Alfa Romeo 4C: quick & dirty

Völlig überraschend, quasi aus dem Nichts hat die italienische Marke mit dem 4C bewiesen, dass sie ihre Geschichte verstanden hat.

Veröffentlicht am 28.06.2014

Kürzlich hat Fiat-Boss Marchionne erklärt, wie es weitergehen wird mit Alfa Romeo. Sehr viel Geld will er investieren, mindestens 5 Milliarden Euro bis 2018, um aus der italienischen Legende eine globale Marke zu machen, eine Waffe gegen die längst alles beherrschenden deutschen Premium-Hersteller. Alles soll anders werden, großartiges italienisches Design, Heckantrieb – die Visionen des Sergio M. sind hochtrabend. Und wir – obwohl im Herzen definitiv Alfisti – haben, wahrscheinlich berechtigte, Zweifel, dass es funktionieren wird.

alfa romeo 4c 2014 seite felgen heckleuchten

Alfa Romeo 4C: gebaut bei Maserati in Modena

Und wir verstehen dabei etwas nicht, gar nicht: das Gerät, mit dem Alfa Romeo sich in die Herzen der Kunden zurückfahren kann, parkt doch bereits vor der Tür. Einverstanden, der 4C ist nur eine Kleinserie. Monocoque aus Carbon, das ist extrem teuer in der Fertigung, sehr kompliziert, damit lässt sich eine Marke nicht retten, damit kommen die Italiener nicht auf die Stückzahlen, die sie dringend benötigen.

Doch der 4C, der bei Maserati in Modena gebaut wird, hat ansonsten alles, was es braucht, um den deutschen Perfektionisten (Langweilern?) von Audi und BMW das Fürchten zu lehren. In erster Linie: wunderbare, pure Emotion.

alfa romeo 4c 2014 innen innenraum cockpit lenkrad sitzeAlfa 4C: knappe 4 kg/PS

Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters, doch es gibt – mit Ausnahme der vorderen Laternen – wohl nicht viel, was sich gegen das Design des 4C einwenden ließe. Er ist ein Winzling, weniger als 4 Meter lang. Und er ist nur gerade 895 Kilo schwer: ein sensationeller Wert (ok, fahrbereit sind es dann auch über 1000 – immer noch ein sensationeller Wert). Das hat zur Folge, dass es keinen großen, fetten Motor braucht, um auf hervorragende Fahrleistungen zu kommen, die 240 PS aus dem 1,8-Liter-Vierzylinder katapultieren den Italiener in 4,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h, machen ihn über 250 km/h schnell. Noch viel wichtiger ist aber die Art und Weise, wie die Maschine zur Sache geht: sie hat von tief unten Druck, sie dreht weit, weit hoch, wie ein Turbinchen.

alfa romeo 4c 2014 sitze schalensitze innen innenraum

AC/DC meets schlecht gelaunte Celtic Frost

Und sie ist: laut, sehr laut sogar – aber für die Fans ist das einfach nur wunderbare Musik. Der Alfa ist schon laut, wenn er nur parkiert. Den Nachbarn fallen die Plomben aus dem Gebiss, wenn man die Kiste startet. Er röhrt und stottert und knallt und lärmt, er saugt viel Luft und bläst sie irgendwie unkontrolliert von sich, er macht unnötige Geräusche. Und oberhalb von 5000/min ist so ein bisschen, als ob man einem von Flöhen geplagten Straßenköter in die Weichteile tritt, AC/DC meets schlecht gelaunte Celtic Frost – und es ist einfach nur: gut. Weil: ehrlich. 4-Zylinder-Turbo können keinen anständigen Lärm machen? Falsch. Sie können. Wenn man nur will. Und keine Sound-Aktuatoren verbaut.

Der Motor ist mittig eingebaut, die Kraftübertragung nach hinten erfolgt über ein 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe. Dieses ist, naja, der VW-Konzern kann das besser. Aber das stört ungefähr eine Zehntelsekunde. Trotzdem: handgerissen wäre er noch wunderbarer. Vielleicht hat Alfa ja dann ein Einsehen mit unsereins, wenn der Roadster kommt (der kommt). Dem nehmen sie ja auch die döddeligen Lampen und geben ihm: Schöneres.

alfa romeo 4c 2014 kofferraum hinten heckSelbstverständlich hat der Italiener Schwächen.

