Test Ford Mustang Bullitt 5,0 V8: Es fetzt

50 Jahre nach Bullitt zelebriert der Ford Mustang den Film und sich selbst mit einem Sondermodell. Dabei ist vieles gut gegangen, manches aber auch schief, schräg und quer.

Online Redaktion
Veröffentlicht am 01.05.2019

Ein Artikel aus der Autorevue Extra 2019Aktuelle Abo-Angebote findet ihr hier

Wer sich und anderen das Potenzial dieses Autos ernsthaft vorführen mag, wird im ersten Gang schon schwer illegal, und dann gäbe es noch fünf Gänge zum Nachlegen.

Wir verabschieden uns also besser schon hier von der Vorstellung, dieses Auto sei eine Blümchenwiese heimeliger Mobilität: Stimmt nicht, es ist eine Sau, und es kehrt Ähnliches aus uns hervor. Solchermaßen befreit von der Notwendigkeit gemäßigten Umgangs mit den Möglichkeiten zieht man sich zum Spielen am besten auf einen Salzsee zurück oder auf sein österreichisches Pendant, das brachliegende Gelände abgewrackter Industriezweige. Es wird wohl nicht das eigene sein, weil dann könnte man sich auch diesen Mustang nimmer leisten, andererseits: 464 PS um 67.950 Euro, da kommt ein PS um 146 Euro und 44 Cent aus dem Schauraum. Beim günstigsten Dacia Duster kostet das PS 104,26 Euro, da liegen keine Welten dazwischen.

Sitzt, passt. Auf einen würdigen Parkplatz ist besonders bei der Bullit-Sonderedition zu achten. Ihn anzulegen, kann allerdings etwas Geld und Mühe kosten, dafür erfreut er nebenbei auch als Trainingsstrecke.

Bei den Fahrleistungen natürlich schon, denn hier gilt es, einen hochmodernen V8 alter Schule zu zelebrieren. Hochmodern heißt vor allem noch ein bissel stärker als die normalen V8-Mustangs mit ihren 450 PS. Hier liegen 464 davon an, hochgekitzelt durch ein Open Air Induction System, also den freiliegenden Luftfilter, der im Motorraum ein wenig ausschaut wie ein Lampenschirm. In weiteren Hauptrollen: 87 mm Drosselklappen-Durchmesser zum freieren Einatmen, und das Motormanagement ist nach Art des Shelby Mustang GT 350 abgeschmeckt.
Im Auge hat man von all der Technik aber eher den Drehzahlmesser. Der verdeutlicht mit seinem orangen Bereich von 3000 bis 5000 Umdrehungen pro Minute, dass alles darunter Schmarrn ist. Bei 4000 U/min steht der Zeiger senkrecht, man möge diesen Hinweis zu deuten wissen.

Spielkonsole, aber in echt. Da man die weiß glänzende Schaltkugel besonders gerne berührt, ist sie leider nur auf obigem Foto zu sehen. Es hapert beim Fahren mit dem Mustang aber oft auch an der Wahrnehmbarkeit der Umgebung. Die wirkt dann sehr verschwommen.

Und man weiß. Denn beim untertourigen Einkuppeln ist der Motor etwas rumpelig, und wenn man sich dabei ganz lasch anstellt, stirbt er sogar ab. Da wurde der Drehmoment- Berg also ein wenig nach oben verschoben, wovon man aber ab 1000 U/min schon fast nichts mehr merkt. Die lässt sich der Mustang bereits anstandslos gefallen, und darüber wird er zu jenem dumpf bollernden Dampfhammer, den man von einem V8 erwartet; er dreht sich wirklich frei und dich schwindlig, der Drehzahlmesser wird erst bei 7400 Touren unruhig. Es sind jene Momente, in denen das Heck abhauen würde, wäre es nicht an den Zügeln des ESP. Also schaltet man alle Fahrdynamikregelungen ab, wenn die Gegend einsam daliegt und im Idealfall auch ein wenig nass und gatschig ist, und wischt übers Geläuf wie ein Fetzen beim Bodenaufwaschen, nur lauter. Und jetzt endlich will jenes Wort hingeschrieben sein, das den Mustang in seiner Persönlichkeit, seinem Auf- und Antritt punktgenau umreißt: räudig. Und das in allen Facetten, da kann der Lack noch so sehr dagegen anglänzen und der Innenraum im tadellosen Ausgeh-Outfit dastehen: brachialer Schub bei großvolumig stampfendem Bass, es könnte glatt die Gänsehaut den Rücken raufkriechen, würde sie nicht vom Druck der Sitzlehne sofort wieder glattgepresst.

