Graham Hill mit seinem Sohn Damon 1967 in Silverstone.
 

Jeder kann ein F1-Auto fahren, oder?

Niki Lauda meint, dass fast jeder ein F1-Auto fahren kann. So einfach ist es natürlich nicht, wenn manch einer einen Schummelzettel braucht.

02.07.2016 APA

Lewis Hamiltons rundenlange Versuche, seinen „spinnenden“ Mercedes beim Grand Prix von Europa wieder optimal zum Laufen zu bringen, sind zuletzt die unterhaltsamsten TV-Szenen des Rennsonntags in Baku gewesen. Über die Kunst, ein aktuelles Formel-1-Auto zu lenken, wurde seitdem viel diskutiert. Offenbar ist es schwer und erstaunlich einfach zugleich.

Probleme bei Hamilton und Rosberg

„Leicht“ aber nur dann, wenn man einen dieser fast tausend PS starken Hybriden einfach nur moderat um den Kurs rollen will. Im Grenzbereich hatten hingegen trotz der vielen elektronischen Fahrhilfen zuletzt sogar Könner wie Weltmeister Hamilton in Baku oder davor sein Teamkollege Nico Rosberg in Barcelona gepatzt.

Seitenhieb von Helmut Marko

Nicht zuletzt als Folge der eingeführten „Funkverbote“ sind beide schon mehrmals mit der komplexen Elektronik nicht zurecht gekommen. Die Folge: In Spanien crashten beide Mercedes-Piloten, in Baku kam Hamilton über Platz fünf nicht hinaus. „Mittlerweile kann man sich auf Fehler eines Mercedes-Piloten fast schon verlassen“, meinte Helmut Marko von Red Bull augenzwinkernd.

„Jeder“ kann ein Formel-1-Auto fahren

Dabei kann laut Niki Lauda fast „jeder“ ein Auto der sogenannten Motorsport-Königsklasse steuern. Nur eben zehn Sekunden langsamer als die Profis. „Das kann jeder, der halbwegs Auto fahren kann“, sagt der dreifache Weltmeister im F1-Special des „Red Bulletin“. Dem stimmt im Prinzip auch Max Verstappen zu. Mit einer großen Einschränkung: „Das war auch vor 40 Jahren schon so und nicht, wenn man wirklich schnell fahren soll.“

Mehr Game Controller als Lenkrad

Der 18-jährige Niederländer gilt als „Wunderkind“ und jüngster Vertreter jener Generation, die das Rennfahren im Kart und auf der Playstation gelernt hat. Und wie Spielkonsolen sehen auch die aktuellen Lenkräder der Formel-1-Piloten aus. Die ein Kilogramm schweren, aber mehr als 20.000 Euro teuren Teile haben mit herkömmlichen Lenkrädern nichts mehr zu tun. Sie sind vielmehr eine Art elektronische Schaltzentrale, die man auch bei 340 km/h überblicken können muss.

Etliche Knöpfe, Verstellräder und mehr

Kein leichtes Unterfangen, denn mehr als ein Dutzend bunter Knöpfe gibt es da ebenso wie zahlreiche Verstellräder und drei große Management-Schalter, die über jeweils 16 Einstellungen verfügen. Im Zentrum ist ein Bildschirm, auf dem u.a. Geschwindigkeit, Gänge, Rundenzielzeiten und Temperaturen angezeigt werden.

Schummelzettel fährt mit

Auch auf der Rückseite hat ein modernes Formel-1-Lenkrad Funktionsknöpfe. Außerdem befinden sich dort die Wippen für Kupplung und Schaltung sowie der Schnellverschluss zum Abnehmen des Lenkrades. Die Lenkrad-Konfiguration ist so komplex, dass Piloten bisweilen „Schummelzettel“ aufgeklebt haben.

Wo befindet sich die Kupplung?

Die Kupplung befindet sich am Lenkrad, weil Formel-1-Fahrer mit den Füßen nur Gas geben und bremsen. Ist ein Bolide einmal in Bewegung, kann ohne zu kuppeln und Zugkraftunterbrechung geschaltet werden. Aber nur sequenziell, also einen Gang nach dem anderen.

Absterben quasi unmöglich

Setzt sich ein normaler Autofahrer erstmals in einen Formel-1-Boliden, folgt der erste große Unterschied. Gestartet wird ein Wagen extern von einem Mechaniker. „Absterben“ kann es danach dank der Anti-Stall-Funktion, die bei zu geringer Drehzahl in den Leerlauf schaltet, praktisch nicht mehr.

Verstappen ist amüsiert

Hamiltons von Flüchen begleitete Versuche, in Baku zum richtigen Motor- bzw. Fahrmodus zurückzukehren, haben Verstappen amüsiert. „Das muss man eben von Anfang an lernen, wie in der Schule“, sagte der Niederländer, der noch keinen Führerschein hatte, als ihn Red Bull mit 16 Jahren verpflichtete. „Nico hat es in Baku ja auch gelöst. Man muss sich die ganzen Funktionen eben einprägen, vielleicht hat Lewis das nicht gemacht.“

Bei Tempo 300 aufs Lenkrad starren

Bei mehr als 300 km/h auf das Lenkrad zu starren, sei für Profis nicht gefährlich, betont Verstappen. „Es ist alles Lernen und Übung. Man gewöhnt sich daran.“ Zusammenfassend seien die Hauptunterschiede zur Formel 1: „Viel mehr Grip und Anpressdruck, die Beschleunigung und vor allem die irren Bremsen.“

Ganz einfach

Von der heiteren Seite sieht Teamkollege Daniel Ricciardo den Vergleich. „Du setzt dich in den Wagen und gibst Gas. Je mehr, desto schneller bist du. Ganz einfach“, beschrieb der Australier das Formel-1-Fahren. Für Ricciardo ist der größte Unterschied die eingeschränkte Sicht. „Selbst die Onboard-Kameras zeigen das nicht richtig. Als tiefliegender Fahrer siehst du nicht, was unmittelbar vor deinem Auto ist. Sondern nur das, was mindestens zehn Meter entfernt ist.“

Skifahren ist gefährlicher

Das für die aktuellen Piloten Positivste ist, dass man mittlerweile auch schwerste Unfälle dank der sicheren Fahrerzellen unverletzt überstehen kann. Moderne Formel-1-Autos sind so sicher geworden, dass viele bereits zum Umdenken mahnen. Marko etwa. Der ehemalige Grand-Prix-Pilot und Le-Mans-Sieger ist überzeugt: „Heute leben Skifahrer gefährlicher als Formel-1-Piloten.“

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