Vorstellung: Rolls Royce Ghost

Eine automobile Alternative für vermögende Alltags-Exzentriker, neue Stilsuchende und notorische Verehrer handwerklicher Tiefenschärfe.

01.01.2010 Autorevue Magazin

Wie darf man sich das vorstellen: ein Rolls-Royce fürs breitere Publikum? Sagen wir so: Am Gipfel des Olymp, wo der Phantom parkt, der sich von der 500.000-Euro-Schwelle aufwärts in phantastische Preisregionen stemmt, kommen pro Jahr etwa 1200 erlauchte Herrschaften zusammen. (Heuer waren es weniger, nicht aus Geldmangel, man gab sich bloß bedeckt, während die Druckwelle des Finanzkollapses über die Lande fegte.) Mit dem Ghost erweiterte Rolls-Royce sein Agitationsfeld bis in Regionen knapp über der Baumgrenze, also in immer noch dünn besiedeltes Gebiet, wo man angesichts eines Kaufpreises von 213.000 Euro ab Hof *) keine Miene verzieht. Manche sind Phantom-Besitzer, die sich den Ghost zusätzlich kaufen, andere steigen von fetten Prestige-SUVs oder anderen Luxuslimousinen um.
Größe ist immer eine Verhältnisfrage. Das zeigt sich auch an der Länge. Der Ghost, der von Rolls-Royce ganz unironisch und verhältnisgemäß als Midsize-Modell angekündigt wurde, misst 5,40 Meter in der Länge. Das sind gut dreißig Zentimeter mehr als ein Audi Q7 oder Siebener-BMW, aber eben auch vierzig Zentimeter weniger als der herrschaftliche Phantom. Worin die große Kunst liegt: Wie die Aura des Ghost mit viel Fingerspitzengefühl genauso rolls-roycemäßig dicht gewebt wurde, aber nicht so hermetisch gegen die Einflüsse des Alltäglichen versiegelt ist, wie man das bisher von der englischen Übermarke gewöhnt war. Das ist gemeint mit: sich einem breiteren Publikum annähern.
Das Atmosphärische lässt sich an Gegenständlichem festmachen. Man hat dem Ghost etwa das moderne Entgegenkommen zugestanden, den Fahrer aktiv zu erkennen, was diesem erlaubt, die Türe zu öffnen und den Wagen zu starten, ohne dafür einen Schlüssel in die Hand zu nehmen. Beim Phantom gibt es diese Option nicht, aus Verbundenheit an die Tradition. Dieses Detail sagt viel über die Textur der Gedanken, die man sich zur Veranlagung des Ghost gemacht hat. Mehr Moderne, Weltlichkeit, weniger heiligenmäßige Hausregeln. Und generell eine Einladung an eine buntere Mischung an Lebensmodellen. Während man für den Phantom innerlich eine hochwohlgeborene Haltung einnehmen muss, kann man sich dem Ghost als der nähern, der man ist, und wird dabei auch noch ganz selbstverständlich direkt als Fahrer angesprochen.
Der Wagen hat sein Lebenszentrum hinter dem Lenkrad. Das Arrangement wäre natürlich mit Chauffeur keineswegs fehlfarben, über eine gewisse Exzentrik geht es aber auch nicht hinaus, wenn man selbst fährt. Man nimmt den großen, steil stehenden Lenkkranz in die Hände, setzt den Motor in Betrieb, stellt per Lenkradschaltung die Achtgang-Automatik auf Drive und nimmt Fahrt auf.
Und genau in diesem Fahrt-Aufnehmen kondensiert die ganze Großartigkeit eines Rolls-Royce, die einen Vergleich mit allen anderen 5-Meter-Plus-Limousinen der Welt obsolet macht: Die geräuschlose, schwebende Art der Bewegung, die eigentlich kein Fahren, sondern ein Gleiten ist und in ihrem Vorwärtsdrang so viel Feuer hat, dass man sich fragt, wie die ganze Gewalt der Kinetik sich derart verdichten und trotzdem ein kühler Moment bleiben kann. Für das Gefühl von Getragenheit sorgt die Luftfederung des Ghost, die sensibel alle Erschütterungen und Lastwechsel aus dem Flow herausfiltert und in ihrer Feinnervigkeit sogar darauf reagiert, wenn ein Fondpassagier seine Sitzposition ändert.
Für den Ghost wurde ein eigener Motor konfektioniert, selbstredend ein BMW-Zwölfzylinder, der von zwei Turbos aufgeladen wird und mit Direkteinspritzung arbeitet, was zu einem in diesen Leistungsregionen nahezu bescheidenen Papier-Durchschnittsverbrauch von 13,6 Liter führt. Das 6,6-l-Kraftwerk macht den Ghost immerhin zum stärksten Rolls-Royce der Geschichte: 570 PS, 780 Nm Drehmoment, die quasi ab Standgas abrufbar sind. Von Null auf Hundert geht der fast 2,5 Tonnen schwere Ghost in 4,9 Sekunden, in denen man sich fühlt wie Münchhausen auf der Kanonenkugel, mit dem Unterschied, dass man die Geschichte echt und am eigenen Leib erfährt.
Sobald man die Dimensionen des Wagens in seiner inneren Landkarte verortet hat, baut sich eine überraschend enge körperliche Nähe zum Ghost auf, trotz der erhöhten „Authority Position“, in die man als Fahrer gesetzt wurde. Fahrwerk und Lenkung machen sich gut bei der Treibjagd über die englischen Landstraßen. Der Blick ruht dann nicht mehr entspannt auf den schönen, übersichtlichen Rundinstrumenten, die sogar über die Kraftreserven in den Brennkammern Auskunft geben, sondern fokussiert das Head-Up-Display, das Newcomer wahrscheinlich aus diversen High-End-BMWs kennen. Ebenfalls im Hilfssystem-Portfolio gibt es für den Ghost die Konzern-bekannten Nachtsicht-, Fernlicht- und Spurhalte-Assistenten. iDrive heißt im Ghost natürlich nicht so und greift sich auch völlig anders an, weil bei Rolls-Royce auf Stil, Haptik, Anmutung und Materialien unfassbar viel Wert gelegt wird, was in eine Symphonie von Kipp-, Zug- und Drehschalter-Kunstwerken aus schwerem Metall und transparentem Kunststoff mündet, die anzugreifen ein derart feines Sinneserlebnis ist, dass man die Finger nicht davon lassen kann.
Anders als beim Phantom, den 90 Prozent aller Käufer mit individuell gefertigten Sonderbestellungen aus der Bespoke-Abteilung veredeln, rechnet Rolls-Royce beim Ghost in der Hauptsache mit Lack- und klassischen Interieur-Sonderwünschen. Fünf Holzarten, acht Lederfarben und zwölf Lackierungen werden standardmäßig angeboten. Wer damit
nicht auskommt, kann unter anderem zwischen 44.000 weiteren Lackfarben wählen. 1600 Verträge und Anzahlungen liegen für den Ghost übrigens schon vor, für jede weitere Neubestellung bedeutet das mindestens ein Jahr Wartezeit. Die Produktion läuft gerade erst an, und bei Rolls-Royce lässt sich keiner hetzen: Alleine der Lackaufbringungs- und Poliervorgang dauert sieben Tage.

*) Mit österreichischen Steuern sind das knapp 300.000 Euro.

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