In einem 7er sitzt man nicht hinten – man fährt damit

Er ist der erste deutsche Zwölfzylinder der Nachkriegszeit und die perfekte, etwas sportlichere Antwort auf die S-Klasse der anderen Süddeutschen Premiummarke.

radical mag
Veröffentlicht am 26.07.2015

Werksintern E32 genannt, bot die 7er-Reihe mit dem fünf Liter großen Zwölfzylinder alles, was sich luxusverwöhnte Zeitgenossen wünschen konnten. Die E32-Baureihe kam im September 1986 in die Schaufenster der BMW-Händler. Zu Beginn war sie ausschließlich mit den bewährten Sechszylindertriebwerken (730i und 735i) lieferbar. Ein Jahr später dann kam der kapitale Motor auf den Markt, mit 299 PS und einem unvergleichlichen Sound.

BMW 750i (3)
© Bild: Markus Chalilow

BMW 750i Baujahr 1988

Unser Prüfling stammt aus dem Jahr 1988, ist gut ausgestattet, aber weit von dem entfernt, was damals möglich war. Elektrische Fensterheber vorne und hinten, Leder-Komplettausstattung sowie automatische Zweizonen-Klimaautomatik hat unser Bayer mit an Bord, dazu noch einen Tempomaten – äh sorry, natürlich hieß das damals Geschwindigkeitsregelanlage – sowie einen Bordcomputer.  Und knappe 145.000 Kilometer auf der Uhr. 491 cm lang ist der Siebner – das schafft Platz für die Passagiere. Könnte man meinen. Der mächtige Motor im Bug braucht Platz, hinzu kommt ein ebenfalls nicht bescheidener Kofferraum mit einem Volumen von 500 Litern. Ach ja, auch der 102 Liter fassende Tank musste noch Platz finden. Tja – da bleibt für die Passagiere nicht mehr viel übrig.

BMW 750i (11)
© Bild: Markus Chalilow

In einem 7er sitzt man nicht hinten – man fährt damit

Jedenfalls, wenn man das Raumangebot mit heutigen Fahrzeugen vergleicht. Vorne gibt’s gute Sitze und viel Beinfreiraum, hinten sind die Sitze zwar auch gut – wenn auch mit etwas rutschigem Leder ausgeschlagen – aber die Kniefreiheit ist bescheiden. Dagegen fühlt man sich heute im Fond eines Skoda Superb wie in einer Turnhalle. Aber in einem 7er sitzt man nicht hinten – man fährt damit. Erst recht, wenn der gewaltige Zwölfender verbaut ist. Ein Dreh am Zündschlüssel – der Anlasser beginnt mit der Arbeit und schon erwacht der intern M70B50 genannte Triebsatz zum Leben. Und wie! Ein heller, wacher Sound erwartet den 7er-Besitzer.

BMW 750i (2)
© Bild: Markus Chalilow

Nun fordern wir auch die Automatik zur Arbeit auf

Der Wagen setzt sich spontan in Bewegung, viel spontaner, als dies zum Beispiel der Jaguar-XJ aus dieser Zeit tat. Überhaupt wirkt der BMW schon auf den ersten Metern ziemlich sportlich. Die Federung hat nichts Sänftenhaftes, obwohl der Federungskomfort auch nach heutigen Maßstäben nicht schlecht ist. Sind die 7,5 Liter Motorenöl einmal warm, kann man dem BMW auch die Sporen geben – der seidenweich agierende Motor mit je einer obenliegenden Nockenwelle hat gar nichts dagegen. Er dreht sehr leichtfüßig hoch und beschleunigt den gut 1.850 kg schweren Wagen zügig. BMW nennt 7,4 Sekunden für den Spurt aus dem Stand auf 100 km/h. Der 750i ist theoretisch für 272 km/h gut, wird aber bei 250 km/h elektronisch abgeregelt. Es geht also was, wenn man den E32 sportlich bewegen will, doch man muss sich auch eines gewissen Verbrauchs gewahr sein. Zwar soll es Zeitgenossen geben, die mit einem Durchschnittsverbrauch von 10 Litern aus dem Berngebiet ins Tessin fahren.

Der Sound des Zwölfzylinders ist ein Gedicht

Wer aber ab und zu den gewaltigen Bumms und das maximale Drehmoment von 450 Nm bei 4.500 Umdrehungen genießen möchte, wird den Verbrauch kaum unter 14 Liter drücken können. Doch das ist alles graue Theorie. Wer sich heute einen solchen Wagen zulegt, wird nicht Tausende von Kilometern pro Jahr zurücklegen. Dafür sind Reifen (TRX-Pneus von Michelin) zu teuer und die sonstigen Unterhaltkosten (der Kerzenwechsel allein ist eine Aufgabe für Kontorsionisten) zu teuer. Aber das Gleiten im 7er ist schon ein Erlebnis der Sonderklasse. Denn das Fahrzeug ist auch heute noch voll alltagstauglich, die Übersicht dank dürrer A-Säulen und großer Scheiben hervorragend. Und wie gesagt, der Sound des Zwölfzylinders ist in jedem Drehzahlbereich ein Gedicht. Dazu läuft er fast vibrationsfrei. Das Automatikgetriebe und die Hinterachse unseres Testwagens waren zudem in derart guten Zustand, dass es auch bei heftigen Lastwechseln keinerlei Poltergeräusche gab. Eine Besonderheit in unserem Testwagen: Anstelle des Aschenbechers ist ein Natel-C fix eingebaut. Das Gerät lässt sich aber fast spurenfrei entfernen, die Originalteile sind noch vorhanden. Verbaut ist ein Storno 6000, welches von Storno A/S in Flensburg (gehörte damals zu Motorola) entwickelt wurde und damals so etwas wie der Rolls-Royce unter den Autotelefonen war. Mit dem Thema Autotelefon nähern wir uns auch den Problemen von Luxusfahrzeugen aus den 80er-Jahren an: der Elektronik.

Kontorsionist – Schlangenmensch, bei der Arbeit

Das Problem des Luxusfahrzeugs

Der 750i verfügt bereits über zahlreiche Displays und sogar einen Bordcomputer mit zahlreichen Funktionen. Doch genau diese Displays funktionieren nicht ewig. Da fehlen dann auf einmal Buchstaben oder gar ganze Zeilen. Ersatz ist teuer und manchmal auch sehr schwierig zu bekommen. Bei BMW ist das Problem klein, da man sich auch um die Besitzer klassischer Automobile kümmert. Eine gut gefüllte Brieftasche hilft aber sehr. Oder der Blick ins Internet. Der E32 hat auch heute noch viele Fans, die sich voller Inbrunst um ihre Autos kümmern und so manchen Trick ausbaldovert haben, um die Autos am Laufen zu halten. Stellvertretend sei hier das Siebner-Forum genannt.

Vielen Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-classic.com