Testbericht: Nissan Qashqai+2 2,0 dci

Eine Geschichte, die das wirkliche Leben schrieb: Allerweltstyp kommt innerhalb eines Jahres ganz groß raus.

01.01.2010 Autorevue Magazin

Bei dem Reifegrad, den Autos heutzutage erreicht haben, darf man ruhig die Frage stellen, ob Dauertests überhaupt noch zeitgemäß sind. Es passiert ja ohnehin kaum mehr was, so auch beim Nissan: Nach dem kaputten Heckklappenschloss zur Halbzeit riss der Qashqai die letzten 20.000 Kilometer wie nix runter. Auf der Zielgerade begann der Fahrersitz ein wenig zu wackeln, aber da waren wir schon zu faul, um entweder in die Werkstatt zu fahren oder selber einen Schraubenschlüssel in die Hand zu nehmen. Und ehrlich, wir haben auch nicht erwartet, dass mehr passiert.

Es kann bei einem Dauertest also längst nicht mehr um die Fehlersuche gehen. Vielmehr ist der Nissan das beste Beispiel dafür, dass die ein, zwei Wochen, die wir im Normalfall mit einem Auto verbringen, einfach nicht reichen, um seine Seele freizulegen.

Bei unserem Qashqai+2 ging das soweit, dass die Frage nach seinem Charakter in der Redaktion anfangs höchstens betretenes Schweigen ausgelöst hätte. Der mausgraue Lack schien irgendwie gleich Programm zu sein. Unscheinbar bis zur Selbstverleugnung stand er da. Von der Definition her ein SUV, aber ohne jede Macht im Auftritt. Nicht wirklich groß, nicht wirklich kompakt. Schmuckloses Design ohne jede Offroad-Folklore, die Verarbeitung okay, aber Premium sieht anders aus, fühlt sich anders an.

Nach der ersten Runde um den Block war auch klar, dass der Qashqai kein geborener Vergleichstest-Gewinner ist: Das Fahrwerk ist teigig, und die Lenkung vermittelt eher das Gefühl von ungefähren Richtungsänderungen. Motor & Getriebe? Vorhanden. Man sitzt fast so unbeteiligt drinnen wie in einem öffentlichen Verkehrsmittel, nur dass man halt selber Fahrtrichtung und Geschwindigkeit bestimmen muss.

Im Grunde sind Autotester ein verwöhntes Pack, ständig auf der Suche nach dem spe­ziellen Kick. Davon hat dieser Qashqai+2 genau nichts zu bieten. Aber schon bald ­lernten wir, dass darin sein wahrer Charakter, sein besonderes Können liegt. So ein Qashqai+2 passt nämlich immer und nervt nie.

Der Zweiliter-Commonrail-Diesel kommt nie über ein Staubsauger-Summen hinaus, die Sechsgang-Automatik bleibt in jeder Lebenslage ­butterweich. Aber eben diese Belanglosigkeit der Antriebs-Combo ist das beste, was dir nach einem langen Arbeitstag voller interessanter Herausforderungen (Probleme wurden im modernen Management ja bekanntlich abgeschafft) passieren kann, wenn der Schädel brummt und man einfach nur heim will.

Im Stadtgewurl sorgt die erhöhte Sitzposition für Entspannung, auf der Autobahn erweist sich der Federungskomfort als exzellent. Überhaupt Lang­strecke: Man lümmelt sich rein in den Nissan, steigt nach sechs oder acht Stunden aus, streckt einmal das Kreuz durch, und das war’s. Keine besonderen Vorkommnisse. Im Kilometerfressen kann der Qashqai+2 mit den ganz Großen mithalten.

Zum Theorem der idealen Größe gehört, dass man an praktisch keinem Parkplatz vorbeifahren muss, und trotzdem passen beim Baumarkt ganz unglaubliche Dinge rein. Ebendort ließe sich der Aha-Effekt sogar noch steigern, wenn es eine umlegbare ­Beifahrersitzlehne gäbe, der ­ein­zige Makel an der Lade-Universalität. Im Grunde haben wir es trotzdem mit einem echten Raumwunder zu tun: Der Qashqai+2 ist zwanzig Zentimeter kürzer als ein ­Passat Kombi, bietet aber vergleichbare Platzverhältnisse und den Bonus der dritten Sitzreihe im Laderaumkeller. Der Streit über deren Sinnhaftigkeit hat sich in Redaktion bis zur Rückgabe des Nissan nicht gelegt, die Befürworter haben es erstaunlicherweise öfter mit dem Management mittlerer Kinderhorden zu tun. Und prinzipiell gilt ja: Mit den Möglichkeiten kommen die Gelegenheiten.

Insgesamt muss gesagt ­werden: Schwere Empfehlung für die +2-Option, die schlägt sich zwar mit rund 2.200 Euro ­nieder, macht aber aus dem Qashqai erst dieses schweizermesserhafte Universalwerkzeug. Und auch im Fahr­komfort lässt sich ein deutlicher Gewinn gegenüber dem Kurzen erkennen.

Das Interior wärmte trotz Maximalausstattung nicht gerade das Herz, wir erwähnten es bereits. Aber wir haben unserem Qashqai transportmäßig wirklich nichts geschenkt, und es zeigte sich immerhin, dass die Materialien unglaublich hart im Nehmen sind, so wie eigentlich das ganze Ding.

Als Zeichen dafür, dass wir den Nissan nicht geschont haben, darf auch gelten, dass wir gegen Ende den Verbrauch doch noch etwas über die neun Liter getrieben haben. Aber 9,1 Liter als echter Alltagswert sind mehr als okay für ein mittelgroßes SUV.

Was wir ändern würden? Nachdem der Prozess des Zusammenwachsens abgeschlossen war, ließen wir ­absolut nichts über das teigige Fahrwerk, die indifferente ­Lenkung, den konturlosen Antrieb kommen. Die Bedienung des Bordcomputers ist ziemlich verschistelt, und die Materialien könnten hochwertiger wirken, aber das war’s auch schon. Gute Typen können sich nämlich kleine Schwächen leisten. Und dass die Substanz schwer in Ordnung ist, ergab letztlich auch die Abschlussuntersuchung beim ÖAMTC.

Unterm Strich war es also kein gutes, sondern sogar ein exzellentes Jahr. Wer hätte das gedacht?

Mit unserem Autopreisrechner alle Preise für Neu- und Gebrauchtwagen gratis berechnen!
Mehr zum Thema