Aber vielleicht sollten wir kurz innehalten, um das Auto vorzustellen: Ford Mustang Bullitt, eine Hommage an die berühmteste Verfolgungsjagd der Filmgeschichte, die vor 50 Jahren erstmals über die Leinwände gut beleumundeter Kinos lief. Der Ruf dieser Verfolgungsjagd kommt auch aus der Tatsache, dass es mit rund zehn Minuten die längste war, da kommt schon einiges zusammen an Drifts und Fast-­Crashes, an verlorenen Radkappen und Schaltmanövern (16 Mal rauf, ein kleiner Regie-Durchhänger) und auch Schusswechseln, schließlich verfolgte Lieutenant Bullitt die Gangster nicht zum Spaß. Die Story zu den Filmautos ist in autorevue 11/2018 nachzulesen, wir schauen hier lieber auf die aktuelle Interpretation, also den jetzt jungen Mustang, lackiert im originalgetreuen Montana-Grün. Wer das nicht so mag, kann auch Iridium-Schwarz bestellen, beides Metallic-Lacke, und sie sind beim Sondermodell Bullitt aufpreisfrei dabei. Das kann der am Anfang dieser Geschichte zur Illustration der Preiswürdigkeit herangezogenen Dacia Duster nicht, wohl aber der Lada Vesta. Wir bitten um Verzeihung für diesen dummen Vergleich.
Man erkennt allerdings, dass Vernunftargumente am Mustang Bullitt keinesfalls abperlen. So hat er nur zwei Aufpreisposten, und beide waren auch in unserem Testauto versammelt: Recaro-Sportsitze, also quasi Sport-Sportsitze, denn auch das Seriengestühl erinnert nicht an Küchensessel. Hier allerdings: mit noch ein wenig schraubstockigerem Halt, und weil der US-Amerikaner nicht unbedingt als schmächtig gilt, sitzt man auch als Mitteleuropäer nicht eingezwickt zwischen den seitlichen Wulsten der belederten Sitze. Das Leder ist bei allen Mustangs serienmäßig, aber nur hier sind die Nähte in Montana-Grün gehalten. Feingeister unter den Glühern wissen solch feinziselierte Korrespondenzen zwischen den Teilen eines Autos sehr zu schätzen.
Gleiches gilt für das zweite Extra: das MagneRide-Fahrwerk. Die Flüssigkeit der Dämpfer ändert beim Anlegen eines Magnetfeldes ihre Viskosität, damit wird die Dämpfung bei Bedarf straffer, spielt aber unter unaufgeregten Bedingungen dem Komfort in die Hände. Das alles geschieht natürlich unmerklich schnell, so bleibt der Fahreindruck straff wie erwartet, aber dieser Mustang prügelt nicht, schon gar nicht seine Passagiere.
Er bietet aber einen schönen Ausblick, sogar im Stillstand: Die gebürstete Alu-Blende vor den Passagieren und die vernähten Bezüge des Armaturenbretts und der Türverkleidungen, die Alu-Kippschalter (wir verraten jetzt lieber nicht, dass der Bullitt-Mustang ein Start/Stopp-System hat, sagen aber, das man es ausschalten kann) haben erfrischend wenig mit jenem Eh-wurscht-Plastik zu tun, für das US- Sportler noch vor Jahren völlig zu Recht geprügelt wurden. Das Armaturenbrett ist auch stilistisch ein gut sortierter Volltreffer, da wurde beim Aufräumen viel hinübergekehrt ins Lenkrad, das jetzt etwas überladen dasteht. Lässt sich aber alles beherrschen, sofern man nicht grad mit sehr schnellem Lenken beschäftigt ist.

Gute Inspiration. Ein Luftfilter wie ein Lampenschirm, ein Schaltgriff wie eine Billardkugel und Instrumente wie ein Computerspiel. Klingt nach Flohmarktstand, ist aber eine wunderbare Mischung hochbeschleunigten Aufgeigens. Auch Alu und Leder harmonieren hervorragend, da kann man selbst nicht anders, als sich ins ­Gesamtkunstwerk integrieren. Nahtlos.

