Room, Space und Räumlichkeiten

Das Automobil steht an der Schwelle zur völligen Neuorientierung. Wohin? Auf dem Automobilsalon Genf zeigten die Avantgarde-Designer, wo es langgeht: „Nach innen, bitte!“

09.05.2017 Autorevue Magazin

Das Auto, zukünftig autonom, gibt uns an der Garderobe ab. Nicht weiter schlimm, wir wollten eh gerade E-Mails checken.

Wie schon zu Jahresbeginn in Detroit zeichneten sich auch jüngst auf dem Internationalen Automobilsalon Genf die Trends zum „Cocooning plus“ ab: Der Innenraum bekommt tiefere Bedeutung und neue Ideen.

Designer können nicht ständig noch dynamischere Aerodynamik herstellen, Motortechniker nicht noch stärkere oder elektrischere Antriebe, aber die Kuschelecke unter der C-Säule bietet immer noch neue Aspekte der Gestalt und der Form. Ist doch sinnvoll: Je weniger uns das Fahren ablenkt, desto wohnlicher geht es um Komfort, User Interface und Raumgestaltung nach wohnlichen Aspekten.

Wenn man bedenkt, wie viele Möglichkeiten des Customizing allein Autofelgen bieten, dann bekommt man einen Begriff davon, was der Innenraum hergibt, sobald er von unnötigen Platzverstellern wie Lenkrad, Schalthebel etc. befreit ist. Auf dem Weg zum bewohnbaren Smartphone (was für eine wunderbare Allegorie!) wird im Auto zwar noch einiges umgekrempelt werden müssen. Erst wird einmal richtig gelüftet. Voll die Türen auf, lasst Zukunft rein!

Chrysler überraschte mit der Ankündigung, den Portal, ein radikales Schiebetürkonzept der People-Mover-Klasse, in Serie bauen zu wollen. Völliger Entfall der B-Säule, raumgewordener Konstrukteurswille.

Auch bei Lexus findet man die neue Art, Autos via gegenläufige Doppeltür zu öffnen. Das UX Concept steht für die neue Prahlerei mit der Steifigkeit. Seht herein, hier verwindet nichts!

Der Lincoln Navigator ist nicht mehr ganz neu (stand im Herbst in New York), dennoch atemberaubend. Eine dreistufige Treppe senkt und öffnet sich, sobald die Flügeltür, nein, das Flügeltor hochgeschwenkt wird und die gesamte Raumflanke freigibt.

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PEUGEOT INSTINCT
Der Lifestyle-Generator, wie wir ihn in zehn Jahren fahren, stülpt sich den Passagieren entgegen, nimmt gerne Vorschläge an, weiß es aber in der Regel besser. Deshalb schließt er nach uns auch die Haustür ab.
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Zurück zum People-Mover-Syndrom. Volkswagen, neuerdings auf Sinnsuche, hat sich von fahrerlosen People-Pods in Heathrow inspirieren lassen und den Sedric vorgestellt, das ewig schmucklose Commuter-Konzept, elektrisch betrieben, ausgestattet mit Schiebetüren und verdeckten Rädern. Statt Lenkrad und Hebelei gibt es nur drei Knöpfe: Go, Stop, Call Operator. Der Name Sedric ist ein Akronym aus Self Driving Car und bewegt sich auf Level fünf, dem obersten der Auto-Robotisierung: Eingriffsbehelfe fehlen, Auto trifft situationsbedingt eigene Entscheidungen. Mittels 60-kWh-Unterflur-Batterie soll es bei bescheidenen Geschwindigkeiten 400 Kilometer Reichweite erzielen. Man gibt (per App oder so) das Ziel ein, den Rest erledigt der Pod. Dockt sich auch selbsttätig zum Nachladen an. Im Grunde ist das alles nicht neu, doch aktuelle Sensortechnik (und damit ist Sedric reichlich bestückt), macht vieles möglich. Als Access-Badge trägt man so ein Ding um den Arm, womit sonst Omas aus der Badewanne den Notdienst rufen.

Der Innenraum hat diesen sich modisch etablierenden Lounge-Charakter, worin nun für einige Dekaden allenthalben die Zukunft Platz nehmen wird. Aber vorerst müssen noch Level drei und vier des autonomen Fahrens (mit menschlichem Lenkeingriff im Notfall) eingedost werden, ehe wir uns an das völlig selbstlose Commuten wagen dürfen.

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SEDRIC
Volkswagen hat sich seines Namens besonnen und versucht sich an einer auf Transportfunktion reduzierten Commuter-Lösung. Endlich, wie man sieht, ist das Problem an Randsteinen beschädigter Felgen damit endgültig gelöst.

