Vorstellung: Lamborghini Gallardo Superleggera

Vom süßen Gift einer infernalisch vertonten Beschleunigung, erhöhter Blutgerinnung und dem Kater nach dem Rausch.

01.05.2010 Autorevue Magazin

Der richtige Kick setzt am Ende der Geraden ein. Wenn du alles richtig gemacht, jeden Gang bis 8500 hochgejagt hast und die Tachonadel in der Unschärfe der orangen Pop-Art-Beschriftung irgendwo in den höheren Zweihundert steht. Die Kante in deinen Händen bellt laut und heiser, je ein kehliger Atemstoß pro runtergeschaltetem Gang, aus der Tiefe des Gedärms, diabolisch und köstlich. Das Anbremsen und das Runterschalten an den Ohrwascheln, wenn das automatisierte Getriebe mit Zwischengas den richtigen Gefechtsgang einsortiert, der V10 böse aufbleckt und zu einem Kampfschrei ansetzt, der jedem lebendigen Wesen in Hörweite das Blut in den Adern ausflocken lässt, diese infernalische Vertonung von Beschleunigung und Verzögerung packt dich. Ganzkörperlich. Ohne Erbarmen.

570 PS auf etwa 1500 Kilo (nach Augenmaß, also inklusive eines geschätzten Fahrers). Das ist die Essenz des neuen Superleggera. 10 PS sind das mehr Leistung und 70 Kilo weniger Gewicht als das normale Gallardo Coupé, das sich mit seinen 560 PS natürlich schwer dagegen auflehnt, in irgendeiner Form als normal hingestellt zu werden. Das ist kein Rekord, aber ein klirrend choreographiertes Race-Spektakel. Mit sehr ernsten Ansprüchen an Konstruktion und Technik.

Lamborghini geht es nicht um ein plumpes leistungsmäßiges Wettrüsten. Vielmehr zerbricht man sich in Sant’ Agata seit langem den Kopf darüber, wie sich durch den großflächigen und intelligenten Einsatz von Kohlefaser à la longue das Kampfgewicht reduzieren und dadurch wiederum das Fahrverhalten schärfen und die Verbräuche senken lassen.

Derzeit ist Kohlefaser aber noch sündteuer, weil die Teile nach aktuellen Produktionsstandards praktisch wie Handsemmeln in Kleinserien gebacken werden müssen. Womit sich Lamborghini nicht zufriedengeben will. Der Sportwagenhersteller finanziert gemeinsam mit dem Flugzeugbauer Boeing, dessen 787 Dreamliner ja das erste Flugzeug mit weitgehend aus CFK gefertigtem Rumpf ist, einen Lehrstuhl für Kohlefaser-Konstruktion an der Universität von Seattle, wo erforscht wird, wie sich das Material kostengünstiger in Form bringen ließe. Hochgerechnet am Bedarf, den vor allem die Flugzeugindustrie anmeldet, können diese Erkenntnisse zu einer höchst interessanten Kostenentwicklung für die Autoindustrie führen. Was Lamborghini zugute kommt. Und eines Tages auch den restlichen Marken des VW-Konzerns.

Noch ist Karbon aber technische Avantgarde, die sich in einem Preisunterschied von 40.000 Euro zwischen Coupé und Superleggera ausdrückt. Sportschalensitze, Tür-Innenverkleidungen, Seitenspiegel und Motorabdeckung sind aus der stabilen Zauberfaser gemacht, ein bisschen Schmerzensgeld fürs gesteigerte Image ist natürlich auch mitberechnet, plus 6.500 Euro extra, falls man den ebenfalls aus Kohlefaser gefertigten stehenden Heckflügel haben will, denn der ist im Kaufpreis von einer Viertelmillion Euro nicht inkludiert.

Zu den harten Fakten kommt ja noch die ganze Emotion dazu, diese hohe Dramatik und der Wirbel, den man als Fahrer eines Lamborghini auslöst. Einen automobilen Rorschach-Test hat ihn jemand einmal genannt: Die einen zerfließen bei seinem Anblick in heiligenmäßiger Erregung, während sich die anderen in hochnäsiger Arroganz abwenden. Beides ist eine gefühlsmäßig heftige Reaktion. Dazwischen gibt es nichts.

Erstaunlicherweise bleiben trotz der Erregung, die dich natürlich auch als Fahrer durchflutet (auch wenn du äußerlich cool bleibst), deine Hände am Steuer staubtrocken. Was kein medizinisches Wunder ist, sondern am dickpelzigen Alcantara liegt, mit dem der ganze Superleggera innen in feinster Handarbeit ausgeschlagen wurde. Auch das Lenkrad ist mit dem exquisiten flauschigen Mikrofaserstoff ummantelt, der dir die ganze Schärfe der Lenkpräzision, zu der dieser allradgetriebene Mittelmotor-Sportwagen hochgetuned wurde, ohne Streuverlust in die Hände legt. Das führt zu einer Mensch-Maschinen-Verbindung wie selten, stellst du fest, während du Runde um Runde am Racetrack drehst.

Eigentlich aber spreizt sich der Superleggera zwischen hetzigem Rennstrecken-Einsatz und Ich-Darstellung auf der Straße. Wohl hat Lamborghini ein Trockengewicht von 1340 Kilo herausgeschunden, von superleicht kann aber trotzdem nicht die Rede sein. Weil es Schmerz zu vermeiden galt, wurde nicht auf elektrische Fensterheber, Klimaanlage und Radio verzichtet. Per Zubehörliste lässt sich auf den Leichtbau-Gallardo sogar richtig Komfortfett draufpacken, eine Rückfahrkamera und ein Multimediasystem mit Navi, Bluetooth-Verbindung und zeitgemäßen Musik-Interfaces zum Beispiel, wobei man sich ehrlich fragt, ob man in einem per se so großsymphonischen Auto überhaupt Musik hören oder telefonieren möchte. Wer so unglaublich viel Kohle für ein Auto übrig hat, lässt sich freilich nix vorschreiben.

Apropos eigene Welt: Es geht jetzt in die letzte Runde in Monteblanco, einer Rennstrecke im andalusischen Nirgendwo. Dann löst du den optional erhältlichen 4-Punkt-Gurt (niemals kaufen, wenn man einen Superleggera als Fluchtauto benützen will) und schaust auf die Verbrauchsanzeige: 33,3 Liter steht da. Das ist nicht repräsentativ. Aber eine Tatsache. Die dem Rausch dann einen leichten Gewissens-Kater folgen lässt.

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