Lister-Jaguar BHL 16 auf einer Landstraße
Die Furie fährt wieder
 

Die Furie: Jaguar BHL 16

Der Lister-Jaguar BHL 16: 1958 von Kjell Qvale aus England importiert, dann verschollen, später wieder aufgetaucht und schließlich komplett restauriert.

13.08.2013 radical mag

 

«Lacking the long-awaited E-type, Coventry’s hopes rest with the Lister-Jaguar,» titelte Stephen Wilder in «Sports Cars Illustrated» im Juli 1958 seinen Artikel zum damals wohl sensationellsten englischen Rennsportwagen, dem Lister-Jaguar. Und Road & Track titelte im May 1958 «Lister Jaguar, lower, lighter and more in demand». Dieser Enthusiasmus für einen heute beinahe unbekannten Namen erstaunt an sich wenig, hatte doch Archie Scott Brown, zuweilen synonym mit Lister genannt, im vorigen Jahr in englischen Rundstreckenrennen von 14 Starts 12 gewonnen (und wurde zweiter in einem weiteren). Zahlreichen andere, Moss, Salvadori, Bueb, Gregory, Shelby, Cunningham, hatten alle mit einem Lister-Jaguar die Szene aussergewöhnlicher Autos an wichtigen Rennen bereichert. Kein Wunder: Lister-Jaguar waren den damals gängigen Rennsportwagen wie Aston Martin DBR/1 und DB3S, Maserati Bird Cage, Jaguar D-Type, zumindest ebenbürtig.

Die De-Dion-Hinterachse

Motor und Getriebe wurden vom Jaguar D-Type übernommen, so war Chassis, Aufhängung und vor allem die aussergewöhnliche Aussenhaut, welche sich gleichsam einer engen Haut über die Mechanik schmiegte, die Kreation von Brian H. Lister, oberster Verantwortlicher von George Lister and Sons, einer von seinem Vater gegründeten Ingenieur Firma an der Abbey Road im englischen Cambridge. Was am Lister-Jaguar dem Kenner aber zuerst ins Auge stach, war die aufwendig gebaute De-Dion-Hinterachse. Wohl in einer geradezu akademisch sauberen Bauweise wurde Antrieb, Bremse und Aufhängung entkoppelt. Resultat: eine ungeheure «stickability» (zu deutsch wohl «Klebrigkeit»). Der Lister-Jaguar klebte förmlich auf der Straße. Wenn immer es zur kurvenreichen Strecken kam, hatte der Lister-Jaguar die Nase vorne.

Der auf diesen Bildern zu sehende Lister-Jaguar BHL 16 wurde im November 1958 von Kjell Qvale aus England importiert. Die Chassis-Nummer wurde wie bei anderen Lister-Autos aus steuerlichen Gründen nicht wie aus der logischen Abfolge richtig mit BHL 116 bezeichnet, sondern mit der Nummer eines sehr frühen, völlig anders gebauten und schon in jenen Jahren lange nicht mehr existierenden Chassis eines Lister-Bristol, BHL 16, eingestanzt. Die Literatur jedoch gibt sich konsequent: Sie gibt die an sich korrekte Nummer, BHL 116, an (BHL für Brian H. Lister). Qvale hat das Auto unmittelbar nach Erhalt an den bekannten Rennsportwagenfahrer, Jack Flaherty aus Salinas, Kalifornien, weitergegeben, wir vermuten lediglich für Rennzwecke ausgeliehen, denn Qvale war es daran gelegen, sich selbst ein Competition Department – so etwas wie seinen eigen Rennstall – aufzubauen. Während der nächsten vier Jahre wurde der Lister-Jaguar sehr aktiv in Kalifornien an Rennen eingesetzt. Ein zweiter Fahrer von BHL 16 war Chuck Howard. Er muss das Auto zu Beginn der Jahres 1960 von Flaherty übernommen haben. Ob er dazu im Rahmen von Kjell Qvale’s Competition Department beauftragt wurde oder ob er das Auto gekauft hatte, ist heute nicht auszumachen.

Die Rettung des Lister-Jaguar BHL 16

Die Zeit nach 1961 ist kaum mehr zu überblicken. Während 5 Jahren schien das Auto „verschollen», tauchte aber im Jahre 1966 wieder auf. In der Zwischenzeit hatte es zumindest einmal die Hand gewechselt, gelangte zuletzt im Besitze eines Jack Edward Capehart. Aus nie klar geworden Gründen kam er in jenem Jahre zu Tode – nicht etwa bei einem Autounfall, sondern eher in einer Streitigkeit mit einem Konkurrenten. Die Mutter, Minnie Capehart, überließ das unerwünschte Erbgut seinem Schicksal. In einem Obstgarten im hinteren Teil ihrer bescheidenen kleinen Farm im südlichen Oklahoma blieb er liegen, der allmählichen Verrottung preisgegeben. Und dann die Rettung: Hätte nicht im Spätherbst 1973 ein High-School-Student, der sich sein Schulgeld als Angestellter in einem Ersatzteile-Lager verdiente, von einem «old racing car on some farm» gehört.