Ganz anders und richtig spektakulär öffnete sich Peugeots Instinct Concept den Besuchern. Man stülpte geradezu den Innenraum nach außen. In scharfem Hellblau eröffnet sich ein Universum, dem man sich scheu nähert. Schließlich behaupten die Hersteller, dass uns dieses Auto verstehe, uns nämlich so gut kenne, dass es unsere Wünsche vorhersehen könne und prompt erfülle, „a car that is in true harmony with you“. Und dann fällt noch ein weiterer Begriff, den wir uns schon für die Zukunft merken können: seamless, also fugenlos. Fugenlose Cockpits, that’s it for the moment! Siehe Audi, speziell das Q8 Sport Concept, dessen Dashboard in durchgehend horizontalen Linien durchfließt.

Den Begriff Freedom, den Peugeot in Zusammenhang mit seiner Studie strapaziert, kann man aber gleich wieder vergessen. Denn erstmals kommt ein Auto zusammen mit einer kompletten IOT-Plattform (Internet of Things), der Samsung Artik Cloud, die das Auto mit der Cloud des Users verbindet. Gib an der Pforte jede Hoffnung auf Privatsphäre ab!

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LEXUS UX
Wie der Peugeot vereint auch der UX ein muskulöses Auftreten mit Open-Lounge-Atmosphäre. Aber die Vordersitze sind so verrückt, dass man spezielle Abhandlungen darüber verfassen müsste. Stichwort: Synthetic Spider Silk.
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Neu ist auch, dass vier Fahrmodi angeboten werden, zwei für Selbstfahrer (Drive Boost oder Drive Relax), zwei für autonomes Commuten (Autonomous sharp oder Autonomous soft). In diesem Falle falten sich die Bedienelemente weg bis auf einen 9,7-Inch-Screen, auf dem man richtungsweisende Eingaben machen kann. Zuruf sollte aber reichen.

Das Focal-Hi-Fi-System startet mit dem Song, den man gerade zu Hause nicht zu Ende hören konnte (weil man, wie es das On-Board-System per Smartwatch mitgeteilt hat, 15 Minuten früher aufbrechen musste, um trotz Stau und Schlechtwetter pünktlich beim Meeting zu sein – aber diese Nummer erzählt uns wirklich jeder Autohersteller). Neu aber: Startet man den Motor, werden die Haustüren automatisch verschlossen. Tcha! Aber gestern warst du faul mit Cardio, deshalb bleibt der Wagen zehn Minuten vor deinem Büro stehen, damit du ein bisschen Bewegung machst. Das System lässt sich aber mit guten Worten/Gesten zur Ziellandung überreden.

Der Shooting Brake ist als Plug-in-Hybrid konzipiert und soll rund 300 PS leisten.

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CHRYSLER PORTAL
Der Tesla X für die Millennials der zweiten Generation Start-up. Komplett vernetzt und drei Sitzreihen. Lenkrad gegen Aufpreis? Nein, es versenkt sich automatisch im Automatik-Modus. Reichweite: 400 Stromkilometer.

Wollt ihr mehr hören über Roominess? Dann zu etwas ganz anderem. Bentley-Chefdesigner Stefan Sielaff, einst am Audi TT tätig, später erfolgreich im Volkswagen-Konzern mit Zwischenspiel bei Mercedes, ist seit 2011 Leiter Innendesign Audi und seit 2015 zusätzlich Designchef bei Bentley. In dieser Funktion kreierte er den EXP 12 Speed 6e EV Concept, einen elektrisch betriebenen Roadster mit fetter Lederausstattung und gehörntem Lenkkolben. Sollte man gesehen haben. So muss Bentley!

Schon 2015 stellte der Designer Jean-Louis Bui eine (virtuelle) Hommage an den Citroën DS von 1955 vor. Unglaublich gelungen, man hofft (www.designboom.com).

In Genf zu sehen war der DS 7 Crossback, aufgestellt gegen Audi Q2 oder BMW X1 oder Lexus NX. Möglicherweise, so die Gerüchte, startet Citroën mit diesem Modell eine Offensive auf dem US-Markt. Fantastischer Innenraum, schwebender Riesen-Screen, perspektivische Lüftungsgitter, reptilienartige Mittelkonsole und über allem eine Uhr des französischen Hersteller B. R. M, die erst bei Drücken des Startknopfes ausschwenkt. Der Kampf gegen die Konkurrenz – die durchaus luxusaffin ist – wird über das Innenraumdesign geführt.

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LINCOLN NAVIGATOR
Seltsam, man kann nicht anders, als sich den amerikanischen Präsidentendarsteller vorzustellen, wie er die Hühnerleiter zum Lincoln emporsteigt. Teak, Chrom, sechs Sitze, aber die Zukunftsbotschaft bleibt doch etwas verhalten.

Dafür, dass die neue Raumwunderwelt durchaus konkrete Ergebnisse zeigt, stehen Wohnmodelle wie der (auf Kodiaq-Dimensionen aufgeblasene) VW Tiguan Allspace, die Zweitauflage des Millionensellers und Premiumsegment-Kaisers, und der betörend schöne Volvo XC60, teilautonom bis Tempo 130. Onlinedienste wie „Guide & Inform“ und „Security & Service“ sind serienmäßig an Bord, App-Connect kostet extra.

