Morgan Threewheeler 3wheeler
Kein Bild aus den Pioniertagen des Automobils.
 

Testbericht: Morgan Threewheeler

Wir verlassen die Komfortzone und werfen mit dem Morgan 3Wheeler alles über Bord, was der Intensität des Empfindens im Weg ist: Die Karosseriemasse, die Wohlfühlelektronik und zum vollen Vergnügen auch das vierte Rad.

26.05.2012 Autorevue Magazin

Den Motor trägt der Threewheeler vor sich her wie eine Monstranz, außen liegend, die chromglänzenden Kühlrippen direkt im Fahrtwind: ein mächtiger V2-Zylinder aus einer amerikanischen Traditions-Manufaktur, aus einem Umfeld also, das alles in sich trägt, was die moderne Fahrzeugindustrie gerne wegradieren würde in ihrem neu erlernten Sauberkeitsfimmel. Hier wird in Brennkammern, die groß sind wie Kathedralen, nach altem Ritus Benzin verfeuert, in einem heiligenmäßigen Spektakel, das sich als herrlich basslastige Klangwolke um das Fahrzeug legt und den Fahrer auf einer gigantischen Endorphin-Welle fortträgt.

Der neue Morgan Threewheeler beweist in Sekundenschnelle, was die Sucht nach Hygiene anrichten kann: Sie killt die Intensität. Tausche ein Gramm reifen Rohmilch-­Camembert gegen eine Tonne geschmacklosen Industriekäse. Wenn es nicht ums Überleben geht, ist das doch das beste Sparprogramm – wenig vom Besten. So geht das nämlich, das Glücklichsein.

Morgan Threewheeler 3wheeler

Auch wenn sie vielleicht nicht zum wirtschaftlich großen Erfolg taugt, ist diese Erkenntnis grundlegend. Sie hat diesen Threewheeler geboren. (Wiedergeboren eigentlich, die Geschichte vom historischen dreirädrigen Morgan ist in der AR 9/2011 nachzulesen). Ein Amerikaner aus Seattle hat vor ein paar Jahren auf eigene Faust einen bemerkenswerten Threewheeler-Prototyp gebaut, von dem Morgan Wind gekriegt hat. Die Engländer kauften dem Amerikaner die Entwürfe ab, entwickelten das Fahrzeug weiter und präsentierten heuer in Genf das serienfertige Modell.

Angetrieben wird der neue Threewheeler von besagter V2-Monstranz, einem Motorrad-Motor mit 1983 Kubik. Dieser sogenannte X-Wedge-Motor wird seit 2007 beim Harley-Zulieferer S&S in Wisconsin/USA gebaut. Er hat einen Zylinderwinkel von 56,25 Grad, eine solide 20-kg-Kurbelwelle und riemengetriebene Nockenwellen. Im Threewheeler leistet der elektronisch eingespritzte Motor 82 PS und bringt 140 Nm Drehmoment aufs Hinterrad.

Ein Hinterrad, genau. Und da fängt der Spaß so richtig an, die Freude an der ungeraden Zahl. Der Morgan Threewheeler ist kein Auto und kein Motorrad. Er hat vielmehr das Gute von beiden und kippt dazu noch in seiner Bauart völlig aus der Zeit. Aus welchem Jahr dieser Oldtimer denn stamme, wird man an jeder Ecke gefragt. Brandneu ist er, entgegnet man, und damit ganz frei von den Macken der Vorvergangenheit, mit denen sich eben nicht jeder Liebende herumschlagen will.

Konsequente Zeitverschiebung: Das Anlassen des Motors ist auch irgendwie von ­gestern. Erst muss man kampffliegermäßig eine Schutzkappe nach oben klappen und dann den Start-Knopf einige Sekunden lang gedrückt halten, bis der Motor mit behäbigen Kolben-Schlägen zum Leben erwacht. Bloß kein Gas geben ­dabei! Wie bei einem Motorrad, falls jemand einschlägige Erfahrung hat.

Die Kupplung greift plötzlich. Am Anfang quietscht bei jedem Anfahren der Hinterreifen, und das Heck geht einem beim Abbiegen quer. Auch in Kurven. Das lädt nachgerade zum Driften ein. Im Threewheeler gibt es keine Assistenten und Wächter, keine Sensoren, kein Niederregeln, keine Fangleinen. Da ist der Fahrer und die Maschine, die sich ­alles alleine miteinander ausmachen müssen. Der Kurvenspeed wird durch die Oberkörpermuskulatur bestimmt, es gibt keine Servounterstützung bei der Arbeit am 14-Zoll-Lenkrad. Der Nichtkönner scheitert an der Anstrengung, den Lenkwinkel in einer ungünstigen Armstellung nachjustieren zu müssen.

Morgan Threewheeler 3wheeler

Der Threewheeler ist überhaupt eine Ganzkörpererfahrung: das Lenken, die Bein­arbeit, der sagenhafte Sound, der über die seitlich am Rumpf entlang geführten Auspuffrohre an die Ohren geführt wird, und – der Wind. Zwei kleine Plexiglas-Scheiben teilen den Fahrtwind vorzüglich. Sie lassen genau so viel an Fahrer und Beifahrer heran, wie es diesem radikal reduzierten Fahrzeug angemessen ist. ­Völlige Stille wäre lächerlich. Gleichzeitig sind aber Geschwindigkeiten von 120, 130 oder so mühelos auszuhalten. Brille und Kopfbedeckung sind freilich zu empfehlen, des Staubs wegen und der Insekten. Einen Helm zu tragen, gar ­vielleicht mit Visier, sähe aber lächerlich aus.

Eine hochfeste Rohrrahmen-Konstruktion umgibt den Fahrer, und zwei Überrollbügel schützen den Kopfraum. Man sitzt auf angenehm gepolsterten Ledersitzen, ohne Kopfstützen, bedient rechts ein knackiges Fünfgang-Getriebe (Mazda MX-5) und hupt bei Bedarf über einen kleinen Kippschalter am Dashboard.

Das Cockpit ist eng. Alleine ist das kein Problem, als Beifahrer wünscht man sich aber nur Elfen, Kinder oder andere geliebte Wesen. Türen gibt es keine. Man steigt von oben ein, wenn geht, elegant. Mit ein bisschen Übung muss man dafür nicht das Lenkrad abmontieren. Die Karosserieseiten sind an der Oberkante gepolstert und mit Leder überzogen, da der jeweils straßenseitige Arm aus Platzgründen meist außerhalb des Fahrzeugs untergebracht werden muss.

Auch Dach gibt es keines, was aus dem Morgan Threewheeler noch mehr einen der spar­samsten Sportwagen macht, und zwar ganz ohne Verbrauchsreduzierungsmaßnahmen. Mit so einem Fahrzeug frisst man nicht achtlos Kilometer. Jeder Ausflug wird wohlüberlegt sein. Wetter, Zeit, Befindlichkeit müssen passen. Dann aber: Die reine Essenz des Fahrens, jeder Moment ein Abenteuer. Und 46.000 Euro? Die Hürde ist zu nehmen. Leichter als andere, auf denen vielleicht auch Morgan steht oder Lotus oder KTM oder – in warnender Flammenschrift – der Name irgendeines gebrauchten Exoten.

Mit unserem Autopreisrechner alle Preise für Neu- und Gebrauchtwagen gratis berechnen!
Mehr zum Thema