Goldie Oldie.
 

Testbericht: Morgan 4/4 Sport

Früher war nicht alles besser, aber vieles gut, was heute noch gut wäre, hätte man es in Ruhe gelassen. Beweis: Morgan 4/4.

23.07.2011 Online Redaktion

Weil die Motorhaube aussieht, als läge ein Reihen-Achtzylinder darunter. Weil das Heck witzig ist und an einen Schwimmwagen erinnert. Weil 165/80er-Teerschlitzer samt Speichenfelgen zeitlos sind. Weil es Spaß macht, wenn 880 Kilogramm auf 112 PS treffen. Gute Gründe, den Morgan 4/4 in diesen Test mit aufzunehmen, die aber alle zu Banalitäten verkommen, wenn man den wahren Stein des Anstoßes erklärt: Der Morgan 4/4 feiert heuer 75-jähriges Jubiläum. Ganz recht. Er hat einen Weltkrieg, mehrere Wirtschafts-, Öl- und Währungskrisen als auch den Thatcherismus überlebt. 1936 fuhr der erste 4/4 aus der Garage, bis heute folgt ihm einer nach dem anderen (etwa 700 pro Jahr) – natürlich modernisiert, aber konzeptionell unverändert. Verneigt euch.

Auf dem Leiterrahmen aus Stahl (mittlerweile verzinkt) steht ein Karosseriegerüst aus Eschenholz, das die Karosserieteile trägt (Aluminium). Ließe man den Motor weg, man könnte auch Pferde davorspannen, ohne einen Stilbruch zu begehen. Dieses Konzept des Ursprünglichen hatte eine Renaissance nie nötig, weil es niemals aus der Mode gekommen ist. Es passte immer in die Zeit.

Nicht der Wagen passte sich an, der Fahrer tut es. Beispiel Lenkradhaltung. Fünfzehn-Minuten-vor-Drei ist die letztgültige Stellung. Jemand, der sich gut auskennen muss und deswegen als letzte Instanz in dieser Frage gilt, hat das mal so beschlossen.

Das war aber nicht immer so. In der Vor- und frühen Nachkriegszeit war eine Haltung populär, die man, wenn man bei der Uhr bleiben will, als Vier-Uhr-Vierzig bezeichnen könnte. Heute versteht man auch warum. Der Wagen lässt gar nichts anderes zu. In ihn kannst du dich oder deine Hände nicht posi­tionieren, wie du willst. Das macht der Morgan alles für dich. So wie eine strenge, aber liebende Mutter ihr Kind zu Bett bringt und zudeckt.

Links die Tür, rechts der Beifahrersitz, beides ansatzlos. Für die Viertel-vor-drei-Stellung wäre nur theoretisch Platz. Bequemer ist die Vorkriegs-Variante. Dann kann man auch die Arme auf dem Schoß ablegen. Das soll es dann aber erstmal gewesen sein mit Luxus. Der ­Morgan umgarnt einen mit tough love. Kein ABS, kein ESP, von der angesprochenen Aufhängung ganz zu schweigen. Diese Kombination fährt sich überraschenderweise wie ein Auto. Zwar nicht ­mercedesk, aber immerhin.

Schlaglöcher werden dem Fahrer geradezu dreidimensional in den Hintern gestanzt, und die Hinterachse weiß noch vor dem Fahrer, was das Auto gleich tun wird. Das macht aber nichts, weil man praktisch auf ihr drauf sitzt und es als Erster erfährt.

Der Ford-Motor schöpft 112 PS aus vier Zylindern. Daher auch der Namenszusatz 4/4 – die zweite Ziffer steht für die Zahl der Räder, denn bis 1936 waren bei Morgan deren drei Standard. Weil der Morgan nur 880 Kilo wiegt, kommt man auf ein Leistungs­gewicht von 7,8 Kilo pro PS. Damit liegt er zwar, zum Vergleich, über dem Niveau eines Golf  GTI (6,7 Kilo), der Morgan kommt aber deutlich fettfreier daher. Man sticht ohne Ansage vorwärts. Erster Gang. Zweiter. Dritter. Zackzackzack. Der fünfte Gang ist allerdings überflüssig. Selbst die Geschwindigkeit halten kann man in ihm nur unter Laborbedingungen. Beim vierten ist also sogar auf der Autobahn Schluss. Dafür gibt es aber weder ein Haken noch ein Klemmen und praktisch keine Schaltwege.

Für das Fahrerlebnis griff Morgan in die Trickkiste. Das Gaspedal wurde weiter hinten montiert als Bremse und Kupplung. So stehen sich die Füße nicht im Weg. Komfortdetails gibt es auch. In einer Art großem Handschuhfach, das dort liegt, wo bei anderen Autos der Kofferraum ist, lassen sich die Steckfenster verstauen. Wer das Dach zu Hause lässt, kann Gepäck mitnehmen. Was die bessere Wahl ist, weil das Dach nur partiell vor Wind schützt.

Die Evolution wird diesen Makel nicht beheben. Auf ewig wird der Morgan uns die Haare zersausen. Auch noch, wenn wir in fünfzig Jahren mit einem nagelneuen 4/4 in unserer Freizeit all die chinesischen Elektroautos auf der Autobahn panieren.

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