobahnkilometern unzählige Interviews mit Autoaufkleber-Lesern geführt. Seine Erkenntnis: Es gibt mehrere “Strategien”, wie Autoaufkleber bzw. die Autofahrer eingeordnet, also in eine Schublade gesteckt werden.

2 Strategien zur “Schubladisierung” von Botschaften auf Autostickern

Zwei wesentliche Strategien, die von Goettlich u.a. beschrieben werden: die klischeehafte Zuordnung (Labeling) sowie der sogenannte “Puzzle-Modus”.

Das “Labeling”

Labeling, also die klischeehafte Zuordnung, bewirken Aufkleber wie etwa “Atomkraft – Nein Danke!” oder auch “Kat? NEIN DANKE – Mein Auto fährt auch ohne Wald!”. Zu eindeutig und sicher sind solche Botschaften einer Wertehaltung bzw. einem Typ Mensch zuzuordnen (so zumindest die Annahme). Auch Aufkleber mit “Frauen fahren besser …. mit dem Bus!” oder “Ich bremse auch für Frauen” sorgen für eine rasche Einordnung des Fahrers, hier z.B. in die Kategorie “Macho”.

Aber auch Aufkleber ohne Textbotschaft können bereits eine “klischeehafte Zuordnung” beim Empfänger der Botschaft auslösen: So reicht bei vielen bereits ein “Harley-Davidson”-Aufkleber um den Fahrer als “USA-Fan/Patrioten” abzustempeln. Nicht nur Aufkleber, auch die Fahrzeugmarke oder auch nur die Herkunft (Kennzeichen) können bereits den inneren “Wertekatalog” aktivieren und in Sekundenbruchteilen eine Einordnung/Wertung bezüglich des Fahrers auslösen.

Der “Puzzle-Modus”

Dieser setzt hingegen laut Goettlich ein, wenn die Aufkleber-Botschaften nicht auf Anhieb so leicht zu verstehen bzw. einzuordnen sind. Es wird also nach weiteren Hinweisen am Fahrzeug, dem Fahrstil oder dem Fahrer selbst gesucht, um diese einzelnen Hinweise “Puzzle-Teile” zu einem stimmigen Bild zusammenfügen zu können.

Bei den Interviews, die Goettlich für seine Studie führte, stellte sich u.a. auch heraus, dass manche Autofahrer sogar später im Internet nach bestimmten Auto-Aufkleber-Sprüchen suchten, um Botschaften zu entschlüsseln, die im ersten Moment nicht einordenbar waren. Der “Puzzle-Modus” setzt verstärkt auch dann ein, wenn Autofahrer individuelle Aufkleber-Botschaften kreieren, z.B. auch um auf andere, bereits bekannte Sticker-Botschaften zu “antworten”.

Ein Beispiel aus den USA

“My dog is smarter than your Honor” (sinngem.: “Mein Hund ist schlauer als dein “Einserschüler”) wurde dort als (auf den ersten Blick nicht einordenbare) Antwortsticker-Botschaft auf die weit verbreiteten Pickerln “Proud parents of an Honor Student” (sinngem.: “Stolze Eltern eines Einserschülers”) kreiert. Vergleichbar übrigens mit den weit verbreiteten deutschsprachigen Botschaften “Nicole fährt mit / Baby an Board” bzw. den darauf folgenden Antwort-Aufklebern “Kein scheiss Kind mit scheiss Namen an Bord!

Übrigens: Eine aktuelle Umfrage (mit allerdings nur 100 Teilnehmern) des Autoherstellers Ford ergab: Knapp 2/3 der Autofahrer in Deutschland finden Auto-Aufkleber durchaus interessant und witzig – wenn es sich um einigermaßen originelle Sprüche handelt (“Wir bleiben zusammen, bis dass der TÜV uns scheidet” oder z.B. “Fahre ich zu dicht vor ihnen her?”). Politische Statements oder die erwähnten “Baby an Board”-Varianten hingegen finden eher weniger Anklang und führen eher zu einer Einordnung in die Schublade “Nervig”.

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