In der July 1994 Ausgabe der amerikanischen Zeitschrift «Automobile» wird die Auffindung dramatisch geschildert. Der junge Mann radelte mit seinem Fahrrad während einem halben Jahr durch die Gegend, um möglicherweise einen Hinweis auf einen verlockenden Fund zu erhaschen. Und wurde im April 1974 fündig. Nicht nur fand er ein einen Rennsportwagen einer ihm damals nicht bekannten Marke, stark verwittert und durch die Unbilden der Natur arg in Mitleidenschaft gezogen, doch recht komplett erscheinend. Unweit davon einen Motor, der sich später als Wideangle-D-Type Triebwerk entpuppte. In einer in der Nähe liegenden Scheune entdeckte er weitere Einzelteile. Nach  Verkauf seines Motorrades und anderer Besitztümer konnte er zum Kaufe schreiten, benötigte allerdings als 17-Jähriger zwei autorisierende Unterschriften. Als er auf einem Hänger nach Hause brachte, was an sich ein vollständiger Lister-Jaguar war, wurde er von seinem Vater – gelinde gesagt – unsanft empfangen. Er solle erst seine Studien beenden und «etwas werden», bevor er sich an die Wiederinstandstellung wagen würde. Was der junge David Reynolds damals als Undank der Welt empfunden haben mag, fügte sich Jahre später als echter Glücksfall.

John Harden

Als er finanziell auf eigenen Füssen stand und eine aufwendige Restauration ins Auge fassen konnte, war es acht Jahre später. Er machte sich auf die Suche nach einem geeigneten Fachmann, der es alles richten sollte. Auf Anraten seines Bruders sollte er sich einmal in Oklahoma City umsehen, damals, wie er sich heute erinnert, für ihn das Zentrum der Welt. Jemand würde dort Sportwagen in Ordnung bringen, wurde ihm berichtet. Er fuhr hin und traf auf John Harden. Erst wollte der wenig von der Restauration eines alten Automobils wissen. Doch als ihm ein Foto des Objekts gezeigt wurde, soll er, so David, einen Augenblick still geworden sein. Dann erhellten sich seine Züge und alles andere lief im Eiltempo ab. Er solle den die Teile des Lister, welche hinter dem elterlichen Haus unter einem Tarpolin geschlummert hatten,  möglichst rasch herbringen und ja, man könne sich einigen, so nach und nach das Auto fachgerecht zu restaurieren, zeitmäßig seinen jeweiligen pekuniären Verhältnissen angepasst.

Es war ein unglaublicher Zufall und doch wahr: Wenngleich nicht gerade in einem automobilhistorischen Mekka situiert, gilt John Harden weltweit als der beste und bekannteste Restaurator der Marken Allard und Lister, vielleicht mit Ausnahme von einem oder zwei Engländern. Was über die Jahre entstand, ist wohl aus fachmännischer Sicht der am besten restaurierte Lister-Jaguar überhaupt. Der Fortschritt sei langsam gewesen, berichtet Reynolds, nicht wegen John’s Fähigkeiten, sondern weit eher auf Grund der Verfügbarkeit seiner finanziellen Mittel. Alle Komponenten sind original geblieben: Original-Chassis, originaler Motor, so wie er gefunden wurde (mit der Einschränkung, dass der ursprüngliche Block in den frühen 60er Jahren durch einen ausgebrochenen Pleuel zerstört worden ist und durch einen damals neuen Jaguar Block von wiederum 3.8 Lt. Ersetzt wurde), Original Wideangle D-Type-Kopf, Original Weber 45DC03 Vergaser, Original-Instrumente, Original-Getriebe, Hinterachse, Lenkung, und so weiter.

1992 wieder auf der Rennstrecke

Was an Karosserie-Teilen nicht mehr verwendet werden konnte, wurde ersetzt, die weggeschnittenen Teile sorgsam aufbewahrt und dem heutigen Besitzer (in einer von einem einzigen Manne tragbaren Kartonschachtel) übergeben. Nach Ende der Restauration im Jahre 1992 wurde der Lister-Jaguar BHL 16 wiederum auf die Rennstrecke gebracht. An den historischen Rennen von Laguna Seca im August sollte eines der großen Erlebnisse des wiederauferstandenen Lister-Jaguar werden. Loris Tryon, Hauptorganisator des Concours d’Elegance von Pebble Beach, wählte ihn  als jenes Schaustück aus, das traditionsgemäß am Sonntag der automobilen Tage von Monterey an die große Show gebracht werden durfte, um dort einen begehrten Preis in Empfang nehmen zu können. Einige weitere Rennen in Laguna Seca folgten, dann war Reynold’s Bedarf an sportlichen Ereignissen solcher Art gedeckt. Von da weg schlummerte der Lister wieder vor sich hin, diesmal jedoch wohlbehütet in einer sicheren Garage in Fair Oaks Ranch, Texas.

Trennung nach 30 Jahren

Einige Jahre später, im Juni 2003 entschloss sich David Reynolds, seine Sicherheits-Ausrüstungsfirma auszubauen und benötigte zu diesem Zweck eine kräftige Kapitalspritze. Der Verkauf des Lister war für ihn der am besten geeignete Weg. Allerdings sah er eine Trennung nach 30 Jahren von seinem geliebten zum Glanzstück mutierten Kulturgutes nur unter der Bedingung, dass sich ein gutes und geeignetes neues Zuhause finden würde. Und so endet die Geschichte in der Schweiz.

 Vielen Dank an die Kollegen von www.radical-mag.com

Mit unserem Autopreisrechner alle Preise für Neu- und Gebrauchtwagen gratis berechnen!
Mehr zum Thema