Den Audi Q8 kennt man schon von mindestens drei Studien, diesmal heißt sie Q8 Sport Concept, hat drei Meter Radstand, rahmenlose, sensorgesteuerte Türen und dank Mild-Hybrid und E-Turbo eine Reichweite von 1.200 Kilometern. Stauverfolgung per Elektromotor. Bedien- und Anzeigeflächen sind in das sogenannte Black Panel integriert – ein schwarzes, hochglänzendes Band, eingefasst von einer Aluminiumspange. Im ausgeschalteten Zustand ist der Bildschirm unsichtbar in die Fläche eingebettet. Wie schwebend über dem Mitteltunnel dient sich eine Konsole an, die den Shift-by-Wire-Hebel birgt. Neu: großes Head-up-Display mit Augmented-Reality-Funktionen. (Bald sparen wir uns tatsächlich die Windschutzscheibe samt Wischer.)

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BENTLEY EXP12
Da fliegt das Blech weg und man vergisst, zu fragen, ob es Dach gegen Aufpreis gibt. (Antwort: „Seemingly rather not.“) Der gehörnte Lenkstock inmitten des Rindernacken-Ambientes lässt auf martialische Leistungsschübe und direkte Lenkübersetzung schließen.
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Überraschend brachte Range Rover einen SUV zwischen Evoque und Range Rover Sport, den Velar auf F-Pace-Basis. Abgehoben dank Luftfederung. 670-Liter-Kofferraum. Scheinwerfer mit Laser-Matrix-LED röntgenisieren die Nacht. Dunkle Displays erwachen erst bei Annäherung. Zwei übereinanderliegende 10,2-Zoll-Bildschirme bilden das Infotainment-System Touch Pro Duo. Über den oberen, um dreißig Grad schwenkbaren Schirm lassen sich Navi, Medien und Telefon bedienen, der untere ist gebogen und für die Klimaeinstellung sowie Terrain Response zuständig. Wischen und Zoomen wie beim Smartphone.

Dass auch Porsche hier in der aktuellen Raumwunderzone mitmischt, liegt am neuen Panamera Kombi, genannt Panamera Sport Turismo. Der Fünfsitzer sieht nun wirklich so aus, wie man sich das immer gewünscht hätte, schlanker als die Limousine, eleganter. Ums Laden geht es ja nicht so: Zwanzig Liter mehr Kofferraum erfreuen keinen Malermeister. Aber eine fünfte Person kann erstmals im Panamera mitfahren, immerhin ohne den Kopf einziehen zu müssen. Rechenbeispiel: Wenn jeder 20.000 Euro für den Neuwagenpreis einbringt, kann man eine perfekte Kauf- und Wohngemeinschaft bilden.

Die Show geht weiter

Und zwar auf der Straße. Fünf ausgewählte Repräsentanten der wirklichen Wahrwerdung.

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DS 7 CROSSBACK
Erstes von sechs neuen eigenständigen DS-Modellen im Konzern. Schlicht, edel, überzeugend. Grandioser Innenraum, echter Premium-Herausforderer. Auslieferung ab Jänner 2018, Preise ab 30.000 Euro.
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VW TIGUAN ALLSPACE
Ab September ist der um zwanzig Zentimeter verlängerte, maximal siebensitzige Kodiaq-Counterpart zu haben. Allrad und Doppelkupplungsgetriebe sind in den Topausstattungen Serie.
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VOLVO XC60
Ab Herbst in Auslieferung: Die zweite Generation des Erfolgs-SUV. Sicherheitsfeatures krallen das Auto fest; neuerdings kommt „Oncoming Lane Mitigation“ an Bord, um Kollisionen mit entgegenkommenden Fahrzeugen zu vermeiden.
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AUDI Q8 SPORT CONCEPT
Vorschau auf 2018, RS-Modell. 450 PS vom TFSI-Sechszylinder. 48-Volt-Bordnetz. Rekuperiert sich einen Liter Verbrauch weg.
Nettes, lang ersehntes Detail: Schaltshifter als Handballenauflage bei Touchscreen-Eingaben.
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RANGE ROVER VELAR
Soll im Sommer kommen, und man kann jetzt schon sagen: Der Name ist das schwächste Detail. Knapp über Schrittgeschwindigkeit ziehen sich die Türgriffe ein. Schmale Scheinwerfer, aber in der LED-Matrix-Ausführung wahre Röntgenbrenner.
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PORSCHE PANAMERA SPORT TURISMO
Warum nicht gleich? Sieht doch gleich besser aus. Rechtzeitig zum Auslaufen des Mercedes CLS Shooting Brake platzhirscht er ab Oktober durchs Premium-Top-Geläuf.

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