Testbericht: Smart Fortwo elctric drive

Denn darum geht es doch: Um die Leichtigkeit des Seins. Im E-Smart.

21.07.2011 Autorevue Magazin

Travelin’ light, we can go beyond. Travelin’ light, we can catch the wind. Travelin’ light, let your mind pretend. We can go to paradise.
J. J. Cale, „Travelin’ light“

Mit mir ist kein Markt zu machen, glaub ich. Nicht nach der herrschenden Auffassung von marktförderlichen Gesetzmäßigkeiten. Ich will kein dauerndes Wachstum und ständigen Mehrwert. Weil: Wohin dann mit dem Klunker, der Kohle und dem Status-Krempel? Wer nicht von einer ausgesprochenen Bedürfnislage ausgeht, also von einem echten Mangel, einem Defizit, das Ausgleich verlangt, so wie sich trockene Erde Feuchtigkeit aus der Luft holt, der handelt sich durch materielles Streben in erster Linie Belastung ein.

Was man sich nimmt, muss man schließlich auch schultern und unterbringen und versorgen und versichern und erhalten. Was für eine Bürde!

Ich mach es mir lieber leicht. Wenig Besitz, kein Sperrgut, Reisen stets mit leichtem Gepäck. Ich will nicht mehr um mich haben, als ich für gute Beweglichkeit benötige. Am glücklichsten bin ich auf einem Scooter, aber der ist nicht jedem zuzumuten. Auch mir an manchen Tagen nicht. Das Scooter-näheste Hochgefühl stellt sich bei mir seit Neuestem auch in Elektro-Autos ein. Ich bin dann federleicht in meiner Seele. Ganz leise. Freundlich. Knapp bemessen. Kaum spürbar. Oft schnell. Und aufmerksam bei der Sache. Mein Verständnis für Physik kriegt lebensnahen Nachhilfeunterricht, ich übe Kopfrechnen beim Zusammenstellen von Strecken­etappen und teste meine Reflexe im Herausarbeiten von fließtechnischen Vorteilen, mit denen ich den mangelnden Respekt der Limousinenfahrer meinem scheinbar suspekt-alternativen Auftreten gegenüber wettmache und durch Gleiten Energie rekuperiere (ein edles Tun-Wort, es ist ganz neu in meinem Sprachschatz).

Am fröhlichsten hab ich gerade im E-Smart gesungen. Da trifft das genuine Konzept des Kleinseins jetzt auf eine ihm höchst angemessene Antriebsart. Reduzierte Maße, munter beschleunigt, perfekt stadtverträglich, anschmiegsam, frei von jeglicher Be­lastung. Das E-Motörchen hat einen Maximal-Output von 30 kW (Dauerleistung 20 kW), zeigt seine Stärke vor allem im Sprint, schafft aber auch die Wiener Tangente mit Würde. Eine Reichweite von Pi-mal-Daumen 100 Kilometer (die Werksangabe sagt 135, aber das richtige Leben hat seine eigene Berechnung) reicht ein gutes Stück über die Stadtgrenze hinaus. Genau lässt sich das im jeweiligen Augenblick nie sagen, weil dem Smart leider eine Rest­reichweiten-Anzeige in Kilometern fehlt und die Sache steigungs- und temperamentbedingt stets individuell variiert.

Das wiegt aber weniger schwer als befürchtet. Eines der Alien-Augen-Rund­instrumente im Smart informiert ja über den Ladestand der 16,5-kWh-Batterie (Lithium-Ionen selbstredend), die auch nach dem Heimkommen (20 km) immer noch 80 Prozent anzeigt. Und dann versucht man ohnehin nach jeder Fahrt an einer Steckdose anzudocken, Fahrten auf Strom gehen nie ins Blaue, man peilt freiwillig kein Extremmaß an (außer um die Ladung auszuloten).

Das Laden nimmt sich beim Smart im frühen Stadium übrigens schon ziemlich reif aus (der Verkauf läuft erst 2012 an, Preis gibt’s deshalb leider auch noch keinen): Anders als bei bisher getesteten E-Autos hat der E-Smart ein Spiral-Ladekabel, das sich userfreundlich elastisch verhält und unschöne Kabelraufereien vermeidet. Nach dem Anstecken leuchtet ein Ring rund um den fünfpoligen Tankanschluss am Auto rot auf, wenn der Saft auch tatsächlich fließt (man braucht derartige Primärsignale, weil sonst garantiert irgendetwas schiefläuft). Die Praxis lehrt einen auch: Wer immer brav an die Dose geht, hat stets eine volle Batterie und muss nie lange laden.

Das zweite Alien-Augen-Instrument informiert übrigens jeweils über die Strom-Entnahme und das Maß an Rekuperierung. Den maximalen 30 kW bei der Entnahme stehen dabei maximal 10 kW Rückfüllpotenzial gegenüber.
Das Wegfedern aus dem Stehen ist ein feines Erlebnis beim E-Smart (das ist das E-Typische). Einer der Gründe für die Unbeschwertheit und das Singen, weil man sich mit dieser Reaktionsschnelligkeit allerlei Überraschungsvorteile an der Kreuzung verschaffen kann. 120 Nm von Null weg, damit lässt sich auch ein nominell überlegener Neunelfer austricksen, der sein Vermögen erst dann herauszurücken beginnt, wenn du alles, was du hast, schon längst offengelegt hast. Das ist eine Begegnung wie zwischen David und Goliath. Und es ist bekannt, wer den Kampf gewonnen hat.

Siege sind natürlich auch immer eine Frage der Disziplin, in der man sich trifft. Naiv, wer dabei seine Schwächen nicht erkennt. Der Smart spielt mit der Eitelkeit der Selbstbeschränkung: Nur zwei Sitze hat er. Das schließt vieles aus. Man braucht auch nicht glauben, dass sein Lenkrad verstellbar wäre. Und auch wenn er samt Batterien keine 1000 Kilo wiegt (was erstaunlich ist, wenn man weiß, wie unbarmherzig das Verhältnis von Kapazität, ­Kosten und Gewicht bei Akkus geschichtet ist), hat er kein bisschen mehr Stauraum hinter den Sitzlehnen als ein herkömmlich befeuerter Smart. Dafür einen iPod-Anschluss. Auf dass Musik die Stille füllt (und das unschöne Singen der Elektro-Beschleunigung, die dem Smart leider noch anhaftet, übertönt).

Aber das passt schon. Wer seine Grenzen erkennt, denkt über Effizienz nach. Dem Denken folgt dann das Tun. Und mit dem Handeln aus Gewissheit fängt das Singen an. Aus dem guten Gefühl, dass das Sein auch sehr leicht sein kann.

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