Automobilindustrie und der Brexit: Mahnende Worte im Sturm

Der britische Automobilverband fordert, dass vom Brexit abgelassen wird und BMW und Airbus befürchten Schließungen.

28.06.2018 Online Redaktion

Fast genau zwei Jahre ist es her, dass sich die Wähler in Großbritannien per Volksabstimmung für den Austritt aus der EU entschieden. Für den Brexit. Die Kündigung ging dann im März 2017 raus, seitdem läuft eine zweijährige Verhandlungsrunde. Im März 2019 wird der Brexit rechtskräftig. Seitdem ist wenig passiert, was betroffene Firmen nervös macht. Allen voran den britischen Automobilverband (SMMT), der Anfang der Woche gar forderte, den Brexit zu beenden. Mit dieser Forderung sind sie nicht allein.

SMMT: Exit vom Brexit

Internationale Konzerne haben vor allem das Problem, dass sie Just-in-time produzieren. Das bedeutet, dass die benötigten Teile minutengenau in der Fabrik angeliefert werden. Das spart enorme Lagerkosten und macht die Hersteller in der Produktion sehr flexibel. Sollte der Brexit kommen, kämen auch wieder Zollverfahren, die eine exakte zeitliche Planung stark erschweren und die Kosten nach oben schnellen lassen würden. So die Bedenken der Industrie.

Hier lag der Fehler. In der Produktion.

Die Autoproduktion in England ist traditionsreich.

Doch das eigentliche Problem setzt schon viel früher an: Die Firmen können sich auf die neuen Zollformalitäten nur schwer vorbereiten, da es keinerlei Verhandlungsergebnisse gibt. Die britische Regierung muss quasi aus dem Nichts Handelsabkommen mit allen beteiligten Ländern abschließen oder soweit zurückrudern, dass sie in der Zollunion bleiben können, was nur mit Zugeständnissen an die EU machbar wäre.

Dadurch wächst der Druck auf die Unternehmen, die sich in den vergangenen zwei Jahren merklich zurück gehalten haben. Was vor allem daran lag, dass Boulevardmedien und lautstarke Politiker extrem ungehalten auf jede Brexit-Kritik von Firmen reagierten. BMW hatte bereits 2016 seinen Unmut geäußert und musste sich daraufhin „erbärmliche Angstmacherei“ vorwerfen lassen.

Termindruck und Planungsschwierigkeiten

Doch der Druck hat zugenommen und so hat sich Anfang der Woche der britische Automobilverband zu Wort gemeldet. Der rechnet vor, dass 186.000 Menschen in der Produktion direkt arbeiten und weitere 664.000 Arbeitnehmer indirekt durch diesen Produktionszweig beschäftigt werden. Und zum Brexit: „Die gegenwärtige Verhandlungsposition geht direkt gegen die Interessen des Automobilsektors in Großbritannien, der im Binnenmarkt und in der Zollunion floriert hat.“ Rund 1.000 Lkw würden im Rahmen der Just-in-Time-Produktion jeden Tag den Kanal überqueren – Zollformalitäten würden einen logistischen Alptraum auslösen.

Ein Alptraum, den nicht jeder Hersteller mitmachen will. So hat sich, wie schon vor zwei Jahren, auch BMW wieder zu Wort gemeldet. Die produzieren in England den Mini und die Modelle der Marke Rolls Royce. 8.000 Mitarbeiter zählt der Konzern an vier Standorten direkt, weitere 55.000 sind davon abhängig.

Abwarten und Tee trinken ist bei derart vielen Arbeitsplätzen nicht die optimale Strategie.

Stephan Freismuth, der bei BMW für Zollfragen zuständige Manager, kündigte in einem Interview mit der Financial Times drastische Schritte an. Er sagte, dass BMW nicht weiter in England werde produzieren können, sollten die Zulieferer tatsächliche an der Grenze stoppen müssen.

Achse der Willigen: Airbus, BMW, SMMT

Ebenfalls knallhart äußerte sich Airbus. Flugzeugteile werden im Laufe des sehr langen Produktionsprozesses mehrfach zwischen verschiedenen Werken hin und hergeschickt. Dazu kommt, dass für sie strenge Sicherheitsstandards gelten, die von der European Aviation Safety Agency (EASA) kontrolliert werden. Doch was passiert, wenn die EASA nicht mehr für britische Flugzeugteile zuständig ist und keine vergleichbare Kontrolle mehr stattfindet? Es darf nicht davon ausgegangen werden, dass bis März 2019 diese Fragen vollständig beantwortet werden können. Schon gar nicht wird es dann ein britisches Kontrollorgan geben, dass mit der EASA vergleichbar ist. Und so warnte Tom Williams, Airbus-Vorstand, dass das Unternehmen keine Investitionen mehr in den entsprechenden Werken tätigen und auch keine Produktionsaufträge mehr nach England vergeben werde.

© Bild: Porsche

Boris Johnson, einer der Vorreiter der Brexit-Bewegung und derzeitiger Außenminister der Briten, wurde vergangenen Freitag zu den Sorgen der Industrie gefragt. Im Rahmen eines Empfanges des Auswärtigen Amtes antwortete er: „Fuck business.“

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