Glaubensfrage geklärt

Platz genommen in der neuen Corvette C7 Z06, losgefahren und beinahe nicht mehr ausgestiegen. Ein gutes Zeichen? Und die Klärung der Glaubensfrage.

radical mag
Veröffentlicht am 23.07.2015

Ach was waren das Zeiten. Da war die Corvette erst Kult, dann Zuhälter-Schlitten, später Dickschiff – und heute? Heute ist sie ein echter Sportwagen. Und wenn man die Z06 anschaut, sogar ein Supersportwagen. Man stelle sich nur mal vor, was 659 PS, 881 Nm und nur 1.235 kg Leergewicht bei Ferrari und Co kosten. Ein Vermögen. Die Chevrolet Corvette Z06 hingegen gibt es ab etwa 128.000 Euro. Klar mag man jetzt sagen, dafür gibt einen alten V8-Motor mit Zweiventiltechnik. Wie: vor 30 Jahren. Stimmt, aber es gibt eben zum 6,2-Liter-Brocken auch noch einen Kompressor, Trockensumpfschmierung und den Antrieb auf der richtigen Achse – nämlich hinten. Dazu Keramik-Kompositbremsen, die größer sind als die Räder eines Hyundai i20, Semi-Slicks von Michelin (das alles, im Z07-Paket) und es gibt: richtig feine Sitze. Überhaupt, der Innenraum ist mittlerweile richtig gut gemacht, Alcantara-Lenkrad, perforierte Ledersitze (wieso die perforiert sind, davon später mehr) und ein richtig ausgeklügeltes Data-Recording-System. Noch einmal. Das alles kostet kein Vermögen – alles ist relativ, schon klar. Nur nützt all das Trara nichts, wenn sich das Auto fährt wie der Esel am Berg steht.

Motorsound der Corvette C7 Z06

Also: Start! Welch wohliges Grollen entfährt da den vier Endtöpfen. Nicht so reißerisch wie bei einem Jaguar F-Type, nicht so böse wie bei einem Lamborghini (da kann man jeden nehmen) und nicht so heiser-gierig wie bei einem Ferrari 458 Speciale. Aber der Sound ist enorm präsent, in einer tiefen, angenehmen Tonlage. Allerdings verrät er im Stand nicht, was in dem Triebwerk steckt. Der V8 (LT4) brabbelt vor sich hin, schüttelt sich ab und zu ein bisschen. Nicht wie ein nasser Hund, eher wie eine Kuh, die von Fliegen geplagt wird und mit der Haut zuckt. Und wie wenn die Z07 sagen möchte: verdammt, wir wollen los!

“Hey Bubi, ich hab über 600 PS”

Ich wehre mich zehn Sekunden, dann tue ich der Vette den Gefallen. Wählhebel auf «D» (ja, wir hatten die mit der Achtstufen-Automatik) und keck ans Gas. Und schon ist der Puls auf 160! Völlig ansatzlos dreht der riesige V8 blitzartig hoch. Himmel, wann habe ich das zuletzt erlebt. Es muss bei den AMG-Benzen gewesen sein mit dem famosen 5,5-L-V8 mit Kompressor. Die Vette tritt dir also erst mal in den Arsch, als ob sie dir sagen möchte: «Hey Bubi, ich hab über 600 PS, überleg mal, was du machst.» Also mal etwas sachter aufs Gas, schon ist die Z07 wieder lammfromm. Aber Achtung, lammfromm ist sie im Drehzahlbereich zwischen 800 und 1.600 Umdrehungen. Darunter ist der Motor aus, darüber bricht das Inferno los. Ich glaube ja, eine Dreistufenautomatik hätte der Z07 völlig gereicht. Power hat das Ding einfach immer – was dem Fahrer die Arbeit extrem erleichtert. Oder eben auch nicht. Denn die Power im Zaum zu halten bedarf eines Lenkers, der wirklich auch fahren will.

