Testbericht: Nissan Cube

Zehn erstaunliche und manchmal sogar nutz­bringende Wahrheiten über das allerneueste komische Automobil.

26.03.2010 Autorevue Magazin

1. Der Nissan Cube verleiht seinem Fahrer Würde und Ansehen.
Während Fahrer mit Hut in ­anderen Autos nur Punktelieferanten für das Klischee Fahrer mit Hut sind, werden sie im Cube zum ­Gesamtkunstwerk. Aber auch Fahrer ohne Hut sind willkommen. Ihrem Auftritt kommt positiv zupass, dass sie vom Auto zu keinerlei unwürdiger Bewegung (Bücken, Verwinden) gezwungen werden. Sie betreten es einfach, ­betätigen den Starter und konzentrieren sich auf ihr Ziel. Und zwar absolut uneitel und nur auf das Ergebnis bedacht.

2. Der Nissan Cube sieht hinten aus wie Jennifer Lopez.
Das sagt zumindest der Chefdesigner des Autos. Okay. Dann sieht er aber vorne wie Fred Bertelmann aus („Der ­lachende Vagabund“, „Meine kleine, süße Susi“). Und von der Seite wie der Zeiserl-­Express im Prater. Und? Schlecht? Sowohl Bertelmann wie der Zeiserl-Express sind Marken mit ­hohem Sympathiewert und starkem Qualitäts-Asset in ­einem immer kälter werdenden Konkurrenz-Umfeld. Am Spannungsbogen zwischen diesen und der eher sexuell konnotierten Lopez lässt sich weitgestreut punkten.

3. Der Nissan Cube ist ein riesengroßes Auto.
Der Cube, das heißt Würfel, ist aber kein Würfel, sondern eine Art Kiste mit vorne einem hineingebissenen Eck. Die Raumausbeute ist maximal. Man merkt das sofort, wenn man einsteigt – nämlich steigt man sofort wieder aus, um nachzuschauen, ob man sich nicht getäuscht hat. Nein, man hat sich nicht getäuscht: Der Cube ist außen ein echt kleines Auto. Drei Zentimeter länger als ein Polo. Innen aber: irgendwie das Raumgefühl von zwei ­Polos. Zwei gefühlte Polos also.
Der Trick ist einfach und macht in seiner Umkehrung Dachwohnungen immer kleiner, als sie der Fläche nach sind: Es geht hier wie dort um den Verzicht auf die Dachschrägen, das ist alles. Freilich ist die Decke nicht in allen Richtungen lang genug: Zieht man sie oben über den Kopf, schauen unten die Zehen raus, oder anders: Bei maximaler Beinfreiheit hinten – die Rücksitzbank ist um 25 cm längsverschiebbar – bleiben nur 260 Liter Kofferraum übrig. Klappt man sie um, werden daraus 1563 Liter.

4. Vor allem im Stand ist der ­Nissan Cube sehr windschlüpfig.
Beim Fahren lässt diese Fähigkeit mit steigender Geschwindigkeit nach. Weil es keine Dachschrägen gibt. Im Cube braust es ab 70 km/h, dass man meint, draußen tobt ein Orkan. Dabei ist es windstill, wie ein Blick auf Bäume und Fahnen mitteilt. Das Brausen ist auffällig, aber nicht besonders laut, man wird sich also daran gewöhnen. Sowieso ist der Cube eher für den Nahverkehr gedacht.

5. Der Nissan Cube wird nie ein Kult-Auto werden.
Fast nur schlechte und dumme Sachen werden zum Kult. Jene, die das betreiben, betreiben es vor allem, um sich hinterher darüber ins Fäustchen zu ­lachen, wie leichtgläubig die Menschen doch sind. Ist eine Sache aber gut und gescheit, erhält sie Bestand alleine dadurch. Den Cube beziehungsweise sein Bauprinzip zählen wir zu dieser Gruppe.

6. Der Innenraum des Cube ist nach einem Jacuzzi gestaltet.
Es fehlen zwar Zu- und Abfluss. Dafür gibt es viele Düsen, wo Luft hereinkommt, was bei einem Jacuzzi ja auch der Fall ist. Nissan denkt bei seinem Vergleich mit der Badewanne vor allem ans Wohlfühlen. Dafür sorgt einmal der vorhandene Raum. Sodann die vielen Ablagen, je nach Wunsch sogar eine aus einer Art Teppichstoff, der kleine Gegenstände festhält wie ein Klettverschluss. Der Cube ist lichtdurch­flutet, was vom aufpreisfreien Glasdach kommt. Die Frühlingssonne kann man mit einer verschiebbaren Reispapier-Imitation abwehren. Für die aggressivere Sommersonne lässt sich auch eine blickdichte Abdeckung vorziehen.

7. Der Nissan Cube hat keine innovative Heckklappe.
Darauf, dass die Heckklappe wie eine Kühlschranktür öffnet, sind sie bei Nissan stolz. Was soll daran super sein? Gut, wenn es regnet, hat man beim Einladen kein Dach überm Kopf, aber sonst sehen wir keine wirklich großen Vorteile (für den Fall, dass knapp dahinter ein Auto parkt, haben andere schon längst die teil­öffnende Klappe bzw. das öffnende Heckfenster erfunden).

8. Der Nissan Cube hilft uns dabei, Individuen zu sein.
Es gibt für dieses Auto zahlreiche Extras, die eigentlich keine richtigen Extras sind, sondern eher Accessoires, vielleicht sind wir bald soweit, Apps dazu sagen zu müssen. Der erwähnte Befestigungs-Teppich gehört da ebenso dazu wie ­diverse Schmückungen innen und außen. Das Thema Ausstattung wird mit drei Ausstattungs­paketen bewältigt: Zen (842 Euro, Klimaautomatik, Regensensor etc.), Iki (648 Euro, Leichtmetallfelgen etc.) sowie Kaado (855 Euro, Navi, USB, Rückfahrkamera etc.).

9. Fahrspaß ist beim Cube nicht das Wichtigste.
Von den Windgeräuschen war schon die Rede. Wenn man will, kann man die leicht durch einen beherzten Tritt aufs Gaspedal mit dem Motor über­tönen, in unserem Fall der 1,6-Liter-Benziner mit 110 PS, kombiniert mit einer gut, aber nicht ganz perfekt arbeitenden CVT-Automatik. Für die Stadt und das nähere Umland ist das eine gute Kooperation – die sehr leichtgängige Lenkung und die relative Wendigkeit des Autos verbunden mit kleinwagenmäßigen Parkplatz-Vorteilen weisen ihm dieses Revier zu. Stimmige Fahrziele: Supermarkt, Shoppingcenter, Kindergarten, Schule, Eishalle. Ab April wird es auch einen Diesel mit ebenfalls 110 PS ­geben (rund 2.000 Euro teurer), von dem wir uns aber ­keinen dramatischen Komfortgewinn erwarten. Es versteht sich aus Form und Auftrag des Cube, dass wir von Kurven­verhalten und Ähnlichem nicht weiter reden müssen: Es ist vorhanden und fällt nicht weiter auf.

10. Der Nissan Cube stellt nicht den Anspruch, die Mobilität neu zu beleuchten.
Kein alternatives Antriebs­konzept, keine Ideen zur Vernetzung des Autos in größerer Community. So gesehen ist der Cube kaum weniger konservativ als ein Toyota Corolla. Die Kirche aber im Dorf zu lassen ist angesichts der Hysterie, die andernorts betrieben wird, kein unsympathischer Zug.

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