1/8
 

Ford Fiesta ST: Fett abgemagert

200 PS quetscht der Ford Fiesta ST aus einem Dreizylinder. Ob und wie viel Spaß das macht, verriet uns Patrick Knoll. Der letztjährige ­Racing-Rookie-Sieger tobte sich am Wachauring aus, während wir einige Schreckmomente durchlitten. Auch im Alltag.

19.07.2018 Autorevue Magazin

Ein Beitrag aus der Autorevue August 2018

Dreizylinder, damit verband man vor ein paar Jahren noch die Brot-und-Butter-Versionen von Kleinwagen, die, frei saugend, nicht nur die Geräuschkulisse, sondern auch die Kraft einer Nähmaschine entfalteten. Turbo-Aufladung und intensive Entwicklungsarbeit, bei Ford etwa in Form einer variablen Nockenwellensteuerung, lassen die Aggregate jedoch nicht nur immer sparsamer, sondern auch kraftvoller und laufruhiger werden.

Jede rote Ampel lässt uns hochfahren, wenn sie grün wird. Dann glaubt man eine im Eiltempo herannahende Harley hinter sich, die sich erst eine Schrecksekunde später als der dumpf grummelnde Auspuff herausstellt, den die Start-Stop-Automatik ins Leben ruft.

Diese technische Kultivierung hat den Dreizylinder auch in prestigeträchtigere Fahrzeugklassen einziehen lassen, neben gewitzten Kompakt-SUVs auch etwa in Hybrid-Sportler wie den BMW i8. Doch zurück zu Ford und zum Fiesta: Der setzt in der neuen Generation bei den Benzinern ausschließlich auf Dreizylinder, und aus seinen 1,5 Litern Hubraum schöpft der Fiesta ST 200 PS, die man beim Vorgänger nur dem entsprechend benannten Sondermodell gönnte (da als Vierzylinder).

Viele blicken dem Einsatz eines Dreizylinders bei einem Hot Hatch, der emotionalen Königsklasse für die breite Masse, wohl skeptisch entgegen. Ob dem Fiesta ST die Befähigung zum Spaßbringen ausgestellt werden kann, soll daher Patrick Knoll für uns testen. Der gewann letztes Jahr den ­Racing Rookie in einem hart umkämpften Duell am Wachauring in … genau: einem Fiesta ST. Den nahm er als Siegertrophäe gleich mit und bestreitet mit ihm derzeit seine erste Rallyesaison. Diverse Modifikationen und Reparaturen nimmt er großteils selbst vor. Man könnte also sagen, dass wir uns kaum ein feineres Gespür zur Beur­teilung des neuen Fiesta ST angeln hätten können.

© Bild: Jürgen Skarwan

Wie der Focus RS wirft der Fiesta ST innen nicht mit Renninitialen um sich.

Erschlafft von der frühen Uhrzeit, gerät die Fahrt aus Wien zum vereinbarten Treffpunkt, dem Wachauring, eher ruppig. Zwar ist das Gefühl auf der Kupplung in Ordnung, aber der Greifbereich klein. Der ST möchte den Kraftschluss ruckartig herstellen. Ein bretthartes Fahrwerk trifft auf tolle Schalensitze, die für die zarte Statur eines Racing Rookies ausgelegt sind. Bereitwillig läuft der ST jeder Rille nach, was die frühmorgendlich zähen Arme wenig goutieren, besonders weil die sportlich harte Lenkung einiges an Arbeit erfordert.

Jede rote Ampel lässt uns hochfahren, wenn sie grün wird. Dann glaubt man eine im Eiltempo herannahende Harley hinter sich, die sich erst eine Schrecksekunde später als der dumpf grummelnde Auspuff herausstellt, den die Start-Stop-Automatik ins Leben ruft. Am Wachauring angelangt, wirkt Patrick Knoll wesentlich frischer als der Schreiber. Ob das seiner Professionalität oder der Tatsache geschuldet ist, dass er nicht im Fiesta ST angereist ist, sei dahin gestellt.

© Bild: Jürgen Skarwan

Je ein rotes „ST“ ziert Sportlenkrad und die tiefen Recaros, that’s it.

Schon beim Rundgang beäugt er den Fiesta mit leuchtenden Augen, nimmt Platz, erfühlt ihn: „Schön ist er geworden.“ Zu lang will er sich aber nicht mit Betrachtungen aufhalten, also ab auf den Ring. Zum Einfahren gibt er es noch gemütlich, damit der Fotograf ihn vor die Linse bekommt. Dann gibt er Gas, und es rappelt in der Kiste. Patrick ist keiner, der leicht zu verzücken ist. Ruhig befindet er, dass der neue ST besser anzieht als sein aufs Notwendigste ausgeräumter ­Rallye-ST, wofür auch die zusätzlichen 50 Newtonmeter der aktuellen ST-Generation verantwortlich sind.