Die Verarbeitung könnte sauberer sein; manchmal ist Spaltmaß schon ok, das Automobil wäre (noch) schöner, wenn die einzelnen Linien so richtig sauber geführt wären, die Teile zueinander passen würden. Das Innenleben etwas liebevoller gestaltet. Das Fahrwerk etwas weniger giftig abgestimmt; er kommt zu früh vorne, dann geht aber hinten die Sause, und dann braucht man dicke Eier, um auf dem Pinsel zu bleiben. Die Sitze bequemer; sie sind schon ok, sie halten die Querbeschleunigung der zwei Insassen in klaren Grenzen, aber hin und wieder fährt man ja auch «Verbindungsetappen» zwischen zwei Berglein, und die möchte man ohne Rückenprobleme überleben. Kofferraum? Hat es wohl auch, haben wir nicht benötigt. (Und wenn Sie wissen wollen, wie man alleweil an Gepäck spart: www.radical-lingerie.com.)

Helferlein und Familie

Ansonsten hat der Alfa alles, was man einem modernen Automobil erwarten kann, einen Spurhalte-Assistenten (in Form des Lenkrads), einen Regensensor (indem der Fahrer da rechts an einem Schalter rumfummelt), einen Tempomaten (der heißt Gasfuß), und er hat auch einen Abstandsradar, nämlich die Augen des Piloten in Zusammenarbeit mit der Bremse. Genau so soll es auch sein, der Fahrer fährt, nicht irgendein Computer-Algorithmus, der sämtliche Fahrfreude irgendwo im Sumpf der Elektronik versickern lässt. Das fordert die Pilotin, den Besitzer, doch das darf so sein bei einem Alfa Romeo. Schlaftabletten auf Rädern gibt es andernorts schon genug; der 4C dagegen ist ein nervöses, fieses Teil, das den Fahrer jede Sekunde des Weges fordert. Man will mit ihm nicht von München nach Hamburg fahren, dafür ist er zu laut, zu grob, zu aktiv, man würde schweißgebadet ankommen.

Doch dafür will man am Sonntagmorgen um 5 aufstehen, zwei, drei Pässe fressen, sich dann unter die Dusche stellen – und der Familie bestens gelaunt das Frühstück servieren. Er ist also auch so etwas wie ein «Familienauto».

alfa romeo 4c 2014 hinten heck heckleuchten felgen

Die Leichtbauweise drückt den Verbrauch

Wundersamerweise verbrauchte der 4C in unserem Test nur gerade 7,4 Liter auf 100 Kilometern; der Fröhlicheinherrrollwert hatte eine 6 vorne, das grobe Angasen eine 9. Das ist für ein Fahrzeug mit diesen sportlichen Möglichkeiten, die auchgerne genutzt werden, ein schlicht hervorragender Wert. Und der Beweis dafür, dass Gewicht der größte Feind von umweltfreundlicheren Automobilen ist. Auch der Preis von ab 55’000 Euro ist ein kleines Wunder, bei der (deutschen) Konkurrenz kosten solche Fahrleistungen immer einen sechsstelligen Betrag.

alfa romeo 4c 2014 seite weiß
Gibt es auch in Modeweiß, braucht es aber nicht.

Gibt es überhaupt ernsthafte Konkurrenten?

Nein. Ok, vielleicht bei Lotus. Und bei anderen schrägen Kleinstherstellern. Porsche ist, eben, viel zu teuer, BMW hat sich längst aus diesen Segment – Freude am Fahren – verabschiedet, Audi konnte das noch nie (ist ja eigentlich auch nur Frontantriebszeug…), Mercedes weiß nicht einmal vom Hörensagen, um was es hier geht. Aber wir hören sie schon wieder jaulen, die Zweifler, der rostet ja schon im Stand (tut er nicht – siehe technische Vorraussetzungen…), der geht dauernd kaputt (so what – reden wir doch mal Tacheles zu den VW-Group-DSG?), der ist nach der ersten Schlüsseldrehung nix mehr wert (Stichwort: 8C…).

Mit dem 4C ist Alfa ein Meisterwerk gelungen. Völlig überraschend, quasi aus dem Nichts hat die italienische Marke bewiesen, dass sie ihre Geschichte verstanden hat, dass sie noch zu den ganz großen automobilen Emotionen fähig ist, dass sie richtig großartige Fahrzeuge bauen kann. Darauf sollte Sergio Marchionne in Zukunft bauen, nicht auf 5-Jahres-Pläne, wie sie einst die DDR kannte. Denn am Schluss, schrieb schon T.S. Elliot («birth, copulation, death»), geht es um: Sex. Jener ohne Blümchen. Nicht quick. Aber dafür richtig: dirty. Das geht ans Herz und direkt in die Hose und auch noch ans Händchen; man möchte ihn berühren, den Alfa, immer wieder. Danke sagen.

Alfa Romeo 4C Modellvorstellung.
Alfa Romeo 4C Spider Modellvorstellung.
Alfa Romeo 4C Preise und Infos auf der Homepage von Alfa.


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