Ford Focus 1,6 TDCi Titanium dyn VoLi
Fährt kritikfrei in die Menge: der neue Ford Focus
 

Testbericht: Ford Focus 1,6 TDCi

Der neue Focus. Massentauglich mit 115 Diesel-PS.

23.04.2011 Online Redaktion

Ford entspitzt sich. Das ist das Destillat der Focus-Lehre. Das ist, was unter dem Strich der neuen Zeitrechnung rauskommt. Das Für und Wider der neuen Plattform für das C-Segment, auf der jährlich zwei Millionen Autos gebaut werden sollen, wurde allerorts schon ausgewalzt. Der Grand C-Max und C-Max waren die ersten Boten, der Focus ist das harte Statement dieser Strategie. Diese Plattform – entwickelt in Zeiten, als andere amerikanische Hersteller den Bach runtergingen, als würden sie auf einem Wasserfall raften – soll Weltautos produzieren. Doch muss dieser Idee eine Geschmacksschmelze zwingend vorausgehen. Ford muss es schaffen, dass Ranjid und Bob das Auto ebenso gefällt wie Florian und Kazumi. Konsequenz dieser Idee: Der Ford ­Focus verliert ein wenig sein Alleinstellungsmerkmal.

Er war stets die sportlichere Wahl. War stets der fahraktivere Golf – selbst wenn er vielleicht weniger Leistung hatte. Der Popo fährt halt mit. Das ist vorbei, der Focus geht auf die breite Masse zu. Er ist komfortabler geworden. Langstreckentauglicher. Weicher. Aber er federt beim Bremsen eben auch stärker ein.

Wobei noch einmal unterstrichen werden muss, dass der Testwagen ein 115-PS-Diesel ist. Wenn man also unbedingt sportlich unterwegs sein will, hat man von vornherein zum falschen ­Motor gegriffen, nicht zum ­falschen Auto. Der ST dürfte die Kritiker verstummen lassen. Der 1,6-Liter-Turbodiesel freilich noch nicht. Am unteren Ende des Drehzahlbandes hat man mit einem kleinen Turboloch zu kämpfen, das kurz einem gut gemeinten Tritt in den Hintern voran-­geht. Der wiederum verlangt dann schnelles Schalten. Kein Problem, die Gänge gleiten die sechssprossige Getriebe­leiter butterweich rauf und runter. Eine Kombination, mit der sich sogar Verbräuche nah an der Werksangabe ausgehen. Bei ­dieser Motorisierung sticht ­einen ja auch nur selten der Hafer. Das ist systemimmanent.

Gut für Ford: Elektronik ist global. Antiblockiersystem mit elektronischer Bremskraft­verteilung, ein Stabilitätsprogramm, Traktionsassistent, Torque-Vectoring-Control und ein Sicherheits-Bremsassistent. Oder kurz: ABS, EBD, ESP, TA, TVC und EBA serienmäßig. Das alles funktioniert jenseits der Wahrnehmung, ganz vornehm im Hintergrund.

Gegen Aufpreis gibt es ­außerdem noch alles, was an Kamera- und Radartechnik, was an Nasa-Beständen in Richtung Mainstream gebürstet werden konnte.

Dank einer Frontkamera verfügt der Focus über einen Spurhalteassistenten samt Spurhaltewarner, eine Verkehrsschilderkennung, einen Fernlichtassistenten und einen Müdigkeitswarner. Der überwacht die Spurtreue und die Gierwinkelrate (Fachsprech für „schlingern“) des Fahrzeugs, um zu erkennen, ob eine Pause notwendig ist. Wer in der Elektronik des Autos als müde gilt, der wird angepiept.

Auf Radarsensoren stützen sich der Toter-Winkel-Assistent (nennt sich BLIS – Blind Spot Information System), ein ­aktiver Parkassistent und das Active City Stop System. Letzteres soll Auffahrunfälle bei niedrigen Geschwindigkeiten verhindern und ist vereinfacht gesagt eine schärfer bremsende Version eines radargestützten Tempomaten. Der Park­assistent scannt beim Vorbeifahren Parklücken und meldet sich zu Wort, wenn das Auto reinpasst. Dann zirkelt er den Focus auch selbständig rein.

Daneben gibt es natürlich noch das Standardprogramm: MP3-fähiges CD-Radio, Navigationssystem, Bordcomputer. Einziges Problem: Wirklich ­bewältigt hat Ford diesen Technik-Aufmarsch nicht. Schon ohne den aufpreispflichtigen Technik-Overkill sind die Bedienelemente zu kleinteilig ­geraten. Statt eines ­zentralen Bedienelements entschied man sich dafür, fast ­jeder Funktion einen oder mehrere Knöpfe zu spendieren. Die Mittelkonsole quillt vor so viel gut gemeinten Features über, weswegen viele Knöpfe am Lenkrad landeten. Das sieht so martialisch und multifunktional aus, als hätte man es direkt aus einem Klingonen-Schiff ausgebaut. Das ist Jammern auf hohem Niveau. Auch bei anderen Herstellern kann man viele Funktionen nicht intuitiv bedienen – weil es sie oft gar nicht gibt. Aber wer ­einen Focus kauft, wird ihn auch länger fahren und sich an die Bedienung ­gewöhnen.

Apropos Alltag: Der Kofferraum sticht in keiner Hinsicht aus der Masse der Konkurrenten hervor. Er ist weder kleiner noch größer. Weder funktionaler noch unpraktischer. Unauffällig wird erledigt, was der Kunde erwartet. Ein schneller Griff, und die Rückenlehne ist umgelegt. Wer sich die Mühe macht, vorher die Sitzfläche umzulegen, hat sogar einen ebenen Ladeboden. Die große Hutablage lässt sich allerdings nicht so einfach mitnehmen und müsste im Fall der Fälle in der Garage verstaut werden.

Beim Focus hat Ford keine Fehler gemacht. Hat sich in keine Richtung aus dem Fenster gelehnt. Manch Focus-Fan der härter gefederten Schule mag das nicht gefallen, aber fair bleibt fair: Man hat sich zwar entspitzt, ist deswegen aber noch lange nicht abgestumpft.

Mit unserem Autopreisrechner alle Preise für Neu- und Gebrauchtwagen gratis berechnen!
Mehr zum Thema