Den Dreizylinder-Motor lobt er in den höchsten Tönen, die Drehfreude und die Laufkultur. Das können wir so unterschreiben. Patricks Rallye-Hintergrund ist augenscheinlich: In jeder Kurve bringt er das Heck zum Tänzeln, der asphaltierte Untergrund hindert ihn nicht daran. Dennoch hätte er sich das Heck agiler vorgestellt; wir befanden die Agilität vom Beifahrersitz aus hingegen als mehr als ausreichend. Nur in den ganz engen Kurven bemängelt er das Untersteuern, wobei das vielleicht am Kurvenradius liegt, der selbst Kompakte an die Grenzen ihres Wendekreises bringt.

© Bild: Jürgen Skarwan

Selbst nachhelfen kann man immer wie 2017 Racing-Rookie-Sieger Patrick Knoll etwa mit knallorangen Schuhbändern.

Abgesehen davon wirkt er rundum glücklich und ist kaum zum Aussteigen zu bewegen. Unsere spompanadelnden Versuche, ihn per B&O-Anlage vom allzu heftigen Fahren abzulenken, quittiert er mit mildem Lächeln. Mit Mühe können wir ihn aus Rücksicht auf Reifen und Beifahrer überreden, alle drei Runden eine kleine Pause einzulegen. Patrick lächelt unschuldig. Den ST würde er schon mit nach Hause nehmen, obwohl er ihm für den Alltag zu laut wäre. Immerhin: Unser Gehör ist also noch nicht verweichlicht. Genüsslich stellen wir uns vor, wie ihn das plötzliche Loshusten des Auspuffs bei der grün werdenden Ampel überrumpelt.

Die Heimfahrt gerät wie der Hinweg. Komplett zerstört lassen wir uns vom Fiesta jede Bodenwelle in die Wirbelsäule dreschen, die von der Lendenwirbelstütze der Recaros kaum getröstet wird. Spaß machen kann der Fiesta in entsprechenden Szenarien jedenfalls; dem Fahrer wesentlich mehr als dem Beifahrer. Für unsere Normverbrauchsstrecke nullen wir noch einmal den Bordcomputer und kommen mit einem Schnitt von 6,6 Litern an. Auch das kann der Dreizylinder.

shortcut

Was wir mögen
Dass wir uns keinen vierten Zylinder wünschen.

Was uns fehlt
Die Modelmaße, um perfekt in den Schalensitz zu passen.

Was uns überrascht
Der Auspuff, bei jedem Stop-Start aufs Neue.

Perfekt, wenn …
… der schwere Gasfuß einen ­kleinen Fußabdruck haben soll.

Die Konkurrenz
Renault Clio R.S., VW Polo GTI, Mini Cooper S etc.

daten Ford Fiesta ST Plus

Preis  € 26.500,– (NoVA 9 %)
Basispreis € 12.650,– (1,1l Trend)
Steuer jährlich € 982,97
Motor, Antrieb Dreizylinder-DI-­Turbobenziner, 1498 ccm. 6-Gang-Schaltgetriebe, Frontantrieb.
Leistung/Drehmoment 147 kW (200 PS)/6000/min, 290 Nm/1600–4000/min.
Fahrleistungen 0-100 km/h 6,5 sec, Spitze 232 km/h, Norm- verbrauch/CO2 7,6/5,1/6,0 l/100 km/ 136 g/km. Testverbrauch 6,6 l/100 km.
Dimensionen 5 Sitze, L/B/H 4068/1735/1469 mm, Tank 42 l, Kofferraum 292–1093 l. Reifen 205/40 R 18.
Gewichte Leergewicht 1262 kg, ­Zuladung 373 kg.
Sicherheit Euro NCAP *****/87/84/64/60 % (2017)
Ausstattung 8-Zoll-Touchscreen mit Navigation, Bluetooth, Android Auto, Apple CarPlay und B&O HiFi, 18”-Leichtmetallräder, Teilleder-­Recaro-Sportsitze mit Lendenwirbelstütze, Klimaautomatik, Komfortzugang, Fernlichtassistent, ­Verkehrsschild-Erkennung, Lederlenkrad, Sitzheizung vorne, Seitenscheiben hinten getönt, LED-Ambientebeleuchtung, etc.
Extras Performance-Paket (Launch Control, Sperrdifferential) € 1.013,–, LED-Scheinwerfer € 746,–, Metallic-Lack ab € 480,–, Panorama-Schiebedach € 960,–, Rückfahrkamera € 586,–, Totwinkel-Warner € 458,–, Türkantenschutz € 107,–.

Vergleichbar

VW Polo GTI

VW Polo Volkswagen COTY Auto des Jahres
© Bild: Volkswagen

Preise ab € 26.440,–
Motoren 2,0-Liter-Turbobenziner (200 PS).

Da weiß man, was man hat. Sogar Hubraum gönnt sich der Polo noch reichlich. Bis aber alles drin, dran und drauf ist, muss man noch einiges in die Aufpreisliste investieren.

Renault Clio R.S.

© Bild: Renault

Preise ab € 27.490,–
Motoren 1,6-Liter-Turbobenziner (200 PS bis 220 PS).

Die überarbeitete Doppelkupplung ist nunmehr irre zackig, herrliche Traktion und Straßenlage machen ihn zum Kurvenräuber. Innen ist der Fiesta aber deutlich hochwertiger.

Jetzt zwei Ausgaben autorevue kostenlos & unverbindlich lesen!*
*ABO endet automatisch.
 
Hier bestellen