Lamborghini Aventador Roadster stat hili
Eine Einladung, die man nicht abschlagen sollte.
 

Vorstellung: Lamborghini Aventador Roadster

Lamborghini Aventador. Sinn und Unsinn, Macht und Ohnmacht, Luft und Laune – die ersten Kilometer mit dem derzeit höchst­verdichteten Supersportler.

16.04.2013 Autorevue Magazin

Nachträglich tut man sich schwer zu sagen, wann dieser Limes überschritten wurde, aber es ist schon ziemlich ­lange her, dass Sportwagen mit steigender Motorleistung automatisch interessanter und begehrlicher wurden. Die Leistungseskalation ist auf dieser nicht besonders preis- (und schon gar nicht verbrauchs-) sensiblen Bühne ein Rattenrennen, das niemand endgültig gewinnen wird.

Abgesehen vom nun wirklich außerirdischen Bugatti Veyron waren dem Aventador mit seinen 700 PS aus einem 6,5-Liter-V12 gerade mal 18 Monate als Superstich im Auto­quartett gegönnt, bis ­Ferrari letzten Herbst mit dem F12 (6,3-l-V12, 740 PS) zurückschlug. Wer diese Entwicklung über Jahre miterleben durfte und nicht völlig auf der Testosteronsuppe daher­geschwommen ist, kann nur hin und hergerissen sein ­zwischen Faszination, Rat­losigkeit und – ja – auch ein bissl Abscheu. Selbst begeisterten Technikern, Car-Guys, Connaisseuren müssen sich längst Fragen aufdrängen: Ist das wirklich notwendig? Wer derfährt das noch? Wohin soll das führen? Schließlich werden im Haubenrestaurant ja auch nicht jedes Jahr die Por­tionen größer. Trotzdem können wir uns den 800-PS-Performante-Aventador wohl ­heute schon im Kalender eintragen. So weit, so langweilig, eigentlich.

Das alles geht einem auf der langen Anreise durch den Kopf, die ihren grausamen ­Höhepunkt der Langeweile in einer einstündigen Busfahrt zur Rennstrecke findet. Aber dort angekommen, steht man dann bei sommerlichen Temperaturen vor dem Aventador Roadster und ist einfach nur atemlos überwältigt. Man begreift: Während Ferrari noch immer mit althergebrachten Versatzstücken des Automobildesigns herumhantiert, hat Lamborghini nun endgültig zu einer neuartigen, radikal zukunftsorientierten Formgebung gefunden.

Lamborghini Aventador Roadster

Der Lamborghini Aventador Roadster legt hier aufs Coupé noch mal eins drauf, weil der Muskel-Twelvepack deutlicher herausgearbeitet wurde und die offene Karosserielinie abermals geduckter (minus 25 mm) und damit ­aggressiver rüberkommt. Man ahnt die Absicht der Designer: Was vielleicht ohnehin zu schnell zum Fahren ist, soll wenigstens maximal schnell posen können. Der Aventador Roadster ist in dieser Disziplin quasi lichtschnell, kann locker mit diversen Krieg-der-Sterne-Kampfkreuzer-Modellen aus unserer Jugend mithalten. Auffallend ist auch, dass bei der Fahrzeugpräsentation dauernd von Lifestyle die Rede ist und nie von den 700 PS (außerdem von plus 30 Prozent Absatz und dem besten Lamborghini-Jahr aller Zeiten, zu einem ­guten Teil getragen eben vom Aventador – so viel zu den eingangs geäußerten Bedenken).

Aber jetzt Schluss mit dem ­Herumtheoretisieren, raus auf die Piste. Der Homestead Speedway bei Miami ist ein klassischer NASCAR-Nudeltopf, der an ein anspruchs­volles Infield angebunden werden kann. Es regnet nicht, aber die Luftfeuchtigkeit ist greifbar, kondensiert am Boden, vermischt sich mit dem Staub zu einer heimtückischen Schmiere. Und tatsächlich, in der ­ersten engen Kurvenkombination würgt das ESP trotz Allrad den V12 so heftig, dass man mit jedem Golf GTI schneller und eleganter durchgeflutscht wäre. Bei unsensiblem Umgang mit dem Gaspedal und/oder falsch gewählter Linie haut die Traktionskontrolle richtig rein, scheint bewusst jede noble ­Zurückhaltung zu vermeiden, wohl um den No-Nonsense-Charakter des Aventador zu unterstreichen.