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© Bild: Werk

Angst- oder Freudenschweiß

Womit wir wieder bei den perforierten Sitzen wären. Die sind nur dazu, den – je nach Fahrkönnen – Angst- oder Freudenschweiß abführen zu können. Im Ernst, mit der Z06 mit Performance-Paket auf öffentlichen Straßen zu fahren bedarf zwar nicht mehr so viel Konzentration wie bei der C6 Z06, aber den Kopf bei der Sache muss man trotzdem haben. Oft haben wir ja schon geschrieben, dass es mit der Traktion der C7 nicht gerade wahnsinnig gut bestellt ist. Und haben die Hauptschuld daran den Serienreifen mit Notlaufeigenschaften zugeschrieben. Nun sind wir sicher: es ist so. Mit dem Michelin Semi-Slicks gibt’s Grip ohne Ende. So viel, dass man trotz fast 900 Nm Drehmoment am Kurvenausgang auf Gas latschen kann, ohne dass die Vette nur noch Pirouetten dreht. Besonders heiß: das Zusammenspiel von Lenkung, Reifen und stark negativem Radsturz an der Vorderachse. Bergab durchs Kurvengeschlängel: eine Wucht. Der amerikanische Brocken tanzt über die kleinen Bergstraßen wie die Primaballerina am Bolschoi. Unfassbar exakt, genau zu dosieren, einfach eine Freude. Das können Ferrrai, Porsche und Co. zwar auch. Aber nochmal: der Preis!

Die Grenzen der Corvette Z06

Erst mit der Zeit wird einem klar, wo die Grenzen dieses Fahrzeugs sind. Zum Beispiel beim harten Herausbeschleunigen aus engen Kurven. Zwar ist wie erwähnt genug Traktion da, aber die schiere Power scheint die Hinterachse doch etwas zu überlasten. Das Heck pumpt zuweilen etwas heftig, nicht gefährlich und auch beherrschbar. Aber ein 458 Speciale macht das nicht. Er kostet ja aber auch das Doppelte. Wie gesagt, wir jammern hier auf extrem hohem Niveau. Das größte Kompliment für das Auto: ich konnte einfach nicht aufhören, obwohl ich längst auf die Toilette gemusst hätte… Keine Sorge, alles gut gegangen, die Sitzperforation wurde nicht missbraucht.

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© Bild: Werk

Verbrauch, ernsthaft?

Noch ein Wort zu den Fahrleistungen: 3,4 Sekunden auf 100 km/h, Topspeed 300 km/h (das Performance-Paket erhöht die Downforce massiv, das killt etwas Höchstgeschwindigkeit, ohne Spoiler soll die Vette 315 km/h rennen) und ein Verbrauch von 14,7 Liter pro 100 Kilometer. Ach ja, Verbrauch. Wir sagen, der ist völlig egal. Wer dem V8 den Sprit nicht gönnt, soll ein GA kaufen. Oder ein Elektrovelo. Aber damit bitte nicht auf den schönen Straßen im Emmental, sondern schön die Leute auf den Hauptstraßen ärgern.

Klären wir die Glaubensfrage

Die Z07 ist einfach ein unglaubliches scharfes Teil, böse, laut, auch eigenwillig. Und sie will gefahren, getreten und benutzt werden. Mit Streicheln hat sie es nicht so. Erst wenn der Rücken des Fahrers nass geschwitzt ist, scheint sie zufrieden. Bleibt noch die Glaubensfrage zu klären. Automatik oder 7-Gang-Handschalter? Für mich ganz klar der Handschalter. Nicht weil die Schaltpaddel am Lenkrad der Automatikversion aus völlig billig wirkendem Plastik sind. Sondern, weil der Wandler einen kleinen Teil des Genusses schluckt. Und auch, weil in diesem Wandler auch ein Teil der Motorbremswirkung verschwindet. Das ist bergab nicht praktisch. Klar, er schaltet schnell, je nach Fahrzustand mit einem Zwischengas-Stoß. Aber ein so echtes Auto braucht in meinen Augen auch ein echtes Getriebe. Aber, es gibt sicher Leute, die sind anderer Meinung.

Vielen Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-mag.com


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