Lancia Thema Voyager
Chrysler 300 und Voyager sind nun als Lancia gebrandet.
 

Vorstellung: Lancia Thema

Der erstaunlichste Marketingcoup der letzten Jahre brachte die ersten beiden Autos hervor.

09.01.2012 Autorevue Magazin

Alles wartete gespannt auf die Spreizung: Ein im Libanon geborener Amerikaner namens Saad Chehab, der in Detroit Architektur studiert hat, präsentiert in Turin zwei ur-amerikanische Autos als italienische Autos der exzentrischen Marke Lancia mit Genmaterial, das sich bis zum Flaminia zurückverfolgen lässt.

Der Vortrag Saads war ambitioniert und schwungvoll. Nach zehn Minuten fiel der Satz mit dem Genmaterial bis zum Flaminia. Nachdem er eine Stunde damit zugebracht hatte, uns allen die Italianità der beiden in Ontario gefertigten US-Saurier zu erklären, und sich dabei in einem Netz aus Halbwahrheiten, Unfug, Chuzpe, Kasperltheater („ich habe schon als Kind mit Modell-Lancias gespielt“) und lauter Musik verfangen hatte, rief er aus: „Was nun italienisch oder amerikanisch erscheint, ist doch sekundär! Es ist ein globales Auto!“

In Wahrheit sind Chrysler 300 und Voyager vor allem amerikanische Autos und vielleicht auch ein wenig global. Denen für den europäischen Markt ausgerechnet die Marke Lancia überzustülpen wirkt auf den ersten Blick komisch. Abgesehen von den Logos, einem strafferen Fahrwerk (300) und optional erhältlichen feinen ­Lederbezügen trennt nichts, gar nichts, die Chrysler-Varianten von den Lancia-Varianten. Andererseits: Was im 21. Jahrhundert das Italienische an Autos sein soll, ist heutzutage ohnehin immer schwerer rauszufiltern.

Und das mit der Ingenieursmarke Lancia, die stets leicht überteuert das Besondere verkauft hat, was ihr eine Population richtig hartgesottener Fans beschert hat, Leute, die wussten, was wirklich state of the art war: Wie viele waren das denn in Echt, und wie viele davon dürfen heute überhaupt noch Auto fahren?

Lancia Thema Voyager

Zwei Argumente also für den guten Ausgang des Experiments. Und noch eines: Der Thema wird vor allem als luxuriös, handwerkskunstig, edel und extrem materialnobel ­positioniert (der Möbelher­steller Poltrona Frau fiel im Gespräch mit einem italienischen Lancia-Manager un­gefähr so oft wie das Wort ­Siebengangdirektschaltgetriebe, wenn man mit einem VW-Menschen redet).

Und dann kommen sie und fahren damit auch noch aus­gesprochen unterpreisig ins Segment. Saad sagt: „Mit dem Thema kriegen Sie ein Auto, das so groß wie ein Audi A8 ist, zum Preis eines A6.“

Das stimmt nicht ganz, aber fast. Nicht erwähnt wird natürlich, dass es auch andere Kriterien als Größe gibt, und da ist von einem Lancia Thema zu einem Audi A6 noch ein schöner Sprung (Qualitätsanmutung, Fahrqualität, innovative Technologien). Was nicht heißt, dass der Thema keine Bereicherung wäre für unser immer faderes, Audi-, VW- und BMW-gesättigtes Straßenbild. Der 300 C seit 2004 war ein Stück coolen amerikanischen Designs, und der dezent veränderte Nachfolger ist es ebenso. Die Sehschlitze wurden zu echten Fenstern entschärft, das Kampfpanzerhafte ist dem Schützenpanzerhaften gewichen. Eine auffällige und sehr schöne Erscheinung ist der Thema allemal.

Der Innenraum hält keine Überraschungen bereit. Abgesehen von ein paar schwankenden Spaltmaßen verströmt alles die Solidität und Gediegenheit eines Kongressabgeordneten aus Delaware, der im Countryclub Pfeife raucht. Die Ausstattung ist mehr als reichhaltig (siehe ­Datenkasten), Ledersitze in allen Varianten obligat, und nehmen wir den 3,6-Liter-Benziner in der höchsten Ausstattungsvariante „Executive“, bleiben als Op­tionen nur Panoramaschiebedach und Metalliclack übrig, alles andere ist drin und dran. Wenn wir uns da einen aus­stattungsähnlichen Audi A6 dazurechnen, wird uns schon bei der Hälfte blümerant.

Ungeachtet des Trends zu kleineren Motoren werden im Thema nur halbwegs große serviert, die aber trotzdem zeitgemäß sparsam sein sollen. Der Benziner kommt aus der Chryslerwerkstatt, der Diesel wurde in Italien entwickelt (VM Motori mit Fiat Power- train). Was soll man sagen: Sie bewegen das Auto standesgemäß vorwärts, ziemlich ­leise, stark und harmonisch. Insgesamt eine gepflegte Bewegung auf Oberklasseniveau, man spürt in Kurven stets die Masse des Autos – aber eher als Polster und Unterlage, kaum einmal als Klotz: Zum Aufstellen der Bestzeit auf der Glocknerstraße ist der große Lancia ja auch nicht vorgesehen.

Nachdem wir uns also vom Schreck des seltsamen Marken- transfers erholt haben, fällt uns jetzt kein Grund mehr ein, den Thema nicht zu mögen.

Lancia Voyager
Warum man für den Chrysler Voyager keinen eigenen Lancia-Namen gesucht hat? Weil Voyager für sich schon fast eine Marke ist. Das behält man klugerweise bei. Und darum, schätzen wir, wird der Voyager auch weiterhin funktionieren. Das Auto ist nach dem Markensprung bis aufs Logo unverändert und daher nach wie vor groß und praktisch. Stow ’n’ Go, der Keller für die Sitzunterbringung, ist sowieso genial. Zwei Motoren werden angeboten: 2,8 CRD mit 163 PS um 46.900 Euro und 3,6-V6-Benziner mit 283 PS um genau denselben Preis. Es gibt eine Ausstattungsvariante, und da sind schon Ledersitze, 3-Zonen-Klima, elektrische Schiebetüren, Parksensoren hinten, Stow ’n’ Go und elektrische Heckklappe dabei.

Lancia selbst sieht sich übrigens als demokratisierte Luxusmarke:

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