Das Atomium reift zum Wahrzeichen Brüssels.
 

1958 – Das Jahr: Die Gesichter des Atoms

Raumfahrt, Nukleares… und Österreich kann immerhin Schi fahren.

24.02.2011 Autorevue Magazin

Das Wirtschaftswunder lässt 1958 erstmals ahnen, dass Aufschwünge auch wieder abschwingen: Europa ist von der Rezes­sion weniger betroffen als Südamerika oder die USA, die sich nach außen hin gut hinter Chromglanz und Überschwang ­verstecken. Und hinter Raumfahrt-Design, das sogar vor Fern­sehern nicht halt macht – während bei uns die ersten Geräte ­aufgestellt werden, zeigt der Philco Predicta, dass ein echter ­US-Fernseher nicht der russischen Raumfähre Sputnik ähnlichschauen darf, wenn er auch gekauft werden soll. 1958, im Gründungsjahr der NASA, ein Flop, ist der Fernseher heute ein gesuchtes Sammlerstück. Immerhin reagiert auch Papst Pius XII. auf die Existenz des neuen Mediums, indem er die heilige Klara von Assisi wegen ihres Hanges zu Visionen zur Schutzpatronin des Fernsehens ernennt.

Österreich denkt weniger an Raum- denn an Luftfahrt: Nach dem Abschluss des Staatsvertrages darf Österreich wieder fliegen, der erste Linienflug führt nach London.

Die erste Nachkriegs-Weltausstellung findet 1958 in Brüssel statt, fürs Ausstellungsgelände entwirft der belgische Architekt André Waterkeyn ein sehr überdimensionales Modell der Eisen-Kristallzelle in 165-milliardenfacher Vergrößerung. Es wird als Atomium bekannt wie die Stadt, in der es heute noch immer steht.

Das Atom selbst ist allerdings längst nicht nur positiv konnotiert, auch wenn die Nautilus als erstes Atom-U-Boot 1958 den Nordpol unterquert. Erkannt wird, dass nukleare Abrüstung der Welt gut täte, erstmals schmückt sich die Abrüstungsbewegung mit einem Logo, das bald als Symbol für Frieden flügge wird: Das Peace-Zeichen wird vom pazifistischen britischen Künstler und Designer Gerald Herbert Holtom als stilisierte Kombination der Buch­staben N und D im Winkeralphabet aus der Seefahrt (für Nuclear ­Disarmament, also nukleare Abrüstung) gebastelt, erstmals wird es den Aufrüstern beim Aldermaston-March im April 1958 entgegengehalten: Dieser Marsch führt von ­London zum Atomwaffenforschungszentrum in ­Aldermaston.

Unstimmigkeiten zwischen Ost und West sind bisweilen auch drolliger Natur, wie Schlagerkomponist Peter Kreuder beweist: Er erhebt Plagiatsvorwürfe gegen die Hymne der DDR, sie soll seinem Lied Goodbye, Jonny, im Hans-Albers-Film „Wasser für Canitoga“ 1939 intoniert, zum Verwechseln ähnlich klingen.

Die Bürger der DDR pflegen 1958 andere Freuden, es werden nämlich die Lebensmittelkarten abgeschafft. Kulinarisches geschieht auch in West-Berlin: Das traditionsreiche Café Kranzler am Kurfürstendamm wird, nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, als zweistöckiger Bau mit Rotunde wieder eröffnet, es steht bis heute. Erstmals sind in der BRD auch Autotelefone zu haben, mit denen in ganz Deutschland telefoniert werden kann. Die Verbreitung bleibt gering, da sie rund die Hälfte eines Neuwagens kosten. Teurer wird in Deutschland quasi auch das Übertreten von Verkehrsvorschriften, als in Flensburg die Verkehrssünderkartei ihre Arbeit aufnimmt. Sie hat bis heute viel zu tun.

In Frankreich wird Charles de Gaulle am 21. Dezember zum Präsidenten der Fünften Republik gewählt, sein Amt tritt er aber erst nach den Weihnachtsferien an. Belgien, die Niederlande und Luxemburg schließen sich per Benelux-Vertrag zu einer Wirtschaftsgemeinschaft zusammen, auch das Europäische ­Parlament tritt erstmals zusammen, am 19. März.

Johannes XXIII. wird im Oktober Papst, dank seines Ein­satzes für die Ökumene und den Frieden ist sein Portrait in Italien bis heute allgegenwärtig, was manche seiner Nachfolger von ihrem nicht behaupten können.

Innenpolitisch passiert in Österreich wenig, aber es gibt als Rankhilfe fürs Selbstbewusstsein den Sport. Toni Sailer feiert bei der Alpinen Ski-WM in Bad ­Gastein die letzten Triumphe seiner Karriere: Er ist dreifacher Weltmeister, im Slalom leider nur Zweiter.

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