Testbericht: KTM X-Bow GT

Jetzt hält die Frisur bei jedem Wetter. Und der Helm kann endlich auch zu Hause bleiben.

Autorevue Magazin
Veröffentlicht am 14.09.2013

Nein, die Windschutzscheibe verwässert das Konzept des X-Bow nicht. Das Einsteigen ist so umständlich wie früher, das Ritual wird durch die Seitenscheiben-Türen nur um einen Schritt erweitert: Lenkrad raus, über den breiten Schweller des Monocoques kraxeln, ins Cockpit einfädeln, Pedale einstellen, Lenkrad rauf, Türe zu – und dann die 4-Punkt-Motorsportgurte anlegen. Als Fluchtauto ist der X-Bow jedenfalls gänzlich ungeeignet.

Das Dach des KTM X-Bow GT ist … kein Dach.

Das Dach wohnt in einem Futteral im Beifahrerfußraum und verdient seinen Namen nicht – es ist als eine Art Wetterschutz zu verstehen. Man schistelt den Lappen aus seiner Abdeckung, führt zwei GFK-Stangen in ihre Führungen ein und verschraubt sie. Dann nimmst du das Ganze, und klemmst mühselig die vordere Dichtung an die Scheibe, hängst die zwei Stangen in den dafür vorgesehenen Führungen ein. Links und rechts ­wollen je drei Spannbänder mit dem Chassis verbunden werden, ganz hinten wird mit Druckknöpfen abgespannt. Heißt: Wenn am Horizont ­Gewitterwolken auftauchen, sollte man mit dem Aufbau beginnen. Schneller ist man, wenn man unter einer Brücke Zuflucht sucht – oder ganz einfach weiterfährt. Jenseits der 70 km/h fliegt der Regen ohnehin übers Auto weg, recht viel schneller darf man mit Dach überhaupt nicht werden, denn: Die Benutzung ist auf 100 km/h reglementiert.

Klingt nach Verhau? Ganz im Gegenteil. Erst jetzt mit der Scheibe kann man sich voll auf die Fähigkeiten des Wagens konzentrieren. Kein Helm samt Turbulenzgezittere lenkt dich ab – tief unten, windgeschützt hockst du in der Duschkabine: Es bleibt der pure Irrsinn. Die Beschleunigung ist schlicht obszön, es gibt kaum etwas anderes, was da mitkommt. Ja, wir ­haben uns einmal von einem 911-Turbo-Piloten in Versuchung führen lassen. Er war dann ziemlich traurig.

ktm x-bow gt innenraumPrinzipiell ist der GT eines der sinnbefreitesten Autos überhaupt. In der Stadt sieht man nicht raus (Renngurte!) – der tote Winkel ist enorm, die ­Spiegel helfen nur bedingt.

Befreit vom lästigen Fahrtwind kommen die Talente des KTM X-Bow GT zur Geltung

Die wahre Schönheit des ­X-Bow GT entdeckt man fernab der Urbanei. Vorzugsweise auf abgelegenen, kurvigen ­Straßen, wenn die von Push­rods angelenkten Federbeine vor dir ­ihren Tanz aufführen, wenn das Dreigestirn Mensch, Maschine und Straße zu einer Einheit ­verschmilzt. Verkehr, ohne ­elek­tronische Verhütungsmittel. Die Bremse: Von enormem Biss, dafür ohne Servo, ohne ABS. Wenn du dich rauswirfst, bist du selbst schuld. Kein ESP rettet dich, nur deine Reflexe und dein Talent.

ktm x-bow gt tuer

Selbstredend gibt es auch kein Lenkservo, dafür ein ­Ansprechen wie im Formel­wagen. Und es braucht eine strenge Hand: Kriegst du beim Schalten per Bodenwelle einen Schlag, will das Lenkrad abhauen – was eher unwitzig ist, wenn der Wagen flugs rechtwinkelig abbiegen will.

Der X-Bow-GT ist einer der Letzten, die das großartige Gefühl der Freiheit, der Eigenverantwortung vermitteln. Er lässt dich den Speed spüren wie einst der Seven, killt ihn nicht mit Windschott und Doppelverglasung. Er pflegt die Tradition des straßenzugelassenen Sportwagens. Und genau deshalb kann er nicht sinnlos sein.


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