Damit die Ablenkung gering bleibt und das Sondermodell dem originalen Bullitt-Mustang möglichst nahe kommt, hat Ford auch die Logos weggelassen: Kein Pony am Auto, so wollte es schon Steve McQueen. Weil nach dem Pferdepflücken ein paar unschöne Leerstellen blieben, findet man dort jetzt ein Bullitt-Logo, das mit seinen Zielscheiben-Zitaten an den Tatort-Trailer gemahnt, aber so unpassend ist diese Assoziation gar nicht.
Man ahnt spätestens hier: Der Mustang ist zwar irgendwie klassenlos, aber auf eine eigene Art und mit leicht plebejischem Einschlag. Er passt allen, vom Jung-Zuhälter bis zum alternden Playboy, vom nicht so stillen Genießer bis zum fröhlichen Abfindungs-Investor (Abfindung alt natürlich). Mit all den Bildern in den umstehenden Kopfkinos kommt man aber ganz gut zurecht, sofern das Selbstwertgefühl halbwegs intakt ist, und bald macht es unglaublichen Spaß, die Umgebung ein wenig zu verwirren: Irgendwann kommt eine Oper auf Ö1, und die 1000-Watt-Soundanlage von Bang & Olufsen kann laut sein. Besonders bei offenen Fenstern.
Nicht so einfach zu beheben ist ein wesentlicher Nachteil des Bullitt-Mustang: Es gibt ihn nicht als Cabrio. Wir hätten wegen dieses Abdriftens vom Original garantiert kein böses Wort verloren.
Wir verlieren ja auch keines wegen der nicht ganz dem Original nachempfundenen Optik des Sondermodells. Wer aber den Bullitt-Mustang dem originalen Filmauto in Eigenregie noch etwas annähern will, kommt recht kostengünstig davon: Das Applizieren von Dellen gelingt mit dem Schnitzelklopfer sicher ganz gut, und ein Exemplar davon ist familienintern sicher am kleinen Instanzenweg auszuborgen; und ein Drahtwaschel zum Mattieren des Lacks ist für weniger als einen Euro zu haben.
Bei Leasingautos ist von beiden Verfeinerungen dringend abzuraten.

shortcut

Was wir mögen
Tanzen auf Asphalt (natürlich auf Privatgrund, andernfalls drohen filmreife Verfolgungsjagden).
Was uns fehlt
Die eigenen Latifundien zum
Spielen. Auf öffentlichem Grund bleiben rund 350 PS ungenutzt.
Was uns überrascht
Welche Sau in uns schlummert.
Perfekt, wenn …
… Geld und Alltagsauto schon im Haus (bzw. davor) sind.
Die Konkurrenz
Tut sich schwer. Nur Corvette,
Camaro oder Dodge Charger schaffen Ähnliches.

daten Ford Mustang

Bullitt 5,0 V8 Fastback
Preis  € 67.950,– (NoVA 32 %)
Basispreis € 49.250,– (NoVA 11 %)
Steuer jährlich € 2.728,44
Motor, Antrieb V8-Zylinder-Benziner (4951 ccm), 6-Gang-Getriebe, Hinterradantrieb.
Leistung/Drehmoment
341 kW (464 PS)/7000/min,
529 Nm/6000/min.
Fahrleistungen 0–100 km/h 4,6 sec, Spitze 250 km/h, Normverbrauch/CO2 16,6/8,8/12,4 l/100 km/277 g/km. Testverbrauch 13,3 l/100 km.
Dimensionen 2+2 Sitze, L/B/H 4794/1916/1381 mm, Tank 61 l, Kofferraum 408 l. Räder 255/40 R 19 vorne, 275/40 R19 hinten.
Gewichte Leergewicht 1599 kg,
Zuladung 433 kg.
Sicherheit Euro NCAP ***/72/32/78/61 % (2017)
Ausstattung 2-Zonen-Klimaautomatik, LED-Scheinwerfer & -Rücklichter, Brembo-Bremssättel rot, B&O-Soundsystem, Klappen-Auspuffanlage, Ledersitze mit grünen Nähten, Alufelgen, Metallic-Lack, Navigation, Alu-Paneel am Armaturenbrett, Berganfahrassistent, Spurhalte- und Fernlichtassistent, Key-Free-System, Rückfahrkamera.
Extras MagneRide adaptive Dämpfung € 2.997,–, Recaro Sportsitze
€ 2.676,–.

 

Vergleichbar

Chevrolet Camaro

Preise € 51.537,– bis 73.973,–.
Motoren 2,0-Liter-Vierzylinder (275 PS), 6,2-l-V8 mit 453 PS.
Der Camaro ist ein Muscle Car wie der Mustang, bringt also brachiale Leistung um vergleichsweise wenig Geld. Laboriert in seiner Einstiegsversion auch am Vierzylinder, ist auch offen zu haben.
 
Dodge Challenger

Preise ab € 43.510,–
Motoren 3,6-l-Sechszylinder (292 PS) & zwei V8 (5,7 l/375 PS, 6,2 l/720 PS).
Noch brachialer als Mustang & Camaro: Bis zu 720 PS, erspart sich und uns den Vierzylinder, ist aber nicht offen zu haben. Exotisch mit exotischer Händlerdichte.


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