Volkswagen
VW Werk Wolfsburg Fließband Arbeiter

Volkswagenchef Matthias Müller: Diss-Track

Matthias Müller, der Volkswagenchef, kritisierte Tesla hart. An den Vorwürfen mag etwas dran sein, doch: das ist nicht seine Aufgabe. Ein Kommentar.

Online Redaktion
Veröffentlicht am 23.10.2017

Matthias Müller ist Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG und hat gerade jede Menge Dreck vor der eigenen Tür zu kehren. Was ihn nicht davon abhält kräftig gegen Tesla zu poltern. Das ist einerseits ganz schlechter Stil und zeigt andererseits, dass es dem Unternehmen immer noch an gesunder Selbstreflexion fehlt. Denn natürlich gibt es bei Tesla Dinge zu kritisieren, nur ausgerechnet die Punkte, die Müller anspricht, macht VW genauso falsch.

Matthias Müller VW Vorstandsvorsitzender
© Bild: Audi
Matthias Müller. Eher kein Tesla-Fan.

VW kritisiert Tesla

Die Verlagsgruppe Passau organisiert eine Veranstaltungsreihe namens „Menschen in Europa“. Auf diese Bühne wurde Matthias Müller, der Vorstandvorsitzende der Volkswagen AG gebeten. Die Verlagsgruppe dürfte es nicht bereut haben, denn Müller sorgte für Schlagzeilen, als er sagt: „Es gibt auf dieser Welt Ankündigungsweltmeister, ich nenne keine Namen. Es gibt Unternehmen, die verkaufen mit Mühe 80.000 Autos pro Jahr. Volkswagen 11 Millionen in dem Jahr. Dann gibt’s Unternehmen wie Volkswagen, die erwirtschaften im Jahr einen Gewinn von 13 oder 14 Milliarden Euro.“ Und weiter meinte er, dass Tesla pro Quartal einen dreistelligen Millionenbetrag vernichten würde und „schmeißt die Mitarbeiter raus, wie sie lustig sind. Also Sozialkompetenz – weiß ich nicht, wo die ist.“

Wo in der Wirtschaft die Sozialkompetenz ist weiß keiner so genau. Bei VW jedenfalls nicht. Natürlich kann man Tesla den Stellenabbau aufgrund der Produktionsprobleme vorwerfen. Es geht um 400 bis 700 Stellen. Noch im vergangene Jahr begann VW selbst jedoch mit der Umsetzung eines Sparplanes, bei dem es um den Abbau von 23.000 Stellen bis 2020 geht. Herbert Diess, der Markenvorstand bei VW, spielte bei diesen Verhandlungen knallhart und öffentlich die Leiharbeiter gegen das Stammpersonal aus, indem er ankündigte, dass er gerne Leiharbeiter übernehmen würde, dann aber mehr Stammpersonal gehen müsste. Kein Geheimnis war, dass es vor allem Leiharbeiter treffen sollte, da so innerhalb eines Quartals erste Spareffekte sichtbar werden würden ohne auf freiwillige Kündigungen und Pensionierungen warten zu müssen.

 

VW Werk Wolfsburg Fließband Arbeiter
© Bild: Volkswagen
VW Werk in Wolfsburg.

Diess’ Diss-Track

Für den Sparplan gab es zwei Gründe. Zum einen den „bevorstehenden Sturm“, wie Diess es nannte. Damit waren die Kosten des Abgasskandals gemeint. Zum anderen die mangelnde Profitabilität der Marke Volkswagen, die bei gerade einmal zwei Prozent lag. Das Programm sollte zu einer Einsparung von 3,7 Milliarden Euro pro Jahr und einer Verdoppelung der Rentabilität führen.

Die Rentabilität ist ein gutes Stichwort für Volkswagen. Müller wirft Tesla zu Recht vor, die Marke würde Geld vernichten. Doch Rentabilität kann nicht immer und sofort das oberste Ziel sein. Sonst hätte Volkswagen die Prestigemarke Bugatti (Verlust pro verkauftem Veyron: 4,7 Millionen Euro und auch mit dem Chiron dürfte kaum Gewinn erwirtschaftet werden) längst zusperren müssen. Viel wichtiger aber: es gibt bei Volkswagen auch noch das US-Geschäft.

Geheimniskrämnerei um das US-Geschäft

Und das war schon vor dem Dieselskandal eine Katastrophe. 2006 machte das Unternehmen in den USA 607 Millionen Euro Verlust. Ab 2007 schwang Martin Winterkorn das Zepter und der wies die Ergebnisse des Konzerns in einzelnen Regionen nicht mehr gesondert aus. Es kann davon ausgegangen werden, dass das seine Gründe hatte. Angeblich soll 2013 eine „schwarze Null“ erwirtschaftet worden sein, für die vor allem Audi und Porsche verantwortlich waren.

Audi A2 Konzept
© Bild: Audi
Audi A2 – BMW i3-Killer seit 2011.

Aber Müller feuerte ja auch den Vorwurf des „Ankündigungsweltmeisters“ gen Tesla. Natürlich ist Elon Musk ein Träumer. Er übertreibt, er überspitzt, er formuliert forsch langfristige Träumereien und unterschätz gerne die harte Realität, die aus Regularien, Gesetzen und menschlichen Unzulänglichkeiten besteht. Aber macht der VW Konzern es so viel besser? 2011 beispielsweise kündigte Audi auf der IAA in Frankfurt ihren BMW i3-Killer an. Den neuen Audi A2. Auf den warten wir immer noch. Der Wagen galt als wichtiges Signal für die Pläne des Konzerns sich in Sachen Elektromobilität „an die Spitze der Bewegung“ zu setzen, wie Winterkorn 2010 ankündigte. Bis Ende 2017 ist davon wenig umgesetzt worden.

Vorbildliche Versager

Bleibt die abschätzige Bemerkung zu den Absatzzahlen. Also der Vergleich, dass Tesla gerade einmal 80.000 Autos pro Jahr verkaufen würde – im Vergleich zu 11 Millionen Fahrzeugen des VW-Konzerns. Völlig richtig. Nur ließ sich Diess wenige Tage vor dem Müller-Rant mit folgenden Worten zitieren: „Wir fokussieren uns im zukünftigen Wettbewerb sehr stark auf Tesla.“ Ach was? Also entweder, Müller war auf dem Podium eine unguided Missile der Rhetorik – sozusagen der deutsche Gangstarap auf Vorstandsebene – oder aber VW geht es tatsächlich so schlecht, dass selbst eine Firma ohne soziale Werte, die kaum Stückzahlen macht und nur Geld vernichtet als Vorbild dienen muss. Was wir freilich eher nicht glauben. Wir tippen auf den Aussetzer.


Voriger
Nächster