60 Jahre Fiat Nuova 500, ein Rückblick

Im Jahr 2017 schaffte es dann der Fiat Nuova 500 ins Museum of Modern Art. Bis dahin war es ein langer Weg für den italienischen Kleinwagen, der früher nicht als Modewagen galt.

radical mag
Veröffentlicht am 10.07.2017

Dante Giacosa, Schöpfer großartiger Fiat-Modelle wie etwa 500 (Topolino), 600, Nuova 500, 124, 128 oder 130 sowie großer Bewunderer von Goya und Picasso, bezeichnete Computer als den Tod der Kreativität. «Giacosa arbeitete tatsächlich noch mit einem weißen Blatt Papier», erzählte einst der legendäre Fiat-Chef Paolo Cantarella, «und darauf zeichnete er nicht nur das Design, sondern konstruierte auch gleich noch den Motor». Giacosa, geboren 1903, hatte Maschinenbau studiert, Flugzeugmotoren gebaut, in der Fiat-Designabteilung gearbeitet – und war Anfang der 30er Jahre beim großartigen Fiat 500 (Topolino) schon (entscheidend?) mit von der Partie. Als einigermaßen sicher gilt, dass er auch gleich noch die Produktionsanlagen entwickelte und den Topolino zum ersten europäischen Großserien-Fahrzeug überhaupt machte.

© Bild: Fiat

Auf dem Weg zum Nuova 500, mit Heckmotor und weniger Stahl

Seine erste Großtat nach dem 2. Weltkrieg war der auch heute noch völlig unterschätzte Fiat 600. Der Nachfolger des Topolino musste mehr Platz bieten, durfte nicht viel mehr kosten – und irgendwie musste Giacosa auch noch das Problem mit dem Stahl lösen, der nach dem Krieg nicht in genügender Menge vorhanden war. Lange plagte er sich mit dem Entwurf, und als er endlich vor die Geschäftsleitung trat, war das Entsetzen groß: ein Heckmotor? Eine selbsttragende Karosserie? Einzelradaufhängung rundum? Giacosa konnte seine Vorgesetzten überzeugen, unter anderem mit dem Argument von weniger Stahl, auch wenn er selber ein schlechtes Gewissen hatte: „Das kostete Millionen und mehr Millionen, die gesamte Produktion umzustellen, ich hatte viele schlaflose Nächte deswegen“. Der 600 kam 1955 auf den Markt, 1956 schob Giacosa den nächsten Geniestreich nach, den so großartigen 600 Multipla, und wiederum ein Jahr später erblickte ein weiteres Kind von ihm das Licht der Welt, die Nuova 500.

© Bild: Fiat

Geringe Größenunterschiede

Man darf sich durchaus fragen, warum es unterhalb des 600 noch ein weiteres Modell brauchte. Denn erstens waren die Größenunterschiede außer bei der Länge nicht wirklich frappant 600: 3,285 x 1,38 x 1,345 Meter; Nuova 500: 2,97 x 1,32 x 1,325 Meter) – und eigentlich war ja auch der Größere im Vergleich zu anderen „Volkswagen“ schon ein Zwerg (VW Käfer: 4,07 x 1,54 x 1,50 Meter; Citroën 2CV: 3,83 x 1,48 x 1,6 Meter). Und sicher nicht übermotorisiert: Zu Beginn seiner Karriere hatte der 600er einen Vierzylinder mit 633 cm³ und einer maximalen Leistung von 23 PS im Heck, der Käfer schaffte aber damals schon saubere 30 PS. Und warum genau brauchte es nun noch die Miniaturausgabe, einen (zusätzlichen) Zweizylinder mit 479 cm³ Hubraum und nur gerade 13,5 Pferdchen?

Einmalig, in der Automobil-Geschichte

Um ehrlich zu sein: die Nuova 500 war im Vergleich zum 600 alles andere als eine Meisterleistung. Sie war der Schritt von der Vespa zum Auto, ein extrem spartanischer Kleinstwagen (davon gab es andere Dinger in jenen Jahren, siehe Biscuter, Bond, Goggo, den Fuchs) – und der Fiat-Zwerg war ihnen mit seinen zwei Sitzen und auch sonst wenig Platz und kaum Fahrleistungen nicht dringend überlegen. Zu Beginn seiner Karriere verkaufte er sich auch gar nicht gut, schon drei Monate nach der Premiere musste nachgebessert werden, 4 Sitzplätze, kürzeres Faltdach auf Wunsch, Kurbelfenster auf Wunsch, Lenkstockschalter etc. – und der Preis wurde gesenkt. Wohl einmalig in der Automobil-Geschichte: die Kunden, die gleich zu Beginn zugegriffen hatten, erhielten Geld zurück.

Fiat Nuova 500, Werbung, damals

Ein Wiki für den Fiat 500

Oh, nein, wir wollen jetzt hier nicht die ganze Geschichte erzählen, wir verstehen vom Kleinen zu wenig. Aber da gibt es ja das Fiat-500-Wiki, das ist wunderbar ausführlich, das muss man gesehen (und gelesen) haben. Doch auch da wird die Frage nicht so ganz geklärt, weshalb es den Kleinen überhaupt gab. Wer etwas weiß, Vermutungen hat, darf sich gern melden.

© Bild: Fiat

Aufnahme ins Museum of Modern Art

Eine weitere Frage in diesem Zusammenhang lautet: Wann (und warum) die Nuova 500 den 600er in der Gunst überholt hat? An der Verkaufsfront schaffte es der Kleine nie, zwischen 1957 und 1977 wurden insgesamt 3,702 Millionen 500er gebaut; der 600er kam aber mit allen Derivaten auf stolze 4,92 Millionen. Und doch fristet der 600 heute das Dasein eines Nachtschattengewächses, während die Nuova 500 Kult ist. Markus Winninghoff meint: «Der endgültige Durchbruch kam sicherlich mit dem «F» 1965, weil zu diesem Zeitpunkt die Anmutung eines richtigen Autos noch mal einen ganz großen Schritt zur weiteren Durchsetzung auf allen gesellschaftlichen Ebenen machte. Der 500er wirkte dann noch weniger wie ein Minimalauto, sondern eben wie ein richtiges Auto in der kleinstmöglichen Ausführung. Einerseits sah er knuddelig aus und bediente das Kindchenschema, andererseits war aber eine typische Autoform zu erkennen, die man eben z. B. vom VW Käfer kannte. Ein (schickes) Modeauto war der 500er eher nicht, sondern der praktische, günstige Wagen, auch Zweitwagen, mit dem man überall vorfahren konnte und eine gute Figur abgab». Ach ja, Am Tag seines 60. Geburtstages, dem 4. Juli, wurde der Fiat Nuova 500 ins Museum of Modern Art aufgenommen. Wir sagen: Alles Gute!

Vielen Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-mag.com


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