Im Rückspiegel betrachtet

Rückblickend betrachtet hatte es der Cadillac XLR nach seiner Markteinführung 2004 nicht leicht. Wir machen eine Zeitreise und geben dem Roadster eine 2. Chance.

radical mag
Veröffentlicht am 05.04.2017

Wohin Cadillac derzeit ganz genau will, das weiß wohl auch Cadillac selber nicht. Die einst so stolze Marke, gegründet 1902 und tatsächlich während Jahrzehnten «Standard of the World» (wie etwa der Cadillac V-16 oder der Eldorado Brougham), dümpelt vor sich hin, bringt zwar alleweil Neuheiten, bleibt aber ein Schatten ihrer selbst. Die Misere begann in den 70er Jahren – und wohl kein anderer Hersteller war geistig so sehr betroffen von der Ölkrise wie die Amerikaner. Allerdings gab es zwischendurch schon immer wieder Modelle, die mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt hätten – eines davon ist der Cadillac XLR.

Auf der Suche nach seiner Identität

Auch in den 90er Jahren des vergangenen Jahrtausends suchte Cadillac einigermaßen verzweifelt nach seiner Identität, hatte immer wieder neue Ideen, und irgendwann beschloss man damals: Design, das muss es sein. 1999 wurde die Studie Evoq vorgestellt, ein Konzept, das in erster Linie von der Kante lebte. Die ersten ähnlich kantigen Stücke von Cadillac waren dann der CTS sowie der SRX – und der XLR, der 2004 auf den Markt kam, übernahm die Optik der Studie nahezu 1:1. Viel Lob gab es dafür damals nicht – und auch auf der Markt blieb der bis 2009 produzierte Stahldach-Roadster ziemlich erfolglos. Cadillac hatte erwartet, pro Jahr etwa 7.000 Stück verkaufen zu können – in der sechsjährigen Produktionszeit liefen genau 16.652 Exemplare vom Band. Interessant: Nirgends auf dem Fahrzeug steht der Name Cadillac – es ist fast ein bisschen so, als ob man sich in Detroit für diesen Wagen geschämt hätte.

© Bild: Peter Ruch

Zwischen Cruisen und sportlich

Dabei: es war eigentlich ein sehr gutes Auto, das Cadillac da produzierte. Der XLR basierte auf der Corvette C6, wurde allerdings deutlich komfortabler abgestimmt. Das hatte zur positiven Folge, dass das Fahrverhalten des Cadillac – trotz hinten quer angeordneter Blattfedern – nicht bloß für amerikanische Verhältnisse sehr gut ist: er kann cruisen, aber er kann auch ziemlich sportlich. Da muss man halt auch sehen: Transaxle-Bauweise, perfekte 50:50-Gewichtsverteilung. Und dazu auch noch die hochwertige Magnetic-Ride-Control, die ja auch die Corvette zu einer feinen Fahrmaschine macht. Der Roadster ist quasi frei von Verwindungen und Vibrationen, was daher kommt, dass er noch durch einen separaten Rahmen gestützt wird; ein Aufwand, der schon damals nicht mehr Usus war. Auch die Lenkung ist angenehm direkt mit guter Rückmeldung von der Straße, die Bremsen sind dem Fahrzeug, das mit einem Gewicht von 1,6 Tonnen erstaunlich schlank ist, jederzeit gewachsen.

Dann wird es noch richtig sportlich

Denn es geht schon ziemlich gut vorwärts im XLR. Die Basisversion mit dem 4,6-Liter-Northstar-V8 bringt es auf 326 PS, das reicht für einen Paradesprint auf 100 km/h in 5,9 Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h; die Northstar-Maschine mit ihren vier obenliegenden Nockenwellen und der Nockenwellenverstellung gehört eh zum Besten, was in jüngerer Vergangenheit von dem US-Motorenbauern ersonnen wurde, die Kraftentfaltung ist schön linear (maximales Drehmoment 423 Nm bei 4400/min), die Geräuschentwicklung sehr zurückhaltend, erst ab 5000/min tönt der Achtzylinder dann auch so richtig sportlich – und dreht locker bis 6500/min. Entgegen aller Vorurteile ist der Northstar auch erfreulich verbrauchsgünstig, bei zurückhaltendem Gasfuß sind weniger als 10 Liter auf 100 Kilometern problemlos möglich. Ab 2005 gab es dann auch noch den XLR-V, noch 4,4 Liter Hubraum, dafür ein Kompressor und deshalb dann satte 449 PS.

© Bild: Peter Ruch

Eukalyptus und reichlich ausgestattet

Der XLR war damals ein teures Fahrzeug, in der Basis kostete er 2004 in den USA deutlich über 75.000 Dollar, In Deutschland wurden satte 109.400 Euro verlangt – mehr noch als für einen vergleichbaren Mercedes SL. Doch der Cadillac war ab Werk schon komplett ausgestattet (nur die Metallic-Lackierung stand in der Aufpreisliste), also mit DVD-Navi, Head-up-Display, Abstandsradar, Einpark-Hilfe, Touchscreen, Bose-Soundsystem, klimatisierte Sitze; nicht vergessen, wir schreiben das Jahr 2004. Einmalig damals das Keyless-Go-System – und die Türen, die sich auf Knopfdruck öffneten. Das Dach klappte sich, selbstverständlich vollautomatisch, in 30 Sekunden in den Kofferraum, der aber dann seinen Namen nicht mehr verdiente, 125 Liter fasst bei anderen Fahrzeugen schon fast das Handschuhfach. Aber innen ist er eigentlich schön, für einen Amerikaner schön aufgeräumt, auf dem Armaturenbrett und am Lenkrad gibt es echtes Holz (Eukalyptus).

Aus heutiger Sicht

Und ja, das Fahren macht durchaus Freude. Natürlich sind wir uns heute wilderen Vortrieb gewohnt, aber er schiebt schon gut an, die 5-Gang-Automatik schaltet ruckfrei – und gerade bei offenem Dach ist das V8-Bollern bei höheren Drehzahlen sehr erfreulich. Die ganz engen Bergstraßen sind sein Ding nicht so, obwohl der XLR mit 4,51 Metern Länge, 1,84 Metern Breite und 1,28 Metern Höhe heute einigermaßen zierlich wirkt. Doch auf schön geschwungenen Landstraßen kann man es gut fliegen lassen, das macht auch so ein Mercedes SL dem Cadillac gar nichts vor. Innen herrscht eine angenehme Enge, gute Sitze, logische Bedienung. Und irgendwie gefällt er heute optisch deutlich besser als damals…

Dieser Cadillac XLR in sehr schönem Zustand wurde von der Oldtimer Galerie Toffen zur Verfügung gestellt. Er kommt am 29.4. bei der großen Auktion in Toffen unter den Hammer.

Vielen Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-mag.com


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