Aber dann, die erste Gerade: Die Macht der zwölf Ärmel findet nun doch auf die Straße, es reißt das Ding vorwärts und das Genick zurück. Dreistellige Geschwindigkeitszuwächse scheinen auf Steinwurfdistanzen machbar zu sein, da muss man erst einmal die Rechen­geschwindigkeit des eigenen Prozessors maximieren, um den nächsten Bremspunkt nicht zu verbummeln.

Der Rest des Vormittags wird zum schönen Beweis dafür, dass sich der Mensch an – fast – alles gewöhnen kann. Mit jeder Runde wird die dargebotene Gewalt geläufiger, ­dabei hilft sehr, dass der Aventador immer auf der höflichen Seite bleibt, sich selbst in der Erregungsstufe Corsa nie zum gnadenlosen Racer aufschwingt. Wir lernen: 700 PS sind auch von motorsportlich unterdurchschnittlich begabten Millionären erfahrbar, zumindest auf trockener Rennstrecke.

Überraschungen aber auch in den Niederungen des Alltags: Zuerst einmal stellt der Mensch über einsfünfundachtzig nach dem Einsteigen fest, dass die Gurte nicht höhenverstellbar sind und sich ziemlich viel Dach im Blickfeld befindet. Das Abnehmen der beiden Dachhälften nützt da nicht viel, weil der Scheibenrahmen stehen bleibt, aber immerhin hat man dann maximale Kopffreiheit.

Lamborghini Aventador Roadster

Um die neue Dachlösung vollends schätzen zu können, sollte man die des Vorgängers Murciélago kennen – eine grenzwertige Bastelaufgabe aus Spriegeln und Streben und nur grob dazupassenden Stoffgebilden, bei der man ohne Pfadfinderausbildung hilflos verloren war. Und nun? Zwei Dachhälften, weil aus Karbon, zu je 6,5 Kilo, es macht schnapp und klack und wasserdicht ist der Aventador. Allerdings sollte ­berücksichtigt werden, dass, wenn einmal die Dachhälften im Kofferraum vorne verstaut sind (was schon eine anspruchsvollere Übung ist), ­ungefähr noch das kleine Schwarze, zwei Tangas und eine Garnitur Halterlose mit auf die Reise gehen können.

Dabei wäre der Aventador Roadster durchaus lang­strecken­tauglich: Der allgemeine Fahrkomfort geht okay, wie überhaupt alles sehr leicht und selbstverständlich von der Hand geht, bloß beim Ampelstart sollte man seine Fein­motorik im rechten Knöchel unter Kontrolle haben.

Jeder Zylinder ist größer als eine Faust, und doch darf über 8000/min gedreht werden. Und ja, trotz Deaktivierung von sechs Zylindern, Bremsenergierückgewinnung durch Superkondensatoren und Start-Stopp-Automatik kann man der Tanknadel bei der Arbeit zusehen. Dennoch sind Zwölfzylinder-Sauger eine überaus erhaltenswerte Art, die wunderbar bunte Geräuschkulisse aus ungefähr einer Million bewegter Teile baut sich sachte, aber beständig auf, es lässt sich also auch hervorragend cruisen. Wem das zu leise ist, der kann die Heckscheibe versenken, dann weht das Sound­gewitter etwas deutlicher ins Cockpit. Das Windschott soll angeblich bis 350 seinen Dienst versehen, wir werden es vielleicht nie erfahren.

Lamborghini Aventador Roadster

Was einem fröhlichen Alltag mit dem Aventador am meisten im Wege steht, ist sein Cinemascope-Format: 2,26 m Breite (mit Spiegeln) sind in Miami recht ­locker zu bewältigen, man will sich das aber nicht in einem mitteleuropäischen Autobahn-Gegenverkehr oder im Rush-Hour-Gefecht vorstellen. Und da wäre noch etwas, das unser persönliches Glück mit Sinn & Unsinn, Klang & Glamour, Luft & Laune inkommodiert: 440.880 Euro, aber vermutlich kriegt man für den Steueranteil von knapp 141.000 Euro eine Verdienstmedaille vom zuständigen Bezirks-­Finanzamt verliehen.

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