Selbst ist das Auto: Vom autonomen Fahren

Selbstfahrende Elektroautos sind die Zukunft der individuellen Mobilität in der Stadt. Daran führt kein Weg vorbei. Aber das ist auch gut so. Ein Kommentar.

17.11.2017 Online Redaktion

Arbeit, Arbeit, Arbeit. Immer im Stress. Und das Wetter ist auch noch Mist. Vom Wohnzimmerfenster sehe ich, wie sich die halbe Stadt ins Büro staut. Nichts wäre mir lieber, als mich jetzt in den Fond eines autonomen, meinetwegen elektrischen Taxis zu setzen. Noch gemütlich einen Kaffee trinken und zwei oder drei Anrufe erledigen.

Autonomes Fahren ist die Zukunft

Dieses Szenario löst Goldgräberstimmung aus. Kleine Start-ups und große Konzerne gleichermaßen stürzen sich auf die Idee, autonome Fahrzeuge in der Stadt einzusetzen. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist die Kundschaft in der Stadt zu Hause. Seit zwei Jahren leben (global betrachtet) mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Und der Trend wird anhalten.

Zweitens ergeben autonome Elektroautos in der Stadt mehr Sinn. Sieht man von der Ladeproblematik ab, ist ein Konzept, das für die Stadt entworfen wurde. Hier will wegen mangelnder Parkplätze und anderen Kostentreibern keiner mehr ein Auto besitzen. Es kurz zu mieten und dann auch noch chauffiert zu werden wäre aber tatsächlich ein Freiheits- und Luxusgewinn. Dazu tragen diese Autos zur Lärmreduzierung und der Steigerung der Luftqualität bei.

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Individualverkehr in der Stadt

Doch es gibt auch einen technischen Grund, warum das autonome Stadt-Taxi der Feuchttraum der Geschäftsritter ist. Städte haben weniger Laufmeter an Straßen. Sie lassen sich schnell vermessen und exakt kartographieren. Zumindest im Vergleich zu den abertausenden Kilometer Landstraße und Autobahn. Hier sind die Fahrzeuge auf Straßenmarkierungen angewiesen.

Autonomer Stadtverkehr also. Hier tut sich vor allem eine Firma hervor – Navya Tech aus Frankreich. Das kleine Startup, das selbst mit Hilfe prominenter und kapitalstarker Geldgeber „nur“ 30 Millionen einsammeln konnte, nutzt die Phase, in der die großen Konzerne noch Luft holen, um sich medienwirksam zu inszenieren.

Paris, Las Vegas, Frankfurt

In Las Vegas fährt bereits ein Navya-Taxi elektrisch und autonom einen etwa einen Kilometer langen Rundkurs mit drei Stopps. Allerdings muss hier immer ein Aufpasser im Auto sitzen. Mit einem Joystick samt Not-Aus-Knopf, da es kein Lenkrad gibt. Der Frankfurter Flughafen setzt ebenfalls zwei Navya-Shuttles ein, in einem Paris Geschäftsviertel fahren ebenfalls einige Modelle. All diese Projekte dienen freilich eher als Testprojekt denn als ernsthafter Ersatz für Taxi, Bus und Bahn.

Jetzt macht Navya aber ernst und beginnt in wenigen Wochen mit dem Testbetrieb eines neuen Taxi, dem „Autonom Cab“ in Paris. Das Fahrzeug erinnert rein optisch ein wenig an den Renault Espace. Das Taxi ist 4,65 Meter lang, wiegt zwei Tonnen und bietet auf zwei Sitzreihen Platz für sechs Personen. Der Akku mit einer Kapazität von 33 kWh soll einen zehnstündigen Betrieb garantierten, zumal der Wagen – wenn Passagiere an Bord sind – lediglich 50 Stundenkilometer schnell sein soll.

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Teure Sensoren

Beim Testlauf in Paris sollen angeblich dreißig Fahrzeuge eingesetzt werden. Finanziert wird das Projekt vom französischen Transportunternehmen Keolis und vom Australischen Automobilclub RAC.

Geld ist auch nötig, denn das Autonom Cab kostet 250.000 Euro pro Stück. Was vor allem an der aufwendigen Sensoren-Technologie liegt: zehn Lidar-Sensoren, sechs Kameras, vier Radare und zwei Antennen zur Positionsbestimmung per Satellit gehören zur Ausrüstung. Bereits im dritten Quartal soll mit dem Verkauf des Taxis begonnen werden.

Hohes Tempo ist gefragt. Denn die Qualität der autonomen Fahrzeuge wird wesentlich davon bestimmt, wie viele Fahrsituationen die Software bereits kennt und wie viele Probleme sie lösen kann. Dafür braucht es zwei Dinge: Rechenleistung und Zeit. Im Labor werden endlos Simulationen durchgeführt. Ein Datenschatz, der dann in der Praxis verifiziert werden kann, sollte und muss.

Stadtplaner vs. Autokonzern

Es ist schwer vorstellbar, dass ein Auto Ende 2018 – Navya will im dritten Quartal 2018 mit der Auslieferung der ersten Modelle beginnen – bereits so fehlerfrei fährt, dass es ohne menschlichen Begleiter in die Stadt entlassen werden kann. Experten gehen davon aus, dass die Technologie ab 2020 soweit sein wird.

Dass autonome Elektroautos für den Stadtverkehr aber kommen werden, kann kaum noch angezweifelt werden. Zum einen verändert sich das Autogeschäft. „Mobilität als Service“ ist der große Wachstumsmarkt der Branche bis 2030 (von der Finanzdienstleitung bis zum Flottengeschäft). Zum anderen bestimmen nicht wir Europäer die Trends der Branche. Mobilitätspläne der chinesischen Zentralpartei und Goldgräber aus dem Silicon-Vallye sind die Innovationstreiber.

In der Stadt ist es auch ein Konzeptvergleich. Der Startschuss zum großen Wettkampf ist gefallen: Wer kennt die Zukunft und seine Kunden besser und ist bereit dafür zu arbeiten? Die Stadtplaner oder die Autokonzerne? Oder tun sie sich gar zusammen und bieten ein ganzheitliches Konzept an? Es bleibt spannend und wir sind mittendrin. Gut so.

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